"Tradition ist nicht mehr zeitgemäß"

Von Interview: Benedikt Treuer
Donnerstag, 09.04.2015 | 13:00 Uhr
Auch Harald Strutz stand in Mainz zum Feiern schon auf dem Zaun
© getty
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Vom Dreisprung-Olympiakader über Nacht zum Präsidenten im Profifußball: Harald Strutz durchlebte beim 1. FSV Mainz 05 sowohl bittere Tiefpunkte als auch historische Sternstunden. Im Interview spricht der DFL-Vizepräsident über Parallelen zwischen Jürgen Klopp und Thomas Tuchel, Heinz Müllers Mobbing-Vorwürfe, die Investoren-Zukunft der Bundesliga und Marketingperspektiven beim FSV.

SPOX: Herr Strutz, den 1. FSV Mainz 05 verbindet man nicht erst seit Ihnen mit dem Namen Strutz. Schon Ihr Vater war einst Präsident des Klubs. Sind Sie nur deshalb beim FSV gelandet?

Harald Strutz: Das hatte nichts miteinander zu tun. Mein Vater war in den 1950er Jahren Präsident, ich bin 1985 auf Anfrage eines Freundes wieder zu Mainz 05 gekommen. Zwischendurch habe ich den Verein immer mal gesehen, aber es war nicht so, dass ich jede Woche im Stadion war. Über den VIP-Klub war ich plötzlich wieder stärker beim FSV involviert, drei Jahre später haben mich die Leute dann gewählt.

SPOX: Am 19. September 1988. Als Anführer einer Oppositionsgruppe gewannen Sie bei der Jahreshauptversammlung in einer Kampfabstimmung deutlich gegen den damaligen Vorsitzenden Bodo Hertlein und wurden neuer Präsident. Was waren Ihre Beweggründe für die Kandidatur?

Strutz: Dass ich gewählt worden bin, war in der Tat reiner Zufall und absolut nicht geplant. Weder an diesem Abend, noch sonst wann. Plötzlich stand ich zur Wahl. Da habe ich gesagt: 'Okay, machen wir das mal zwei Jahre.' Daraus sind jetzt 27 geworden.

SPOX: Und das ohne wirklichen Bezug zu Mainz 05?

Strutz: Natürlich habe ich mich immer für den Verein interessiert. Der FSV hatte in den 1960er Jahren sogar einmal eine Leichtathletik-Abteilung, in der ich ein Jahr aktiv war. Meine eigentliche Verbindung zum Verein ist aber die, dass meine beiden Brüder bei Mainz 05 aktiv waren - einer im Vorstand, der andere als Spieler.

SPOX: Sie selbst kommen nicht aus dem Fußball, sondern waren zweifacher deutscher Vizemeister und sogar Junioren-Weltrekordler im Dreisprung. Haben Sie zu Beginn Ihrer Amtszeit etwas gefremdelt?

Strutz: Überhaupt nicht. Ich hatte vorher schon mein Jurastudium abgeschlossen und war Justiziar des Landessportbundes Rheinland-Pfalz. Somit hatte ich sowohl den Bezug zur rechtlichen Seite als auch zum Sport - ich hatte ja immerhin auch schon kurze Hosen an (lacht). 1972 stand ich sogar im Olympiakader, konnte dort aufgrund einer Verletzung aber leider nicht teilnehmen. Der Leistungssport kam mir trotzdem sehr zugute, gerade was den Umgang mit Spielern und Ehrenamtlern anbetrifft.

SPOX: Es gibt ein Bild vom 25. Mai 2003, dem Tag, als Mainz trotz eines 4:1-Siegs in Braunschweig den Aufstieg zum wiederholten Male am letzten Spieltag knapp verpasste. Darauf sieht man Sie in Tränen aufgelöst auf dem Rasen sitzen.

Strutz: Diese Szene ist vier Jahre lang als Trailer beim "DSF" gelaufen. Wir sind ein Jahr zuvor wegen eines Punktes nicht aufgestiegen, 2003 dann wegen eines Tores. Da denkt man: 'Wir werden wohl niemals aufsteigen. So viel Pech kann man doch gar nicht haben.' Der Traum, einmal in die Bundesliga aufzusteigen, war in diesem Moment zerplatzt. Dass diese Mannschaft, die zwei riesige Enttäuschungen erlebt hatte, noch eine dritte Chance erhalten würde - daran war überhaupt nicht zu denken.

SPOX: Dachten Sie auch an Rücktritt?

Strutz: Zu keinem Zeitpunkt. Mir macht die Arbeit einfach Spaß. Mich muss man zudem immer zusammen mit Christian Heidel und meinen Vorstandskollegen sehen. Unausgesprochen hatten wir die Vision, mit Mainz 05 in der Bundesliga zu spielen und dort ein neues Stadion zu bauen. Dieses Ziel wollten wir nie aufgeben. Letztlich ist uns all das ja auch tatsächlich gelungen. Dass es im dritten Anlauf geklappt hat, war eine Mischung aus Glück und dem verdienten Lohn.

SPOX: Haben Sie sich nach 27 Jahren Amtszeit schon gefragt, warum Sie sich den ganzen Stress immer noch antun?

Strutz: Nein. Das muss man auch viel positiver sehen: Dass sich der Verein so entwickelt hat, erfüllt mich natürlich mit großem Stolz. 1988 waren im VIP-Klub vielleicht 85 Personen, heute sind es über 2000. Damals hatte Mainz 05 etwa 1500 Mitglieder, mittlerweile sind es an die 14.000. Wenn man den Verein und das Stadion unter seiner Federführung so wachsen sieht, ist das mehr als nur Spielerei. Mainz 05 ist mittlerweile mein Leben.

SPOX: Wie sieht Ihr Arbeitsalltag 2015 überhaupt aus? Bleibt bei Ihren Tätigkeiten für die DFL, den DFB und der Arbeit in Ihrer Anwaltskanzlei überhaupt noch Zeit für den FSV?

Strutz: Ich betrachte es umgekehrt: Mainz 05 ist mein Platz. Der Schwerpunkt hat sich dorthin verschoben, weil die Verantwortung größer geworden ist. Die Arbeit bei der DFL und dem DFB sind keine Tagesjobs, sondern Ämter, die im Laufe des Jahres verteilt sind. Dort sitze ich nicht jeden Tag im Büro.

SPOX: Das heutige Image des FSV wurde vor allem in der Zeit zwischen 2001 und 2008 unter Jürgen Klopp aufgebaut, der sich mit Verein und Fans identifizierte wie kein Zweiter. Ist er ein Trainer, den man in der Art nie wieder findet?

Strutz: Nein, dieser Trainertyp ist für Mainz 05 absolut kein Einzelfall. Mit Thomas Tuchel hatten wir einen sehr ähnlichen Trainer. Er hatte nur nicht die gleiche Fan-Nähe wie Kloppo. Auch die Vorgeschichte war eine ganz andere: Jürgen war bei uns zehn Jahre Spieler und acht Jahre Trainer. Klopp war Mainz 05. Er war und ist jemand, der Menschen sucht und sich den Diskussionen stellt - mit einer unglaublich positiven Ausstrahlung. Man merkt, dass es ihm Spaß macht, Trainer zu sein. Selbst in der schwierigen Zeit, die er aktuell beim BVB erlebt, hatte ich nie das Gefühl, dass er völlig verzweifelt.

SPOX: Und Tuchel?

Strutz: Thomas Tuchel hatte eine distanziertere Haltung. Letztlich war er nach den Spielen aber auch auf dem Zaun und hat sich gefreut. Auch Tuchel war touchable.

SPOX: Wie sehr waren Sie von seinem Abgang enttäuscht?

Strutz: Dass er uns unglücklich verlassen hat, steht außer Frage. Ich war über die Art und Weise nicht erfreut. Wenn man einen Vertrag abschließt, geht man davon aus, dass die Mannschaft aufgebaut wird und dass man über die vereinbarten Jahre Planungssicherheit hat. Man holt doch auch die Wunschspieler des Trainers. Es mag Menschen geben, die mit dieser Art und Weise besser umgehen können. Ich kann damit gar nicht umgehen.

Seite 1: Strutz über zerplatzte Träume und Parallelen zwischen Klopp und Tuchel

Seite 2: Strutz über Müllers Vorwürfe und die Investoren-Zukunft der Bundesliga

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