Orientierung ohne Kompass

Von Stefan Rommel
Freitag, 21.11.2014 | 14:03 Uhr
Der Hamburger SV hat in dieser Saison erst vier Tore erzielt
© getty
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Hamburgs Offensive ist die schwächste der Liga, die Statistiken nach knapp einem Drittel der Saison indiskutabel schlecht. Bisher fielen die Sturmprobleme des HSV noch gar nicht so ins Gewicht. In den Wochen der Wahrheit - beginnend mit dem Derby gegen Werder Bremen (15.30 Uhr im LIVE-TICKER) - muss Trainer Joe Zinnbauer aber einige tiefgreifende Veränderungen vornehmen.

Leicht wird es nicht, dafür sind die aktuellen Zahlen zu niederschmetternd. Der Hamburger SV hat weiß Gott viele Probleme auf vielen Ebenen zu bewältigen. So richtig dramatisch gestaltet sich im Moment aber der Blick auf die Offensivkraft des HSV.

Nach elf absolvierten Partien haben die Hamburger vier Tore erzielt. Es ist die mit Abstand schlechteste Bilanz aller Bundesligisten und die schlechteste seit Eintracht Frankfurts lauem Lüftchen vor über 40 Jahren zum selben Zeitpunkt.

Umgerechnet sind es 0,36 Tore pro Spiel, die dem HSV gelingen. Selbst die ewige Negativ-Referenz Tasmania Berlin war in ihrer einzigen Bundesliga-Saison mit 0,44 Toren besser.

Und die Tatsache, dass von den vier Hamburger Toren bisher ein einziges aus dem Spiel heraus erzielt wurde und die restlichen drei nach einem ruhenden Ball, verschärft die Zweifel an einer bundesligatauglichen Offensive des Abstiegskandidaten.

Wechselnde Aufgabenstellung für Zinnbauer

14 Großchancen hat sich der HSV laut Opta bisher nur erspielt. Der drittschlechteste Wert aller Bundesligisten ist als Faktum an sich schon schlimm genug. Spektakulär verschärft wird die Statistik in Kombination mit der Chancenverwertung, die sich die Mannschaft bisher leistet.

Nur 29 Prozent dieser Großchancen werden auch genutzt, Rang 17 im Liga-Vergleich. Bei der Schussgenauigkeit liegt der HSV mit 32 Prozent sogar auf Rang 18. Gegner Werder hat zwar weniger Schüsse abgegeben (116:129), aber immerhin eine Genauigkeit von 46 Prozent und bei 21 Großchancen eine Verwertung von 38 Prozent. Den Top-Wert liefert übrigens der FC Augsburg mit 71 Prozent verwerteter Großchancen.

Josef Zinnbauer hat die Profimannschaft des HSV vor zwei Monaten übernommen. In der abgelaufenen Saison war Hamburg die Schießbude der Liga, der Start in diese Spielzeit ließ sich ebenfalls nicht besonders verheißungsvoll an. Zinnbauer, der seinen Job bei den Amateuren erst im Juli angetreten hatte, rutschte mit der Beförderung zum Bundesligatrainer von einem Extrem ins nächste.

Mit der U 23 ließ er in der Regionalliga Nord aggressiv nach vorne verteidigen und mutig nach vorne spielen. Auch auf die Gefahr hin, dass es das eine oder andere Mal auch böse hätte ins Auge gehen können. Mit einer bunt zusammengewürfelten Mannschaft experimentierte und wagte Zinnbauer viel und gewann im wahrsten Sinne des Wortes alles: Acht Siege standen nach acht Spieltagen, bis dahin hatte seine Mannschaft 27 Treffer erzielt.

Mit einem Tag auf den anderen änderte sich für Zinnbauer nicht nur seine Jobbeschreibung, sondern auch die Ausgangslage für seine tägliche Arbeit. Mit den Profis standen die Abläufe in der Defensive ganz oben auf der Tagesordnung, die Stabilisierung der Abwehrleistung war der erste Schritt aus der Misere.

Mehrere Erklärungsansätze

Das erklärt, warum es dem HSV auch nach fast einem Drittel der Saison immer noch so schwer fällt, Torchancen zu kreieren und diese dann auch zu verwerten. Trotz Spielern wie Lewis Holtby, Rafael van der Vaart, Nicolai Müller und Pierre-Michel Lasogga. Das mag nicht die absolute Topriege der Bundesliga sein - für mehr als vier Törchen nach elf Spieltagen sollte es aber dann doch reichen.

Peter Knäbel, seit ein paar Wochen Direktor Profifußball, hat zwei Ansätze für die Sturmmisere. Der eine ist handwerklicher Natur: "Wir haben zu wenige Standardtreffer, zu wenig Torschüsse. Im letzten Drittel des Spielfeldes wollen wir Tore mit der genialen Idee erzwingen. Und das funktioniert nicht so. Wir müssen dahin kommen, dass man von 'drückend überlegen' und 'Tor erzwingen' spricht. Besonders zu Hause. Aber von diesen Phasen haben wir zu wenig."

Der andere beschäftigt sich mit den Richtungs- und Personalwechseln der jüngeren Vergangenheit. "Die Mannschaft musste Neuzugänge im Team und dann auch noch auf Trainerposition verkraften. Insofern hat sie sich in der Saison schon zweimal komplett umorientieren müssen. Das ist nicht leicht, das klappt nicht immer."

Knäbel hat als Neuling beim HSV noch einen ungetrübten Blick und hält mit seiner Meinung über die Versäumnisse der Vergangenheit auch gar nicht unnötig hinterm Berg. "Nachdem hier in den letzten Jahren etliche verschiedene Entscheidungsträger bei Personalentscheidungen ihre Wünsche eingebracht haben, wirkt alles manchmal wie zufällig zusammengewürfelt", sagt er. "Hier sind alle wie zufällig zusammengekommen."

Defensivstärke allein genügt nicht

Diese Dysbalancen macht er an einem noch frischen Beispiel fest. "Der Athletiktrainer ist aus Berlin nach Hamburg gezogen, weil der den Nachwuchs machen wollte. Mit den Profis hatte er erst mal nicht viel zu tun. Er hat sich eine Wohnung genommen, sich auf den Nachwuchs vorbereitet. Er wollte sich eingewöhnen - und vier Wochen später ist er Athletiktrainer in der Bundesligamannschaft und kennt die Abläufe nicht."

Das sind kleine Mosaiksteinchen, die im Hintergrund nicht perfekt ineinandergreifen. Und die Erklärungsansätze bieten für die bisher dürftige Ausbeute in der Offensive. Allerdings nehmen die Verantwortlichen auch die Spieler in die Pflicht und fordern die schlummernden Potenziale endlich zum Leben zu erwecken. "Es gibt hier ganz viele verschiedene Stellschrauben zu drehen", sagt Knäbel.

Coach Zinnbauer hat in der Länderspielwoche einiges ausprobiert, in zwei Testspielen in einem 4-4-2-System spielen lassen, im letzten - und mit 4:0 erfolgreichsten - dann wieder im gewohnten 4-2-3-1. Nach dem durchaus happigen Auftaktprogramm warten in den kommenden Wochen die Spiele gegen jene Mannschaften, die auf Augenhöhe sind. Die man schlagen muss. Und gegen die man dafür auch endlich mehr und besser nach vorne spielen muss.

Wenig überraschend hat die Mannschaft ihre besten Spiele in dieser Saison gegen spielstarke Mannschaften absolviert und da auch die Punkte geholt: Beim Remis gegen die Bayern und Hoffenheim, bei den Siegen gegen den BVB und Leverkusen. Mit Leidenschaft, Emotionen, Willensstärke und einem gewissen Maß an Härte. Aber was passiert nun gegen Augsburg, Mainz, Freiburg, Stuttgart, und am Sonntag im Derby gegen Werder Bremen?

Zukäufe im Winter?

"Die Abläufe sind noch nicht so, wie sie sein sollten", sagt der offensive Mittelfeldspieler Holtby, der saison- und mannschaftsübergreifend (Tottenham/HSV) nun schon seit 17 Spielen ohne Tor ist. Eine handfeste Erklärung findet aber auch der 24-Jährige nicht. "Vielleicht sind wir zu zaghaft, zu mutlos. Vielleicht ist unser Umschaltspiel nicht clever genug?"

Längst wird intern und in der Öffentlichkeit über neue Spieler im Winter diskutiert. Batuhan Altintas von Bursaspor, Josip Drmic von Bayer Leverkusen oder der erst 17-jährige Breel Embolo vom FC Basel sollen auf der Liste stehen.

Drmic und Embolo dürften für einen Klub, der demnächst das vierte dicke Bilanzminus in Folge verkünden wird, aber kaum zu realisieren sein. "Bei uns heißt das, wir müssen nach vorn was tun. Wir sind daran und bereiten alles vor. Und wenn Bedarf da ist, werde ich das melden und abwarten, was finanziell umzusetzen ist", kündigt Knäbel an.

Regionalliga-Torjäger Ahmet Arslan wäre die deutlich billigere Variante, dessen Stärken und Schwäche Zinnbauer zudem bestens kennt. Der hatte bei seinem Dienstantritt bei den Profis bereits durchklingen lassen, ohne Zögern auch auf Spieler aus der zweiten Mannschaft zurückzugreifen, wenn die gestandenen Bundesligaspieler den Ansprüchen nicht genügen.

Nachwuchstalente auf dem Sprung

"Seitdem Zinnbauer da ist, bekommen mehr junge Spieler eine Chance. Die Durchlässigkeit ist besser als zuvor, weil der Trainer die zweite Mannschaft trotz seiner Beförderung nicht abgehakt hat", sagt der erst 19-jährige Matti Steinmann, dem Zinnbauer bereits zu seinem Debüt in der Bundesliga verholfen hat.

Für die Partie gegen Werder scheint alles möglich - zumal Lasogga zwar wieder fit ist, zuletzt aber wegen Oberschenkelproblemen nur eingeschränkt trainieren konnte. Einen kleinen psychologischen Vorteil nimmt Joe Zinnbauer immerhin mit ins Wiedersehen mit seinem Bremer Pendant Viktor Skripnik: Beide trafen sich in dieser Saison schon zum direkten (Trainer-)Duell, Zinnbauer und der HSV II siegten.

Die Hamburger erzielten dabei sogar vier Tore, so viele wie die Profis derzeit zusammen nach elf Spieltagen. Zweifacher Torschütze: Ahmet Arslan.

Das ist der Hamburger SV

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