Leverkusens Manager Jonas Boldt im Interview

"Dortmund war kein Konkurrent mehr"

Donnerstag, 23.04.2015 | 14:00 Uhr
Bayer Leverkusen wollte Kevin Kampl zurückholen - doch der ging lieber nach Dortmund
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Seit Saisonbeginn ist Jonas Boldt Manager Sport bei Bayer Leverkusen - und mit 32 Jahren der Jüngste seiner Zunft in der Bundesliga. Der ehemaliger Leiter der Leverkusener Scoutingabteilung spricht im Interview über die Nachfolge von Manager-Urgestein Michael Reschke, "Ex-Konkurrent" Borussia Dortmund, das gewaltige Potential von RB Leipzig sowie die Personalien Joshua Kimmich, Martin Ödegaard und Kevin Kampl.

SPOX: Herr Boldt, beim letzten Interview mit SPOX ging es noch um Ihre Arbeit als Leiter der Leverkusener Scoutingabteilung. Seit Saisonbeginn fungieren Sie nach dem Abgang von Michael Reschke zum FC Bayern als Manager Sport und sind der jüngste Vertreter Ihrer Art in der Bundesliga. Bleibt da noch Zeit für eines der zahlreichen Online-Managerspiele?

Jonas Boldt: Wir hatten mal eine Liga innerhalb der Scoutingabteilung, aber mittlerweile fehlt mir dafür schlichtweg die Zeit. Ich mache jetzt sozusagen Managerspiel in echt (lacht). Ich weiß aber noch, wie ich 2006 die Comunio-Liga unter meinen Freunden mit 20 Mann am letzten Spieltag gewonnen habe. Und zwar mit einem Punkt Vorsprung, weil Miroslav Klose für mein Team getroffen hat. Tim Borowski verschoss nach Kloses Tor noch einen Elfmeter. Wenn der reingegangen wäre, hätte einer meiner Kumpels gewonnen.

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SPOX: Man wusste von Ihren Absichten, einmal einen Posten im Management übernehmen zu wollen. War Ihnen nach Reschkes Wechsel klar, dass man Sie fragen würde?

Boldt: Ich bin zumindest schwer davon ausgegangen. Auch der Verein wusste, dass ich in diese Richtung gehen mochte. Ich kenne den Klub seit Jahren, die Zusammenarbeit mit Rudi Völler und Michael Reschke hat sehr gut funktioniert. Es war deshalb auch die logischste aller Entscheidungen. Vielleicht war sie für den einen oder anderen auf den ersten Blick nicht ganz selbstverständlich, wenn man nur mein Alter betrachtet.

SPOX: Das Ende von Reschke in Leverkusen kam ziemlich überraschend. Auch für Sie?

Boldt: Das kam aus dem Nichts, aber auch für ihn selbst. Er hat uns zunächst informiert, dass dieses Angebot vorliegen würde. Dann ging es für ihn darum, seine eigene Entscheidung zu treffen. Ungefähr zehn Tage später waren sein Abgang und meine Nachfolge durch. Letztlich ist eine Offerte von Bayern München natürlich noch einmal eine andere Hausnummer und Beweis der Wertschätzung, die er sich bei Bayer erarbeitet hat.

SPOX: Wenn Reschke nicht gegangen und Sie nicht zum Manager aufgestiegen wären, hätten Sie dann noch die Geduld gehabt, auf diesen Posten zu warten?

Boldt: Als erstes möchte ich hier einmal klar stellen, dass für mich der Posten eigentlich nicht zur Disposition stand. Es war schließlich nahezu undenkbar, dass Michael Reschke Bayer Leverkusen verlässt und für mich nie die Intention, ihm etwas streitig zu machen. Diese Frage hat sich also nie gestellt. Natürlich macht man sich gelegentlich Gedanken um die eigene Zukunft, aber ungeduldig war ich nicht. Dies lag sicher auch daran, dass ich bereits in einem tollen Klub war und bin, die Arbeit insbesondere mit Rudi Völler und Reschke sehr viel Spaß gemacht hat und bereits sehr ambitioniert ist. Was also in Zukunft hätte sein können, ist mir zu hypothetisch. Am Ende ist es für alle Beteiligten super gelaufen, auch wenn es eben plötzlich und unerwartet, aber darum umso logischer kam.

SPOX: Hätten Sie die Möglichkeit gehabt, mit ihm nach München zu gehen?

Boldt: Rudi Völler sagte nach Reschkes Entscheidung zu mir: Komm' bloß nicht auf den Gedanken, mitgehen zu wollen (lacht). Ich glaube schon, dass er mich gerne mitgenommen hätte. Er wusste aber von meinen Zukunftsplänen. Deshalb war ihm auch klar, dass dies für mich nicht der richtige Schritt gewesen wäre.

SPOX: Bedenkzeit haben Sie dann letztlich gar nicht benötigt, oder?

Boldt: Nein, wir waren uns sehr schnell einig. Wir haben ein paar Gespräche geführt, um hauptsächlich meine konkreten Aufgaben zu definieren. Mich hat das von der ersten Sekunde an sehr gereizt, zumal ich schon einige Zeit bei Bayer 04 bin und meine, den Verein gut zu kennen.

SPOX: Ihre erste Manager-Saison neigt sich dem Ende entgegen. Ist der Job zeitintensiver als zuvor die Arbeit im Scouting?

Boldt: Er war bereits zeitintensiv. Ich bin ständig 24 Stunden am Tag, sieben Tage die Woche eingespannt. So definiere ich mein Arbeitsprofil aber auch selbst. Die Verantwortung ist jetzt natürlich noch einmal größer geworden. Nach Reschkes Abgang arbeite ich nun in erster Linie mit Rudi Völler eng zusammen und muss Themen vorantreiben, die zuvor noch final über Michaels Schreibtisch gingen. Da gehören dann auch so Dinge dazu wie die Erneuerung des Rasens, mit der ich zuvor überhaupt nichts zu tun hatte. Doch dieses Mehr an ganzheitlichen Themen ist ja genau das, was ich wollte. Es macht mir sehr viel Spaß.

SPOX: Wie sieht die Arbeitsteilung mit Rudi Völler aus: sind manche Verantwortlichkeitsbereiche strikt voneinander getrennt oder versucht man, alles sinnvoll aufzuteilen?

Boldt: Wir treffen uns meist morgens im Büro bei einer Tasse Kaffee und besprechen den Tag. Es gibt keine feste Terminregelung im Haus. Natürlich haben wir auch turnusmäßige Sitzungen mit den einzelnen Abteilungen, um die aktuellsten Entwicklungen abzufragen oder Planungen voranzutreiben. Doch die Gespräche mit den Scouts, den Jugendtrainern oder dem Chefcoach ergeben sich vor allem aus dem Alltag. Rudi ist als das Gesicht des Vereins der Entscheider. Er weiß über alles Bescheid, lässt mir aber natürlich auch meine Freiheiten.

SPOX: Zu Völlers Zeiten als Spieler und Bundestrainer waren Sie noch ein junger Bursche. Wie haben Sie ihn damals eigentlich wahrgenommen - und wie jetzt?

Boldt: Seine Zeit als Bundestrainer ist mir noch deutlich präsenter. Er war ja aber schon als Spieler gewissermaßen eine Legende. Ich habe ihn kennengelernt, als er in Leverkusen Interimstrainer war. Schon damals hatte ich den Eindruck, dass er ein absolut bodenständiger Typ ist. Je länger ich ihn kenne, umso mehr bestätigt sich das. Er ist bei allem, was er erreicht hat, immer auf dem Boden und ein ganz normaler Mensch geblieben.

SPOX: Was Ihnen an Reschke besonders gefiel, war wie Sie sagen die "Schnellboot-Mentalität" - frühzeitig und vor der Konkurrenz da zu sein, um beispielsweise Talente abzugreifen. Wie groß ist in diesem Bereich der Kampf mit konkurrierenden Klubs wie Dortmund oder Schalke wirklich?

Boldt: Man trifft sich in dieser Branche sehr, sehr oft. Dortmund beispielsweise war aber die letzten Jahre kein klassischer Konkurrent mehr, weil der BVB höhere Anforderungen und Mittel zu haben schien als wir. Lassen wir die etwas atypisch verlaufene Saison des BVB mal außen vor und nehmen die großen Erfolge der letzten Jahre, dann hat sich daraus natürlich eine gewisse Power abgeleitet. Heißt: Wenn wir zeitgleich mit Dortmund ins Boot gestiegen sind, hatten wir oftmals schlechtere Chancen. Da dort wiederum die Messlatte höher gelegt wurde, hatten wir in manchen Fällen doch die Möglichkeit, früher einzusteigen.

SPOX: Und der FC Bayern schwebt - jetzt mit Ihrem Ziehvater Reschke - in unerreichbaren Sphären?

Boldt: Mit ihnen werden wir in der Talentfrage sicherlich ein paar Berührungspunkte haben. Michael Reschke hat ja Wissen aus Leverkusen mitnehmen können und wird für die Bayern künftig aggressiver auftreten als zuletzt. Das ist aber unproblematisch, denn wenn es für einen Spieler um die sportliche Entwicklung geht, wird Bayer Leverkusen immer eine andere Rolle spielen als Bayern München. Die Perspektive in Richtung Profifußball ist gerade für die Talente, die an der Schwelle zum Seniorenbereich stehen, bei uns besser als in München.

SPOX: Auf wen trifft Bayer denn dann hauptsächlich?

Boldt: Neben Mönchengladbach, deren gute Arbeit über die letzten Jahre jetzt Früchte zu tragen scheint, ist und wird RB Leipzig einer unserer größten Widersacher. Wir haben zwar aktuell den sportlichen Aspekt - Bundesligazugehörigkeit und Teilnahme am internationalen Wettbewerb - auf unserer Seite. Doch was das Kennen der Spieler und das Ansprechen der Berater angeht, verfügt Leipzig über großes Wissen.

Seite 1: Boldt über seinen neuen Job, "Ex-Konkurrent" BVB und Widersacher Leipzig

Seite 2: Boldt über Kimmich, Ödegaard und den geplatzten Kampl-Transfer

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