Nichts ist mehr gewiss

Dienstag, 19.05.2015 | 10:50 Uhr
Der FC Schalke 04 hat in dieser Saison nur zwei von 17 Heimspielen verloren
© getty
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Der FC Schalke 04 hat am Wochenende das Minimalziel Europa League erreicht, dennoch ist die Zukunft personell wie sportlich höchst ungewiss. Mit dem von Aufsichtsratschef Clemens Tönnies angeschobenen Thema Ausgliederung der Fußballabteilung droht den Knappen die nächste Zerreißprobe. Doch die Neujustierung des Kaders sollte zunächst Priorität genießen.

Als der FC Schalke 04 im Sommer in die Vorbereitung auf die am kommenden Samstag endende Spielzeit startete, staunte man über die unübliche Ruhe, die damals rund um den sonst so hektischen Verein herrschte.

Es war auch alles in Butter: Die Knappen hatten die beste Rückrunde der Vereinsgeschichte hinter sich, zogen das dritte Mal in Serie in die Champions League ein und hatten einen vermeintlich starken Kader beisammen. Manager Horst Heldt parlierte mutig über die Schalker Aussichten in der Post-WM-Saison, von der man sich den Sturz des FC Bayern von der Tabellenspitze erhoffte.

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Elf Monate später muss sich Heldt am Haupteingang des Schalker Stadions einer aufgebrachten Horde Fans stellen und sagen: "Ich habe Scheiße gebaut, dafür entschuldige ich mich." Kurz zuvor vermied S04 nach einer absurden Leistung gegen den SC Paderborn 07 den Super-GAU und erreichte das Minimalziel Europa League - auch Erzrivale Borussia Dortmund kann die Schalker nun nicht mehr einholen.

Muss Di Matteo gehen?

All dies spielte am vergangenen Samstag jedoch kaum eine Rolle. Dem Verein, seinen Spielern und Verantwortlichen, schlug einen ganzen Nachmittag lang die blanke Wut entgegen. Dass die Gräben zwischen Publikum und Klub so immens sind, man gar von einer sichtbar gewordenen Entfremdung sprechen kann, schien die Protagonisten unvorbereitet zu treffen.

Welche Schlüsse aus der ernüchternden Saison gezogen werden, wie sehr sie personelle Konsequenzen nach sich ziehen wird, wie der Schalker Weg in Zukunft aussehen soll - nichts ist mehr gewiss in diesen Tagen. Ob das Trio um Aufsichtsratschef Clemens Tönnies, Heldt und Trainer Roberto Di Matteo die aktuelle Saison überlebt, ist mehr als fraglich.

Am wahrscheinlichsten ist, dass der von Heldt verpflichtete Di Matteo gehen muss. Der Coach schaffte es abgesehen von einer konsolidierenden Startphase bislang nicht, seiner Mannschaft Struktur und Geschlossenheit einzuimpfen. Die Spieler-Suspendierungen in der Vorwoche werfen ebenfalls kein gutes Licht auf seine Arbeit, eine Spielidee war zuletzt überhaupt nicht mehr zu erkennen.

Tönnies' Rolle kritisch beäugt

Dies wiederum bringt auch Heldt in die Bredouille, für ihn könnte es trotz seiner Verdienste besonders in den vergangenen vier Jahren nun eng werden. "Die aktuellen Fehler darf man nicht beim Trainer, beim Manager oder beim Aufsichtsrat suchen, sondern man muss bei der Mannschaft anfangen", beschwichtigte Tönnies zwar zuletzt.

Doch die Zusammenstellung des Kaders und die Benennung der Übungsleiter (fünf Trainer in fünf Jahren Amtszeit) fallen in Heldts Verantwortungsbereich. Was für ihn spricht: mit der Qualifikation für die EL könnte er den Kopf aus der Schlinge gezogen haben, sinnvolle Nachfolgekandidaten sind zudem rar gesät.

Der größte Sturm der Entrüstung bläst allerdings Tönnies selbst ins Gesicht - und das nicht erst seit diesem Wochenende. Seiner Rolle haftet schon längere Zeit die Ungewissheit an, ob er als Chef des Aufsichtsrats zu viel Macht ausüben würde.

Mitgliederversammlung Ende Juni

Sein Bekenntnis, Heldt am Tag der Suspendierungen von Kevin-Prince Boateng, Sidney Sam und Marco Höger eine "kleine SMS" geschrieben und darin geraten zu haben, was seiner Ansicht nach zu tun sei, unterfüttert die Unterstellungen, Tönnies halte seinen Kompetenzbereich nicht ein. Für manche sei das gar ein offenes Geheimnis.

Wenn die Mitgliederversammlung am 28. Juni über die Bühne geht, wird über das Schicksal von Heldt und Di Matteo bereits entschieden worden sein. Tönnies, der von sich aus keinesfalls hinschmeißen dürfte, müsste sich an diesem Sonntagabend allerdings auf einiges gefasst machen.

Erst Recht, wenn er seinen Vorschlag zur Ausgliederung der Fußballabteilung weiter forciert. Es wird ganz entscheidend in der Zeit bis Ende Juni sein, wie sich Schalke künftig aufzustellen gedenkt, um sportlich wie wirtschaftlich nicht weiter ins Hintertreffen zu geraten.

"Brauchen wir eine Strukturveränderung?"

In Gelsenkirchen geht nämlich die Befürchtung um, aufgrund der gestiegenen Anzahl der Bewerber um die Champions-League-Plätze künftig häufiger in die Röhre zu schauen. "Brauchen wir, um zukunftsfähig zu sein, eine Strukturveränderung?", sagte Tönnies gegenüber der Westdeutschen Allgemeinen Zeitung. Es klang wie eine rhetorische Frage, deren Antwort für Tönnies bereits feststeht.

Die Abkehr vom Schalker Leitbild des eingetragenen Vereins wäre für die Anhänger allerdings weitaus mehr als nur ein Schlag ins Gesicht. Ihnen sind bereits die undurchsichtigen Geschäftsbeziehungen zu Hauptsponsor Gazprom, aber auch ehemalige Deals wie mit Viagogo ein Dorn im Auge. Die Fans befürchten, mit dem längst branchenüblichen Einstieg von Investoren sowie dem Verkauf von Anteilen würde zugleich die Seele ihres Vereins veräußert.

Selbstverständlich wissen die Vereinsoberen um diese Befindlichkeiten - und auch um deren Tragweite. Fans und Mitglieder sind auf Schalke seit jeher eine starke Opposition. Sollten in der Thematik dennoch einen Alleingang gestartet werden, ließe sich schon jetzt prophezeien, dass Deutschlands mitgliederstärkster Verein nach dem FC Bayern wohl deutlich schwärzere Tage als aktuell durchleben würde.

Gedanken an Kursänderung sind legitim

Kurz vor Weihnachten bezeichnete auch Heldt den Schalker Weg im SPOX-Interview als alternativlos. Aber auch er ließ bereits durchblicken: "Es ist auch ein Drahtseilakt, auf dem man sich befindet. Andererseits muss auch wirklich jedem bewusst sein, dass sich andere Vereine andere Voraussetzungen schaffen, die dadurch die Möglichkeit besitzen können, in der einen oder anderen Situation freier zu agieren."

Es wird klar: Auch in dieser Frage befinden sich die Parteien auf Schalke in einem enormen Zwiespalt, der zur Zerreißprobe werden könnte. Blickt man auf den Status quo in der Bundesliga, hat die Konkurrenz im sportlichen Ranking deutlich die Nase vorne. Bayern, Wolfsburg, Leverkusen und Dortmund können allesamt auf ein finanzstarkes Paket blicken, auch Gladbachs nachhaltiger Plan beginnt immer mehr wirtschaftliche Wucht zu entwickeln - und in Leipzig scharren sie schon mit den Hufen.

Ob es den Anhängern schmeckt oder nicht: Dass Schalkes Chefs jetzt, wo der Verein an einem Nullpunkt angekommen scheint, über eine Kursänderung nachdenken, ist durchaus legitim. Den Klub plagen noch immer Konzern-Schulden von rund 200 Millionen Euro, die regelmäßige Teilnahme am internationalen Geschäft bleibt absolute Pflicht. Drastisch ausgedrückt: Nur mit Maloche und Folklore, aber ohne Rücksicht auf die Verschiebungen im deutschen Spitzenfußball, würde Schalke langfristig Gefahr laufen, vor die Hunde zu gehen.

Schalke 2015 wie Dortmund 2008?

Doch um in der momentanen Lage nicht die völlige Eskalation herbeizuführen, sollte S04 den Fokus zunächst auf die überfällige Neujustierung des Kaders und der Spielidee legen. Vielleicht lässt sich Schalkes Situation in diesem Sommer sogar mit der des BVB vor der Verpflichtung von Jürgen Klopp im Jahre 2008 vergleichen. Damals entschied man sich beim Reviernachbarn für eine neue Spielphilosophie sowie den Einbau identifikationsstiftender und unverbrauchter Spieler. Der wirtschaftliche Erfolg kam damit wie von selbst.

Dass auch auf Schalke ein solches Szenario eintreten könnte, dafür gibt es freilich keine Garantie. S04 muss jedoch nur in den eigenen Unterbau schauen, um die Profis von morgen zu rekrutieren. Die in der so erfolgreichen Knappenschmiede ausgebildeten Max Meyer, Leroy Sane, Kaan Ayhan, Marvin Friedrich oder Felix Platte haben ihre ersten Schritte hinter sich und könnten Schalkes Fußball ein neues Gesicht geben.

"Es wird einen Umbruch geben", kündigte Tönnies bereits an. Dieser Satz könnte möglicherweise auch auf die künftige Satzung des Vereins zutreffen. Tönnies wird das Thema Ausgliederung weiter moderieren und am Köcheln halten. Ein baldiges Ende des Chaos' auf Schalke ist derzeit nicht in Sicht.

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