Leverkusen vor dem Gastspiel in der Allianz Arena

Feuertaufe für das Chaos

Donnerstag, 04.12.2014 | 14:42 Uhr
Roger Schmidt (M.) hat gut lachen: Seine Werkself belegt derzeit einen Champions-League-Platz
© getty
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Bayer Leverkusen mischt mit seinem wahnwitzigen Überfall-Fußball noch immer in der Spitzengruppe der Liga mit. Die Topspiel beim FC Bayern München (Sa., 18.30 Uhr im LIVE-TICKER) wird dabei zum Härtetest - für beide Seiten. Die Bayern sind schlagbar, sagt Roger Schmidt. Und hat das schon bewiesen.

Viel mehr als ein paar Sekunden dauerte es eigentlich gar nicht. Dennoch war es eine gefühlte Ewigkeit, die Pep Guardiola auf Roger Schmidt einredete. Ihn lobte und auf die Schulter klopfte. Da, wo ein Handschlag garniert mit einer Hand voll Worten im Regelfall ausreicht, fanden die Ausführungen des Spaniers - gefühlt - gar kein Ende mehr.

Dabei hatte jener Schmidt sein bayerisches Pendant ausgerechnet an dessen 43. Geburtstag gewaltig geärgert. 0:3 hieß es aus Sicht der 90 Minuten zuvor noch unschlagbar scheinenden Münchner im Testspiel gegen Red Bull Salzburg Anfang des Jahres. Es blieb - trotz des deftigen medialen Echos - im Endeffekt ein Ausrutscher ohne Auswirkungen für den Rekordmeister, bei dem die aggressive Spielweise der Bullen aber bleibenden Eindruck hinterließ.

"In meiner Karriere als Trainer noch nie", war Peps Antwort auf die Frage auf der anschließenden Pressekonferenz, ob er jemals so ein intensives Pressing erlebt habe. "Es war heute eine gute Lehre für uns."

"Passivität keine Lösung"

Ein knappes Jahr später stehen sich Guardiola und Schmidt erneut gegenüber. Wenn die Werkself am Samstag in der Allianz Arena antritt (18.30 Uhr im LIVE-TICKER), ist Pep immer noch Coach der Bayern und grüßt von der Spitze der Tabelle in der Bundesliga. Roger Schmidt hat seine Zelte mittlerweile am Rhein aufgeschlagen. Und seinen irren Fußball aus Österreich mit nach Leverkusen gebracht.

Der anfängliche Hype ist zwar etwas verflogen, dennoch sucht das enorm intensive Spiel gegen den Ball, das kollektiv hohe Tempo, die treibende Balljagd der Leverkusener im Moment ihres gleichen. Das "vogelwilde" Spiel (Stefan Kießling) hat die Werkself auf Rang drei in der Bundesliga geführt. Und muss jetzt zeigen, dass es auch gegen eine der besten Mannschaften der Welt bestehen kann.

Dass verängstigte Bayer Leverkusen der vergangenen Gastspiele wird das Münchner Publikum diesmal nicht zu Gesicht bekommen, so viel steht fest. "Aus meiner Sicht ist gegen Bayern Passivität keine Lösung", hatte Schmidt schon damals noch in Diensten der Bullen erklärt. "Wenn man ihnen das Spiel überlässt und sie es relativ drucklos gestalten können, werden sie dich irgendwann so weit zurechtlegen, dass du dann den Ball aus dem Netz holen kannst."

Sechs Siege, 18 zu null Tore

Schmidts Pressing-Motor soll also wieder zu Hochtouren auflaufen. Gegen kein Team haben die Bundesligisten im Schnitt eine schlechtere Passquote (63,3 Prozent) als gegen die aggressive Werkself. "Wir müssen sprinten und attackieren bis zum Geht-Nicht-Mehr, dann können wir sie überraschen", sagte der Bayer-Coach auf der Pressekonferenz vor dem Spiel. Zumal Hoffenheim, der BVB und Eintracht Frankfurt in der Saison bereits zeigten, dass man den Münchnern so am ehesten Paroli bieten kann. In dem man früh und aggressiv stört, Xabi Alonso und den Spielgestaltern Zeit und Raum nimmt.

Auch Heung-Min Son sieht darin im "Kicker" das vermeintliche Erfolgsrezept. "Wir werden an unser Spiel glauben und versuchen, es auf den Platz zu bringen", sagt der 22-Jährige. "So haben wir die beste Chance, ihnen Probleme zu bereiten."

Bei allem Respekt vor dem Rekordmeister wittert Schmidt deshalb seine Chance: "Unschlagbar sind sie nicht. Du kannst gegen sie gewinnen. Aber dafür muss man etwas anders machen, als einfach nur gut zu stehen und vielleicht vor lauter Glück ein Tor zu erzielen."

Das haben in dieser Saison in der Bundesliga schon viele versucht. Stuttgart, Paderborn, Köln, Hannover oder Werder igelten sich vom Anstoß weg ein. Auch die Berliner wollten Anfangs nur eine Klatsche verhindern, schickten eine Fünferkette samt Libero aufs Feld. Das Resultat der sechs Partien? Sechs Bayern-Siege bei 18:0 Toren. Das Fazit von Schmidt? "Man muss sein Schicksal in die eigenen Hände nehmen."

Elferkette und Robben in der Abwehr

Doch Pep hat sich für die Überfälle der Werkself bereits etwas überlegt. "Wir spielen morgen mit einer Elferkette", sagte der FCB-Coach mit einem Augenzwinkern vor dem Abschlusstraining. Er sei generell ein "big, big Fan" von Schmidt und dessen Spielweise. "Er ist sehr gut für den Fußball und denkt immer nach vorne. Sie spielen immer mit seiner Idee."

Im Aufeinandertreffen mit der Werkself sieht Guardiola deshalb nicht nur einen echten Härtetest, sondern auch die Chance, einen großen Schritt Richtung Meisterschaft zu tun.

Dazu werde der Spanier sogar "mehr defensive Spieler" auf den Platz schicken. "Sie werden versuchen, uns keine Zeit zum Nachdenken zu geben. Wir müssen sehr konzentriert sein und uns schnell organisieren", warnt Guardiola. Ribery und Robben würden ohnehin Außenverteidiger spielen, scherzte der Coach. "Wir müssen morgen viel laufen und mit elf Spielern verteidigen."

Wie das System am Ende aussehen wird, damit wollte der Übungsleiter der Münchner noch nicht herausrücken. In neun verschiedenen taktischen Formationen ließ Pep seine Mannen in der laufenden Saison schon auflaufen. Vor Leverkusen verriet der Spanier nur so viel: Bastian Schweinsteiger sei "auf jeden Fall eine Option", vielleicht sogar für die Startelf.

"Das wird ein Top-Spiel"

Ohnehin rechnet der Coach mit einem Spektakel. "Wenn beide Mannschaften nach vorne spielen, ist das gut für die Zuschauer. Das wird ein Top-Spiel." Auch ein Blick auf die Statistiken verspricht ereignisreiche 90 Minuten.

Schließlich treffen die beiden Mannschaften mit den meisten Torschüssen (246 zu 243 für die Werkself) aufeinander. Das Team mit den meisten Großchancen (Bayern, 42) und den meisten Toren (32) trifft auf das mit der besten Großchancenverwertung (Leverkusen, 61 Prozent) und den zweitmeisten Konter-Toren (vier).

Kein Wunder also, dass Pep trotz der Favoritenrolle mahnt: "Wir brauchen eine Top-Leistung, um das Spiel zu gewinnen." Damit er am Ende nicht wieder eine gefühlte Ewigkeit auf Schmidt einreden muss. Ihn loben, auf die Schulterklopfen - und zum Sieg gratulieren.

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