Hoffenheims Partnerschaft mit Indien

Pioniere auf dem Milliardenmarkt

Freitag, 06.03.2015 | 15:09 Uhr
Thomas Richter sprach mit SPOX über das Engagement der TSG in Indien
© getty
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China, Singapur, USA - Indien! Abseits der offensichtlichen Anlaufstellen der fußballerischen Schwergewichte geht die TSG Hoffenheim in Sachen Internationalisierung einen alternativen Weg. Mit einem Medienkonzern im Rücken ist 1899 in Indien auf der Suche nach Millionen neuer Fans - und dem einem neuen Star.

In Aizawl herrschte Ausnahmezustand. Die Leute drängten auf die Straßen an diesem 13. Mai und standen Spalier. Zu tausenden. Unzählige Kinder in ihren Schuluniformen - weißes Hemd, schwarze Krawatte, weinroter Blazer - säumten die Gassen der wild auf einem Bergrücken thronenden Stadt im indischen Bundesstaat Mizoram. Ja sogar aus den Fenstern und von den Dächern jubelten die Menschen dem Konvoi aus Geländewagen zu, der die Mannschaft der TSG Hoffenheim in die Militärbasis der Stadt brachte.

Für sechstausend Zuschauer ist das kleine Fußballstadion dort ausgelegt. Offiziell. Am Ende waren es fast doppelt so viele Menschen, die einer Auswahl des Bundesstaates und den Gästen aus Deutschland bei einem Testspiel zujubelten. Zehn Millionen Inder verfolgten das 3:0 der Hoffenheimer bei der landesweiten TV-Übertragung. Euphorie pur.

"Sie sind so glücklich, dass wir hier sind", lachte der im Moment an Lüttich ausgeliehene Jiloan Hamad nach Abpfiff in die Kameras. "Das war eine Erfahrung fürs Leben."

Für die Spieler war es das, für den Verein sollte es ein immenser Schritt in Sachen Internationalisierung sein. Denn mittlerweile macht sich das 3263-Seelen-Dorf aus dem Kraichgau auf, fußballerisch einen ganzen Subkontinent zu erobern.

Dreieinhalb Monate, tausend Schulen

Die DFL hat die Hoffenheimer nach der bezuschussten Promotion-Tour im Mai vergangenen Jahres ein weiteres Mal kontaktiert, erzählt Thomas Richter, Leiter Spielbetrieb und Lizenzbereich bei 1899, gegenüber SPOX. Ob bei der TSG Interesse bestünde an der Zusammenarbeit mit einem Jugendförderprogramm in Indien.

Ins Leben gerufen wurde das von Unilazer Ventures. Einem riesigen Mischkonzern, groß in der Medienbranche, mit Radiostationen, Zeitungen, Marketingabteilungen. Mit Sitz in Mumbai. Federführend bei der riesigen Scouting-Aktion, die seit Mitte Januar quer über den Subkontinent rollt. Und Geldgeber für alle Kosten, die vor Ort anfallen.

Ein "Mammutprogramm" nennt es Richter. Indische Trainer bewegen sich zusammen mit deutschen Kollegen durch das Land und sichten Talente an Schulen in ganz Indien. Über tausend sind es, um genau zu sein. In dreieinhalb Monaten. "Fast jeder Tag ist ein Reisetag", sagt Richter. Über 15.000 Jugendliche werden bis Ende März von den Trainergespannen unter die Lupe genommen, glaubt man der Website von U Sport.

Auf der Startseite der Sport-Marketing-Abteilung von Unilazer Ventures prangt neben dem Wappen der TSG auch ein Bild der Wirsol Rhein-Neckar-Arena. "Fußballtraining und ein akademisches Programm mit einer Weltklasse Infrastruktur und topaktuellen Einrichtungen", steht in großen Lettern darunter. Schnell wird klar, dass Hoffenheim hier Pionierarbeit leistet und seine blauweiße Flagge in den Boden von recht unerschlossenem Terrain gesteckt hat.

"Vieles ist noch ausbaufähig"

"Es besteht dort keine richtige Infrastruktur im Jugendfußball, die Mannschaften spielen aufgrund der Größe des Landes sehr regional, um lange Reisewege zu vermeiden", erklärt Richter den Status Quo in Sachen Fußball auf dem Subkontinent. Die Ausnahme bildet die seit Oktober stattfindende Hero Indian Super League, eine Franchise-Liga mit acht Teams um Altstars wie Alessandro del Piero, David Trezeguet oder Nicolas Anelka. Doch vor allem auf dem Land und im Jugendbereich fehlt es an Struktur. "Dort ist vieles, ohne es anmaßend zu meinen, was den Fußball betrifft noch ausbaufähig."

Ein Markt also, auf dem nicht nur sportliches Gold schlummern könnte, sondern der auch marketingtechnisch viel verspricht. "Wenn man bedenkt, dass in Indien eine Milliarde Menschen leben und Fußball nach Cricket Sportart Nummer zwei ist", sagt Richter, "ist noch riesen Potenzial vorhanden."

Zumal sich die europäische Klub-Elite auf andere Länder eingeschossen hat. Der FC Bayern eröffnete im Februar vergangenen Jahres ein Büro in New York, der BVB zog im Sommer mit einer Repräsentanz in Singapur nach. Der indische Mark wurde jedoch von den deutschen Klubs "noch gar nicht so für sich entdeckt".

Ab Sommer kommt zudem die Bundesliga ins indische Fernsehen. Perfektes Timing, sich im für die indischen Fußball-Fans neuen Format zu positionieren. Denn den FC Bayern wird auch dem Fußballfan im 7.198 Kilometer entfernten Kalkutta ein Begriff sein. Doch ansonsten? Der BVB nach den Erfolgen der letzten Jahre vielleicht. Aber Hannover? Paderborn und Freiburg? Wahrscheinlich nicht. Doch Stand jetzt am ehesten: Hoffenheim. "Es geht schon darum", sagt Richter zum Wettlauf in Sachen Internationalisierung, "in puncto Fanarbeit im Ausland den Anschluss nicht zu verpassen."

Die besten Reisen in den Kraichgau

Dennoch soll das Hauptaugenmerk freilich weiter auf der Region liegen. Im beschaulichen Kraichgau. Das sei der Kernmarkt, dort wären die "wichtigsten Fans", die am Wochenende in die Arena nach Sinsheim pilgern. "Wir erwarten auf keinen Fall, dass jedes Wochenende Leute aus Indien anreisen."

Anders sieht das bei den verheißungsvollsten Talenten aus, die bei der TSG eine professionelle Ausbildung genießen sollen. Das ist, was 1899 neben der Infrastruktur zur Kooperation beisteuert. "Man muss sich vor Augen führen: Wenn aus tausend Schulen auch nur die besten 30 nach Deutschland kommen, werden das - auch wenn die Ausbildung im Jugendbereich in Indien nicht mit der in Deutschland zu vergleichen ist - talentierte Kinder sein", rechnet Richter vor.

Im Alter von 13 oder 14 Jahren sollen die Jugendlichen das erste Mal nach Sinsheim kommen. Die Altersklasse, in der man in Hoffenheim auch mit den anderen Jugendlichen beginnt, "intensiv" zu arbeiten. "Es wird sehr interessant sein, wie sich die Talente unter unseren professionellen Bedingungen entwickeln", sagt Richter. Und sollte tatsächlich das ein oder andere Mega-Talent in Sinsheim landen? "Dann haben wir natürlich einen besseren Zugriff auf diese Spieler."

"Die Schule ist das sensibelste Thema"

Denn neben allen marketing- und finanztechnischen Aspekten soll unter dem Strich vor allem sportlicher Erfolg stehen - und das nicht nur im Kraichgau. Im Sommer 2017 findet die U17-WM in Indien statt, langfristig soll sogar die Teilnahme an der Weltmeisterschaft in Katar für Indien angepeilt werden. Wie weit man im mit über 1,25 Milliarden Menschen zweitbevölkerungsreichsten Land der Welt davon entfernt ist, zeigt ein Blick auf die FIFA-Weltrangliste. Da steht Indien auf dem 171. Rang. Die Länder unmittelbar davor: Montserrat, Gambia, Tahiti, Belize, Guyana und Swasiland.

"Vielleicht kann es ein richtig großes Projekt werden", sagt Richter über eine Kooperation, die für alle Seiten Sinn zu machen scheint, hinter der aber noch ein paar Fragezeichen stehen.

"Die Schule ist das sensibelste und schwierigste Thema, da in diesem Bereich natürlich andere Entscheidungsträger außerhalb des Projekts die Richtung vorgeben", erläutert Richter die Pläne von Unilazer, anstatt der zugesicherten sechs bis acht Wochen Aufenthalt Langzeit-Visa für die Spieler zu erhalten. "Es wird versucht, dass die Spieler nicht zwangsläufig sofort wieder zurück müssen, sondern vielleicht sogar versucht wird, sie hier ins Schulsystem zu integrieren."

Und vielleicht herrscht dann in ein paar Jahren, egal ob in Aizawl oder anderswo auf dem Subkontinent, wieder Ausnahmestimmung. Wenn eine neue Generation Fußballer für Furore sorgen könnte. In Indien, in Katar - oder zwischen Heilbronn und Heidelberg im Kraichgau.

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