Jürgen Klopp und die BVB-Krise

Prüfung geht vor Aufgabe

Donnerstag, 04.12.2014 | 10:55 Uhr
Jürgen Klopp erlebt als BVB-Trainer derzeit seine bislang größte Krise
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Seit einem guten Jahr versucht Trainer Jürgen Klopp, Borussia Dortmund sportlich auf Kurs zu halten. In den letzten Monaten ist ihm das nicht mehr gelungen. Dass ihn der BVB nicht vor die Tür setzt und der Trainer selbst keinen Gedanken an einen Rücktritt verschwendet, erscheint aus mehreren Gründen als die einzig sinnvolle Maßnahme. Doch Klopp ist nun gefordert, sein vorzeitiges Meisterstück als Fußballlehrer abzuliefern.

Die 260 Gäste, die sich in den Ballsaal des Hotels "Frankfurter Hof" in Frankfurt am Main begaben, werden zum Kaufzeitpunkt ihrer Karten wohl auch andere Vorstellungen gehabt haben. 350 Euro waren zu berappen, um einem Vortrag von Jürgen Klopp zu lauschen. Das Thema: "Motivation und Führung - Titel, Thesen und Tore". Niemand der Zuhörer hätte wohl einen Pfifferling darauf gesetzt, dass an diesem 1. Dezember dann der Trainer des frisch gebackenen Tabellenletzten der Bundesliga zu ihnen spricht.

Plätze blieben dennoch keine frei. Der Coach von Borussia Dortmund zieht natürlich immer noch. Jetzt möglicherweise umso mehr. In den Erwartungen des Auditoriums war nun auch die Neugier inbegriffen, wie sich Klopp wohl in einer Zeit verhalten würde, in der die Schlagworte seines Vortrags die sportliche Gegenwart konterkarieren.

Doch der Klopp, der am Montagabend sprach, war nicht jener, der nach den Niederlagen der letzten Wochen ratlos und niedergeschlagen in die TV-Kameras blickte. "Jemanden zu sehen, dem es so richtig beschissen geht, und der hier sitzt und lacht, das ist doch Motivation", war einer seiner Sätze.

"Situation fühlt sich katastrophal an"

Klopp gewährte kleine Einblicke in seine Seele, die etwas tiefer waren als das, was er für gewöhnlich auf Pressekonferenzen von seiner Gedankenwelt preisgibt: "Uns war vollkommen klar, dass es sehr schwierig wird in dieser Saison. Die Situation fühlt sich katastrophal an. So schwierig, wie es jetzt ist, hätte ich es mir nicht vorgestellt. Es ist relativ einfach, mit 8,4 Promille auf einem Lastwagen zu stehen, durch die Dortmunder Innenstadt zu fahren und sich feiern zu lassen. Es ist ungleich schwieriger, in unserer momentanen Situation das Gesicht des Vereins zu sein."

Verhältnismäßig kompliziert sind die Begebenheiten in Dortmund jetzt seit rund einem Jahr. In dieser Zeit schnellte in erster Linie die Ausfallquote des Personals in ungeahnte Höhen (siehe links die Faktenbox). Klopp musste aus dem Stand heraus improvisieren, immer wieder und immer wieder, um Mannschaften für die zahlreichen Spiele zusammen zu bekommen.

An diesem Umstand hat sich bis zum heutigen Tage eigentlich kaum etwas geändert. Diese Problematik im Zusammenspiel mit der Zusatzbelastung Weltmeisterschaft, dem Abgang von Robert Lewandowski und - dafür ist Klopp verantwortlich - formschwachen Spielern hat nun aber ein extremeres Ausmaß angenommen.

Lähmender Schleier über dem BVB

Bis zum Ende der vergangenen Saison hat Klopp sein Team noch auf Kurs halten können. In den vergangenen drei Monaten ist ihm das nicht mehr gelungen.

Das ungläubige Staunen über die sportliche Talfahrt hat sich wie ein lähmender Schleier über den Klub gelegt. Die Fallhöhe ist immens, nachdem sich das Ausmaß der Dramaturgie in den letzten Wochen kontinuierlich verselbständigte und in die Köpfe der Protagonisten fraß.

Das Verinnerlichen mannschaftstaktischer Abläufe, das Klopp zwischen den Spielen nur niedrig dosiert abarbeiten kann, ist das, was das kriselnde Team so dringend benötigt. Bei der Mannschaft ist nach bald vier Monaten Saison nur ein Minimum davon angekommen - und sie liefert dem Coach plötzlich keine Ergebnisse mehr.

Hat Klopp keinen Plan B?

Anders als beim Ottonormal-Abstiegskandidaten zerbricht die Mannschaft unter dem Druck der Situation immer mehr an fußballerischer Enttäuschung. Wenn die eigene Spielidee wieder nicht stabil genug umgesetzt, dicke Chancen verballert und läppische Gegentore kassiert wurden, dann lässt das keinen seiner Spieler kalt. Der Schleier, das viele Nachdenken, es hemmt den Klub enorm.

Die Komponente Selbstvertrauen hat eine Dimension angenommen, die momentan zu groß erscheint, um sich trotz der Verletzungen und der schwachen Chancenverwertung wieder die nötige Unbeschwertheit zu erarbeiten. "Es gibt 28 Spieler und damit 28 Gründe", sagt Klopp zur Talfahrt. "Meine Mannschaft lebt extrem davon, dass sie zusammenarbeitet, sich gemeinsam stärker macht. Aber wenn diese Zusammenarbeit nicht stattfindet, fehlt etwas."

Ob jedoch nur diese Beschreibung Gültigkeit besitzt, darüber zerbricht man sich derzeit landauf, landab den Kopf. Ist etwa die Kernkompetenz Pressing/Gegenpressing, dieses tiefe Balljagen bei gleichzeitiger Beibehaltung der defensiven Kompaktheit, zu sehr verblasst? Haben sich die Gegner mit den Jahren an Dortmunds Spielweise gewöhnt und sie nach und nach entschlüsselt? Hat Klopp keinen Plan B?

Seite 1: Dortmunds Schleier - Ausfälle, Selbstvertrauen, fußballerische Enttäuschung

Seite 2: Problem Ballbesitzspiel und die Krise als Chance sowie Zäsur für den BVB

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