Werders Co-Trainer Florian Kohfeldt im Porträt

Der Student für die Details

Von Thorben Rybarczik
Mittwoch, 20.05.2015 | 17:50 Uhr
Florian Kohfeldt und Viktor Skripnik: Eine lange und erfolgreiche Beziehung
© imago
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Vor einigen Monaten steckte Werder Bremen noch tief im Abstiegssumpf, jetzt kann sich Werder am letzten Spieltag noch die Tür zur Europa League offen halten. Als Architekten des Erfolgs gelten Chefcoach Viktor Skripnik und sein Assistent Torsten Frings - doch im Schatten der beiden Werder-Ikonen sorgt Florian Kohfeldt als Stratege für das taktische Feintuning. Dabei saß der 32-Jährige vor nicht allzu langer Zeit noch als Fan auf der Tribüne.

Als Werder Bremen zum Auftakt des 9. Spieltags mit 0:1 gegen den 1. FC Köln verliert, herrscht Untergangsstimmung an der Weser. Das Team von Robin Dutt wartet noch immer auf einen Sieg in der Liga und steht mit vier mickrigen Punkten am Tabellenende.

Daran, dass der Kredit von Dutt nach diesem Spiel endgültig aufgebraucht sein würde, zweifelt niemand mehr. Nur die Frage nach seinem Nachfolger ist noch unbeantwortet. Das ändert sich am nächsten Tag, als der Verein verkündet: "Skripnik und Frings übernehmen Werder". Jetzt, am Ende der gleichen Saison, stehen die Bremer vor einem Endspiel um Platz sieben, der unter Umständen für die Europa League reicht.

Viktor Skripnik und Torsten Frings also, zwei Werder-Ikonen, die als Spieler Titel gewannen und den Verein in- und auswendig kennen. Hinter den beiden Anführern agiert allerdings noch ein dritter Architekt, der zunächst bestenfalls in den Fußnoten erscheint: Florian Kohfeldt, mit 32 Jahren jüngster Co-Trainer der Liga, vielen besser bekannt als Werders "Student".

Von Skripnik aussortiert

Im Gegensatz zu Skripnik und Frings hat Kohfeldt sein Fußballwissen nicht als ehemaliger Profi erworben. Sein Talent reichte dafür einfach nicht aus - was übrigens auch sein jetziger Chef früh erkannte. Torhüter Kohfeldt wechselt 2001 vom TV Delmenhorst in Werders dritte Mannschaft. Vier Jahre später übernimmt Double-Gewinner Skripnik als Perspektivtrainer das Team. Kohfeldt sitzt allerdings auch unter Skripnik meistens auf der Bank.

In Kohfeldt wächst zu dieser Zeit die Erkenntnis, dass der Zug für eine Laufbahn als Profi abgefahren ist. Stattdessen wird er Nachwuchstrainer, durchläuft von 2006 an Werders Juniorenteams als Assistent, ehe er mit 30 Jahren erstmals einen Cheftrainerposten bei der U16 annimmt. Nebenbei schließt er ein Studium in Sport- und Gesundheitswissenschaften ab, coacht Werders U17 als "Co" unter Skripnik, genau wie 2014 Werders U23. Natürlich folgt er seinem langjährigen Chef auch ins Profiteam.

Die Liebe zum Detail

Er kennt Skripnik also so gut wie kaum ein anderer, die beiden ergänzen sich perfekt. Die größte Stärke des Ukrainers sei dessen "Empathie für die Mannschaft", er wisse einfach, "welche Strömungen im Team fließen" und was einzelne Spieler brauchen. Kohfeldt dagegen geht theoretischer vor: "Ich habe vielleicht einen etwas analytischeren Zugang zu der Materie. Ich mache mir einfach über ganz viele Kleinigkeiten Gedanken", sagt er der Kreiszeitung.

Diese Kleinigkeiten können aber entscheidend sein. Kohfeldt analysiert beispielsweise die Ballannahmen der gegnerischen Außenverteidiger und ob deren erste Impulse mit dem Ball nach vorne oder hinten gehen. Anhand dieser Erkenntnisse legt er dann das Pressing der Grün-Weißen fest, deren Umschaltspiel neben den Standards die größte Offensivwaffe ist. Nicht selten springt dank eines schnellen Angriffs nach Ballgewinn ein wichtiges Tor oder eben eine gefährliche Standardsituation heraus, die dann über "Umwege" zum Erfolg führt.

Von der Tribüne an die Seitenlinie

Kohfeldt zieht seine Arbeitsweise durch, auch wenn er in kürzester Zeit zahlreiche Stufen in der Karriereleiter hochgeklettert ist. "Auch 14-Jährige sind schon sehr anspruchsvoll. Teilweise sogar anspruchsvoller als die Profis." Es sei aber wichtig, sich als 32-jähriger "Rookie" nicht vor die Mannschaft zu stellen und zu sagen, "ich weiß alles, so machen wir das jetzt."

Und spätestens, als der gebürtige Siegener den zehnmonatigen Trainerlehrgang im März dieses Jahres als Jahrgangsbester abschließt, ändert sich die öffentliche Wahrnehmung - die Leute merken, dass es da noch einen dritten Trainer gibt, der nicht nur die Pylonen und Slalomstangen verschiebt. Plötzlich ist vom "Taktikfuchs" im Hintergrund die Rede, vom Strategen, der für die Gegneranalyse zuständig ist und die entscheidenden Feinjustierungen vor dem Spiel vornimmt.

Sein Wort ist Gesetz

Cheftrainer Skripnik drückt es in seinem unnachahmlichen Deutsch so aus: "Er ist unser Stratege, der uns macht die letzte Tür zu." Was er damit meint: Wenn Kohfeldt etwas entdeckt und anmerkt, dann ist sein Wort Gesetz. Auch, wenn er das selber eher nüchterner sieht und betont, dass alle Entscheidungen als Team getroffen werden.

Im Umgang mit den Spielern profitiert Kohfeldt sogar davon, dass er nie selber Profi war. "Weil sie (Skripnik und Frings, d. Red.) schon alles erlebt haben, setzen sie bei den Spielern vieles voraus. Ich schlage dann vor, das eine oder andere noch mal anzusprechen, weil es vielleicht nicht bei allen angekommen ist". Genau dieses Gespür für die Details macht ihn unverzichtbar im Dreiergespann.

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Den Profis, die jetzt auf sein Kommando hören, schaute Kohfeldt eigenen Aussagen zufolge "gefühlt 400 Mal" von der Tribüne zu. "Ich bin seit ich denken kann Fan von diesem Verein und dann stand ich plötzlich beim Training auf dem Platz. Das war einfach umwerfend."

Umwerfend ist auch die Erfolgsbilanz der Bremer unter "Team Skripnik". Von 24 Spielen gewannen sie elf und holten zudem sechs Unentschieden. Dass das ursprüngliche Ziel bei der Amtsübernahme der Klassenerhalt war, daran erinnert sich kaum noch jemand. Stattdessen träumt Bremen plötzlich von Europa - was zu einem nicht unerheblichen Teil auf die Kappe des Mannes geht, der als "Student" von Skripnik eines Tages aus dem Schatten seiner Chefs hervortreten könnte.

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