Vedad Ibisevic ein Jahr ohne Tor

Volksheld ohne Lizenz

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 29.01.2015 | 11:34 Uhr
Vedad Ibisevic erzielte in 195 Bundesligaspielen für Hoffenheim und Stuttgart 82 Tore
© getty
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Seit einem Jahr wartet Vedad Ibisevic vom VfB Stuttgart auf ein Tor in der Bundesliga. Diese schlimme Phase will der 30-Jährige endlich beenden. Aus den Verfehlungen der Vergangenheit habe er jetzt gelernt. Der Grat zwischen Hoffnungsträger und Sündenbock ist beim Bosnier aber weiterhin ganz besonders schmal.

Der Mann, der fast ein ganzes Land in den Ausnahmezustand versetzte, hatte viel vor. 2014 sollte das Jahr von Vedad Ibisevic werden. In der Blüte seines Schaffens, mit neuen Perspektiven bei seinem Klub und der Weltmeisterschaft vor Augen. Die aufregendsten zwölf Monate einer nicht eben gewöhnlichen Karriere.

"2014 war ein Seuchenjahr", sagt Vedad Ibisevic heute. Was da passiert ist, bezeichnet er als eine Allianz mehrerer teilweise unglücklicher Umstände, vor allen Dingen aber "war ich auch selbst dran schuld".

Am 15. Oktober 2013 hat er das wichtigste Tor seiner Karriere erzielt. Im Stadion Dariaus & Gireno in Kaunas, Litauen. Auf einer besseren Bezirkssportanlage sicherte Ibisevic' Treffer seinem Land zum ersten Mal in seiner noch jungen Geschichte den Zutritt in die Welt der ganz Großen. "Ein Highlight meiner Karriere, ein fantastischer Abend." Es folgten seitdem nicht mehr viele.

Bayern-Spiel als Knackpunkt

Beim VfB Stuttgart war er zum Jahreswechsel mit neun Treffern der mit Abstand gefährlichste Angreifer, es soll sogar Experten gegeben haben, die Ibisevic in der Saison den Griff nach der Torjägerkanone zugetraut hätten. Der junge Trainer Thomas Schneider vertraute auf einen schwungvollen Offensivstil und vielen jungen Spielern, Ibisevic war einer der erfahrenen Fixpunkte dazwischen.

Zum Knackpunkt einer bis dahin vernünftigen Saison wurde das Nachholspiel gegen den FC Bayern. An diesem Donnerstag jährt sich die Partie und viele beim VfB denken mit Grausen zurück. Stuttgart spielte eins der besten Spiele der gesamten Saison, hatte die Bayern durch ein Tor von Ibisevic bis in die Schlussphase am Rande einer Niederlage. Dann kamen Pizarros Kopfstoß und in der letzten Sekunde der Partie der Kunstschuss von Thiago.

Der VfB Stuttgart hat an diesem Abend mehr verpasst als diesen einen oder sogar drei Punkte. Er hat den Glauben an sich selbst verloren. Auf die Niederlage gegen die Bayern folgten fünf weitere, nimmt man die beiden Pleiten vor der Winterpause noch dazu, waren es sogar acht am Stück. Fünfmal vergeigte der VfB wichtige Punkte in den letzten Minuten einer Partie.

Tätlichkeit ins Abseits

In der schwierigsten Phase der jüngeren Vereinsgeschichte konnte Vedad Ibisevic nicht helfen. Die aufkommende Unzufriedenheit, der Ärger mit den Mitspielern und eine erneute Demütigung durch den FC Augsburg ließen beim Bosnier die Sicherungen durchbrennen. Die Tätlichkeit gegen Augsburgs Jan-Ingwer Callsen-Bracker brachte ihm fünf Spiele Sperre und eine Geldstrafe von 20.000 Euro ein. Vor allem aber zog er sich damit endgültig den Zorn seiner Mitspieler zu.

Ibisevic ist einer der letzten Dinosaurier der Stürmerbranche. Sein Spiel ist nicht besonders flexibel oder polyvalent, wie man heute sagt. Er kann nicht besonders effizient verteidigen oder schnell laufen, frech dribbeln oder präzise flanken. Er kann Bälle gut behaupten, auch mit dem Rücken zum Tor. Und er kann Tore erzielen. Oder besser: Er konnte Tore erzielen.

Der eine Glücksmoment aus dem Bayern-Spiel war bis heute sein letzter. Ein Angreifer, der seit einem Jahr ohne Tor ist, hat ein Problem. Ein Angreifer, der sich auf Grund seiner Spielweise fast ausschließlich über Tore definieren muss, aber seit einem Jahr ohne Tor ist, verliert mehr und mehr seine Daseinsberechtigung.

In der Phase nach seiner Sperre ist Ibisevic nie mehr richtig auf die Füße gekommen. Schneider war beim VfB Geschichte, als Ibisevic wieder mitspielen durfte. Huub Stevens gab ihm einige Chancen, aber Ibisevic fehlten der Rhythmus und die Selbstverständlichkeit in seinem Spiel. Stevens vertraute bald schon anderen und bei den wenigen sporadischen Einsätzen enttäuschte Ibisevic komplett.

Schwerer Stand bei den Fans

Sein persönlicher Knackpunkt war der Schlag gegen Callsen-Bracker, von diesem Moment an ging die Malaise erst so richtig los. "Die Rote Karte wird immer in meinem Hinterkopf bleiben", sagt er heute und man nimmt es ihm ab, wenn er anfügt: "Das möchte ich nie wieder erleben. Mein Ziel ist es, dass so etwas nie wieder passiert."

Im Sommer flackerte es noch einmal auf, im Spiel gegen Argentinien schoss Ibisevic in Brasilien das erste WM-Tor überhaupt für sein Land. Es ist bis heute der letzte Pflichtspieltreffer seiner Karriere. Ziemlich überrascht waren die meisten Beobachter, als der VfB an Ibisevic' 30. Geburtstag den Vertrag mit seinem Angreifer um ein weiteres Jahr bis Juni 2017 verlängerte.

Die innerbetrieblichen Störungen zwischen Ibisevic und einigen seiner Mitspieler waren nicht mehr zu übersehen, Teile des Publikums reagierten längst mürrisch. Den besten Stand hat er bei den Fans schon lange nicht mehr. "Ich kann nachvollziehen, dass die Fans enttäuscht von mir sind. Das ist eine Last, die ich tragen muss", gibt er sich im Januar 2015 wenigstens einsichtig.

Große Worte, wenige Taten

Über Monate hatte sich Ibisevic ein Schweigegelübde auferlegt. Das ließ Raum für Spekulationen und wirkte wie ein weiterer Schritt der Abkapselung von der Basis. Dann wurde auch noch bekannt, dass Ibisevic im Sommer nach England hätte transferiert werden können, für angeblich rund fünf Millionen Euro.

Das fehlende Geld auf der Bank und dafür ein unzufriedener, unglücklicher Torjäger außer Dienst auf dem Platz: Auf den ersten Blick kein besonders guter Deal für den VfB. Die hehren Worte, die Ibisevic vor der Saison an die Öffentlichkeit richtete, sind fast schon grotesk ad absurdum geführt.

"Wir können hier wieder etwas entwickeln, und ich möchte mit meinen Leistungen und vor allem mit meinen Toren dazu beitragen, dass wir alle gemeinsam wieder bessere Zeiten mit dem Verein erleben können", ließ sich Ibisevic damals in bestem PR-Sprech zitieren.

Entwickelt hat sich seitdem nichts, mit guten Leistungen konnte er kaum überzeugen und getroffen hat er seitdem auch nicht mehr. Dem VfB geht es schlecht. Aber jetzt beginnt vielleicht endlich die Wende zum Guten?

"Ich habe es nicht verlernt"

Ibisevic stand in den letzten Spielen gar nicht mehr auf dem Rasen. Ein beginnender Ermüdungsbruch in der rechten Fußwurzel verdonnerte ihn zur Pause. Jetzt ist er wieder fit, mit dem neuen Jahr kommt auch ein großes Stück Zuversicht zurück. Der VfB braucht Stürmertore, Martin Harnik ist mit derzeit fünf Treffern bester Torschütze der Mannschaft, dahinter folgt Timo Werner mit drei Toren.

Daniel Ginczek hat immer mal wieder mit den Nachwehens eines Kreuzbandrisses zu kämpfen und benötigt noch Zeit. Mo Abdellaoue hat wegen eines Knorpelschadens in dieser Saison noch keine Minute auf dem Platz gestanden. In der U 23 macht keiner der potenziellen Kandidaten nachhaltig auf sich aufmerksam und die A-Jugendlichen Adrian Grbic oder Prince-Osei Owusu sind noch einige Schritte vom Profifußball entfernt.

Die Hilfe muss also aus den eigenen Reihen kommen, weshalb Ibisevic noch mehr in den Fokus rückt. Der Bosnier spielt in der Rückrunde quasi auf Bewährung, eine dritte schwache Halbserie kann sich auch der 30-Jährige nach zuvor 33 Toren und 15 Assists in 79 Bundesligaspielen für den VfB nicht mehr erlauben.

"Zuletzt habe ich in jedem Spiel fünf Chancen verballert", sagt Ibisevic selbstkritisch. "Aber eines verspreche ich: Ich habe das Toreschießen nicht verlernt. Ich weiß noch, wie das geht."

Das ist der VfB Stuttgart

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