Eine hausgemachte Baustelle

Mittwoch, 04.02.2015 | 14:17 Uhr
Koen Casteels (l.) wurde im Winter als Absicherung für Raphael Wolf verpflichtet
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Die Torwart-Situation beim SV Werder Bremen hat sich in der Winterpause deutlich verkompliziert - insgesamt sind gleich sechs Schlussmänner involviert. Während sowohl Außenstehende als auch Beteiligte irritiert sind, ist Manager Thomas Eichin überzeugt davon, alles richtig gemacht zu haben. Dabei birgt die Situation ein beträchtliches Risiko. Am Mittwoch wird gegen 1899 Hoffenheim (20 Uhr im LIVE-TICKER) erneut Raphael Wolf zwischen den Pfosten stehen.

Thomas Eichin kann erleichtert sein. Seit Montag ist die Winter-Transferperiode - und mit ihr die stressigste Zeit während der Saison - beendet. Seine Arbeit hat er gemacht, nun ist es am Trainerteam und an der Mannschaft, eine erfolgreiche Rückrunde hinzulegen.

In diesem Winter war Werders Manager ganz besonders umtriebig. Vier Neuzugänge kamen in den letzten Wochen, fünf Spieler wurden per Leihe zu anderen Vereinen verschifft - eine hohe Fluktuation mit einem Resultat, das laut Eichin vollständig dem Plan der Bremer entspricht.

"Wir haben unsere Pläne auf der Torhüter-Position und auf der Innenverteidigung punktgenau umgesetzt", stellt sich Eichin auf der vereinsinternen Homepage persönlich ein gutes Zeugnis aus.

In puncto Innenverteidigung ist ihm da kaum zu widersprechen, nachdem man das starke Debüt von Jannik Vestergaard beim Sieg gegen Hertha BSC zum Rückrundenstart gesehen hat. Die Einschätzung der Situation zwischen den Pfosten hat er dagegen exklusiv, wenn man auf die Reaktionen von ehemaligen und aktuellen Protagonisten des Vereins blickt.

Wilde Rochade im Winter

Eine kurze Zusammenfassung der Situation: Werder ging mit Raphael Wolf, Richard Strebinger und Raif Husic in die Winterpause. Eichin betonte zwar, mit allen zufrieden zu sein, trotzdem holte er im letzten Monat mit Koen Casteels (Leihe bis Saisonende) und Nachwuchstalent Michael Zetterer zwei weitere Schlussmänner.

Strebinger wurde wenig später an Regensburg verliehen, Husic in die U 23 versetzt. Und damit nicht genug: Es halten sich hartnäckig Gerüchte, dass im Sommer der nächste Mann kommen wird: Felix Wiedwald, der noch bis Ende der Saison bei Eintracht Frankfurt unter Vertrag steht, soll bereits Einigung über einen Vierjahresvertrag mit seinem früheren Verein Werder erzielt haben. Der gleiche Wiedwald übrigens, der vor wenigen Jahren den Kampf um die Nummer zwei hinter Tim Wiese gegen einen gewissen Sebastian Mielitz verloren hatte.

Klingt kompliziert? Nicht für Eichin! "Der Trainerstab und die sportliche Leitung haben nach der Hinrunde analysiert, dass es zu Situationen kommen kann, dass wir im Abstiegskampf plötzlich die gesamte Last auf die Schultern eines Torhütertalents legen müssten, der noch für die A-Jugend spielen könnte (Husic, Anm. d. Red.). Hier wollten wir einfach breiter aufgestellt sein."

Casteels sei "eine perfekte Absicherung", Zetterer ein hochtalentierter Mann, bei dem "wir einfach jetzt zugreifen mussten", wie Eichin erklärt. In einem Vakuum betrachtet, sind beide Verpflichtungen durchaus logisch: Casteels ist deutlich erfahrener als Strebinger und daher als zweite Option die sicherere Variante, Zetterer gilt als eines der größten Torwart-Talente in Deutschland.

"Völlig überflüssig"

Wenn man die Verpflichtungen jedoch in einen Kontext mit der aktuellen Situation setzt, ergibt sich ein anderes Bild. Werder hat in der Hinrunde mit 39 Gegentoren die meisten aller Teams kassiert, die Lage ist trotz des wichtigen Sieges zum Rückrundenstart prekär. Das ist keine Situation, in die man weitere Unsicherheit mit hineinbringen möchte.

"Ganz verstehen kann ich es nicht", sagt etwa Husic gegenüber "Bild", "wenn in der Situation etwas helfen soll, dann holt man eine Nummer Eins." Der Einwand ist verständlich; Bremens Lage spricht entweder dafür, eine neue Nummer Eins zu holen oder der aktuellen um jeden Preis den Rücken zu stärken. Casteels, der sicher nicht anspruchslos in die Hansestadt gekommen ist, passt da nicht ins Bild.

"Ich verstehe nicht, warum man sich jetzt ein Torwartproblem schafft", kritisiert Werder-Legende Max Lorenz den Vorgang, und der frühere Torhüter Dieter Burdenski geht noch weiter: "Die Verpflichtung von Casteels ist völlig überflüssig."

Wolf gibt sich kämpferisch

Wolf, der nach einigem Hin und Her in den letzten Wochen dann doch das Vertrauen ausgesprochen bekam, zeigt sich ebenfalls irritiert und spricht gegenüber der "Kreiszeitung Syke" von einem "Haifischbecken" sowie einer Tür für eine Torwart-Diskussion, die man "nicht hätte öffnen müssen", gibt sich aber gleichzeitig kämpferisch.

"Ich werde zeigen, dass ich die Nummer Eins bin und zu Recht hinten drin stehe", sagte er vorm Rückrundenstart und führte weiter aus: "Ich werde noch lange die Nummer Eins bei Werder sein."

Wolf braucht dieses Selbstvertrauen. Seine souveräne Vorstellung gegen Hertha, bei der er zugegebenermaßen kaum gefordert wurde, ließ zumindest annehmen, dass ihm die Unruhe nicht geschadet hat. "Damit ist das Thema abgehakt, ich habe mich durchgesetzt", sagte er danach.

Allerdings darf doch bezweifelt werden, dass Eichin ihn auf lange Sicht als die Lösung zwischen den Pfosten ansieht. Wenn man aus dem Verhalten des Managers im Winter einen Schluss ziehen kann, ist es dieser: Seine Wunsch-Lösung heißt Wiedwald.

Werben um Wiedwald

Zu offensiv warb Eichin um den 24-Jährigen ("Wenn er jetzt nicht kommt, kommt er eben im Sommer."), zu vielsagend waren seine Kommentare ("Vielleicht haben wir ja schon etwas Neues für den Sommer..."), als man ihn fragte, warum mit Casteels jetzt nur eine Zwischenlösung geholt wurde.

Zumal Kevin Trapp, der den Posten des Stamm-Torhüters in Frankfurt für Wiedwald blockiert, seinen Vertrag bei der Eintracht am Dienstag bis 2019 verlängerte. Ob Wiedwald und Wolf dann 1a- und 1b-Lösungen darstellen sollen oder ob Wolf degradiert wird, weiß momentan nur Eichin.

Eigentlich wollte er den gebürtigen Thedinghausener Wiedwald schon im Winter holen. Alle nachfolgenden Transfers wirken - mit Ausnahme von der Zetterer-Verpflichtung - eher wie panische Kompensations-Manöver als wie durchdachte Schachzüge. Den zahlreichen Erklärungsversuchen zum Trotz.

Das Timing stimmt nicht

Selbst wenn man Eichins Strategie verteidigen will, bleibt die Frage nach dem Timing doch bestehen. Warum entfacht man ausgerechnet in der Winterpause eine Diskussion um einen so wichtigen Posten, wenn man die langfristige Lösung doch bereits in der Hinterhand hat?

Warum macht man die Nummer Eins zur "lahmen Ente", obwohl sie im Abstiegskampf noch eminent wichtig werden dürfte? Wäre es nicht wichtiger, dem Torwart den Rücken zu stärken, selbst wenn man im Sommer einen anderen Weg einschlagen wollte?

"Das nervt mich", sagt Kapitän Clemens Fritz, als er auf die Diskussion um die Torhüter angesprochen wird, "das ist ein unnötiges Thema." Und Eichin selbst schmettert am Dienstag auf der Pressekonferenz vor dem Hoffenheim-Spiel (ab 20 Uhr im LIVE-TICKER) alle Fragen zur Situation ab: "Ich mache nicht wieder diese Diskussion auf und sage zu dem Thema nichts mehr. Wir haben einen Super-Torwart."

Dabei ist Eichin selbst dafür verantwortlich, dass es zu diesen Diskussionen überhaupt einen Anlass gibt.

Werder Bremen im Überblick

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