"Ich war auch arm glücklich"

Von Interview: Andreas Inama
Donnerstag, 09.04.2015 | 15:00 Uhr
Am 30. August 2014 riss sich Nelson Valdez in Wolfsburg das Kreuzband
© getty
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Nelson Valdez kehrte im Sommer in die Bundesliga zurück und fand bei Eintracht Frankfurt in Thomas Schaaf jenen Trainer vor, mit dem er zu seinen Anfängen in Deutschland bei Werder Bremen zusammenarbeitete. Doch bereits am 2. Spieltag riss sich Valdez das Kreuzband und fiel lange aus. Nun ist der Paraguayer wieder fit. Im Interview spricht er über die schwerste Verletzung seiner Karriere, seine Kindheit in einem kleinen Dorf und die unterschiedlichen Erfahrungen während seiner Auslandsaufenthalte.

SPOX: Herr Valdez, wie kommt man als Paraguayer auf die Idee, in Bremen ein Restaurant mit Namen "Südtiroler Hütte" zu eröffnen?

Nelson Valdez: Ich habe mit meiner Familie einmal Urlaub in Südtirol gemacht, auch meine Schwiegereltern sind schon dort gewesen. So kam es, dass wir Kontakt zu einigen Südtirolern bekamen, die gerne in Bremen leben wollten. Mit der Zeit hatten wir die Idee, in Bremen ein solches Restaurant zu eröffnen. Alle Mitarbeiter dort kommen aus Südtirol.

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SPOX: Standen Sie auch selbst schon einmal hinter dem Herd?

Valdez: Nein, ich bin ein schlechter Koch, fragen Sie einmal meine Frau (lacht). Meine Schwiegereltern und die anderen Mitarbeiter sind diejenigen, die dort die Gerichte zubereiten. Ich darf mich glücklicherweise auf das Fußballspielen konzentrieren.

SPOX: Als Fußballprofi haben Sie kürzlich Ihr Comeback gefeiert, der Kreuzbandriss war Ihre bislang schlimmste Verletzung. Wie sind Sie mit der langen Ausfallzeit klargekommen?

Valdez: Es war nicht einfach. Ich war anfangs etwas ungeduldig, da ich so schnell wie möglich aus dieser Situation herauskommen wollte. Ich habe es aber geschafft, nicht negativ auf meine Mitmenschen zu wirken. Im Gegenteil, ich bekam von Freunden, Mitspielern und meiner Familie sehr viel Unterstützung. Es tat sehr gut zu sehen, dass man in einer solchen Phase Zuspruch bekommt.

SPOX: Sie haben sich die Verletzung ohne Fremdeinwirkung zugezogen. Wie vorsichtig sind Sie derzeit noch, wenn Sie den Platz betreten?

Valdez: Ein mulmiges Gefühl ist gerade jetzt am Anfang schon noch da. Aber das ist mein Beruf, ich muss jetzt weiter an mir arbeiten und die Sicherheit zurückgewinnen. Das geht vor allem über Spielpraxis, ich merke, dass es immer besser wird. Die Angst ist bald weg.

SPOX: Sie sind jetzt 31 Jahre alt und biegen auf die Zielgerade Ihrer Karriere ein. 2001 sind Sie im Alter von 18 Jahren nach Deutschland gekommen und seitdem viel herumgekommen. Wie aber haben Sie eigentlich Ihre Kindheit in Paraguay verbracht?

Valdez: Ich bin in einem kleinen Dorf namens San Joaquin aufgewachsen. Wir waren arm, ich empfand meine Kindheit aber dennoch als schön. Klar, viel Spielzeug oder gar ein Handy wie die Kinder heutzutage hatte ich nicht - dafür aber den Fußball. Dank ihm war ich auch arm glücklich. Ich hatte das Glück, dass mein Vater alles dafür getan hat, damit ich mich auf den Fußball konzentrieren konnte.

SPOX: Wie früh entstand der Wunsch, später einmal als Fußballer Geld zu verdienen?

Valdez: Das weiß ich nicht mehr genau, jedenfalls war ich da noch ziemlich klein (lacht). Ich wollte Fußballer werden, seitdem ich denken kann. Ein anderer Lebensweg kam nie in Frage. Mit 14 hatte ich dann die Möglichkeit, den Weg zum Profi einzuschlagen. Natürlich gehört auch etwas Glück dazu, ich habe mich bis heute durchbeißen müssen. Ohne meine Eltern wäre ich aber nicht hier, ihnen habe ich alles zu verdanken.

SPOX: In Paraguay sind Sie längst ein großer Star. Wie läuft es ab, wenn Sie sich auf Heimatbesuch begeben?

Valdez: Wir sind immer mit Bodyguards unterwegs und haben vier, fünf Leute um uns herum. Das ist natürlich nicht besonders schön. Man hat keine Privatsphäre mehr. Ich kann dort leider nicht mehr mit der Familie ins Kino gehen, man ist praktisch nie für sich alleine. Das ist einfach notwendig, da es dort ziemlich gefährlich werden kann, wenn man nicht aufpasst. Ich hoffe sehr, dass sich das in Zukunft bessern wird.

SPOX: Sie unterstützen Ihre Heimat auch finanziell und haben zudem eine Stiftung gegründet. Wie gehen Sie da genau vor?

Valdez: Die Stiftung besteht nun schon seit vier Jahren, ich habe sie zusammen mit meiner Frau gegründet. Wir unterstützen damit 150 hilfsbedürftige Kinder aus meinem Dorf. Wir stellen sicher, dass sie ausreichend Nahrung und Kleidung bekommen, dazu gibt es Englischunterricht.

SPOX: Unterstützen Sie die Kinder auch in fußballerischer Hinsicht?

Valdez: Ja, wir bieten im Rahmen der Stiftung auch eine Fußballschule an. Da geht es aber nicht primär um Talentförderung. Wir wollen den Kindern einfach die Möglichkeit geben, Fußball zu spielen und stellen die Versorgung mit anständigem Material sicher. Früher musste ich zwei Jahre lang mit dem gleichen Ball spielen, nun schicken wir regelmäßig neue Bälle rüber. Wir wollen die Möglichkeiten einfach verbessern. Sollte sich dann ein großes Talent finden, hat es die Chance, sich zu zeigen und zu empfehlen.

SPOX: Als Sie nach Deutschland kamen, standen Sie ausgestattet mit einer einzigen Plastiktüte am Bremer Flughafen. Wie groß war denn damals eigentlich der Kulturschock?

Valdez: Nicht so groß, wie man es sich vielleicht vorstellen würde. Es kam mir anfangs manchmal so vor, dass die Deutschen viel zu ernst sind. Doch das hat mich nicht großartig beschäftigt. Ich war besessen nach Fußball. Ich kam in Bremen in das Internat und habe dort schnell viele Freunde gefunden. Ich hatte das Gefühl, dort seien alle gleich. Auch die Sprachbarriere war kein großes Problem, da man unter Fußballern irgendwie eine eigene Sprache hat, die quasi weltweit gültig ist.

SPOX: Sie haben nach Ihrer ersten Zeit in Deutschland dann auch in Spanien, Russland und den Vereinigten Arabischen Emiraten gespielt. Hatten Sie dort auch keine Schwierigkeiten, sich anzupassen?

Valdez: Eigentlich nicht. Ich habe versucht, offen für das Neue zu sein und mit den Begebenheiten zu leben - ob bei minus 20 Grad in Russland oder bei 50 Grad Hitze in Abu Dhabi. Man muss zwar die Menschen, die Kulturen oder die Religionen an den unterschiedlichen Orten annehmen, aber auch bei sich selbst bleiben. Nur Kasan war etwas anders, aber auch dort hat es letztlich gut funktioniert.

SPOX: Inwiefern anders?

Valdez: Die Russen waren schon sehr verschlossen. Fast verschlossener als die Deutschen (lacht). Innerhalb der Mannschaft gab es aber mehrere Spieler, die Spanisch gesprochen haben. Ich habe dann mit dieser Gruppe viel unternommen, die Russen sind eher unter sich geblieben. Das war dann auch in Ordnung. Sportlich war das eine absolut schöne Zeit, wir haben Champions-League-Qualifikation und dann Europa League gespielt.

SPOX: Was hat Sie unter dem Strich vor der Saison wieder nach Deutschland gezogen?

Valdez: In erster Linie die sportliche Perspektive bei der Eintracht. Ich wollte zudem wieder dorthin zurück, wo alles angefangen hat. Wir sind in den letzten Jahren oft umgezogen, das war schon auch anstrengend. Zusammen mit meiner Frau und den Kindern haben wir gesagt, dass wir das künftig nicht mehr wollen. Wir hoffen sehr, jetzt so lange wie möglich hier in Frankfurt bleiben zu können.

SPOX: Wie wichtig war Thomas Schaaf bei Ihrer Entscheidung?

Valdez: Sehr wichtig. Als er mich anrief, habe ich den Kontakt zu anderen Interessenten sofort abgebrochen. Einen Trainer, der dich schätzt und unbedingt in der Mannschaft haben will, ist das Beste, was dir als Spieler passieren kann. Und dann auch noch bei einem Verein mit großem Fanpotenzial. In Abu Dhabi habe ich teilweise vor 300 Zuschauern gespielt, jetzt sind es wieder 50.000. Das macht riesig Spaß.

SPOX: Sie haben ein Haus auf Mallorca, ein Restaurant in Bremen, eine Ranch in Paraguay und wohnen derzeit in Frankfurt. Haben Sie schon eine Ahnung, wo Sie sich nach der Karriere niederlassen werden?

Valdez: Mein Wunsch ist es, den Lebensmittelpunkt auf Mallorca zu haben. Von dort aus sind die Verbindungen ja exzellent, so dass ich regelmäßig nach Bremen oder in die Heimat fliegen könnte. Aber wer weiß, auch Frankfurt ist mir schon sehr ans Herz gewachsen.

Nelson Valdez im Steckbrief

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