"Man zerstört Träume"

Freitag, 21.11.2014 | 11:26 Uhr
Arie van Lent trainiert die U 19 der Borussia, Roland Virkus ist Direktor Jugend und Amateure
© getty
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Die Nachwuchsarbeit in Mönchengladbach ist beispielhaft - kaum ein Bundesligist etablierte in den vergangenen Jahren ähnlich viele Eigengewächse bei den Profis. Doch die Zahl derer, die den Sprung nicht schaffen, ist riesig. SPOX sprach mit Jugend- und Amateur-Direktor Roland Virkus und U-19-Trainer Arie van Lent. Das Duo über kräftezehrende Entscheidungen, Vaterrollen, Farm-Teams und den Abgang von Sinan Kurt.

SPOX: Herr Virkus, mit Arie van Lent und Oliver Neuville haben Sie zwei Trainer für die U 19 verpflichtet, die sich schon während ihrer aktiven Karriere einen Namen in Gladbach gemacht haben. Eine bewusste Entscheidung?

Roland Virkus: Natürlich. Gerade im Jugendbereich braucht man Trainer, zu denen die Jungs hochschauen können. Es ist wesentlich einfacher, einem Trainer zu glauben, der selbst schon etwas erreicht hat und denselben Weg gegangen ist. Außerdem legen wir großen Wert darauf, dass jeder Mitarbeiter der Borussia die Philosophie des Vereins kennt und lebt.

SPOX: Herr van Lent, Sie haben vor Ihrem Engagement bei Gladbach nur Profimannschaften trainiert. Ist das Training mit Jugendspielern eine große Umstellung?

Arie van Lent: Als Nachwuchstrainer ist man nicht nur Coach, sondern gleichzeitig auch Vorbild und Lehrer. Ich habe vorher nicht gedacht, dass die Pädagogik ein so wichtiger Teil der Arbeit ist. Die Intensität und der Zeitaufwand sind aber vergleichbar.

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SPOX: Gehört zu diesen pädagogischen Aufgaben auch, auf die unterschiedlichen Kulturen der Spieler einzugehen?

Van Lent: Das ist das kleinste Problem, weil die Jungs eigentlich nur den einen Gedanken haben, Fußball zu spielen. Es gibt keine einfachere Art, miteinander umzugehen. Es ist egal, wo man herkommt oder welcher Religion man angehört. Beim Fußball zählt nur der Teamgedanke.

SPOX: Die Schule spielt in den Köpfen der Jugendspieler hingegen meist eine untergeordnete Rolle.

Virkus: Das ist doch klar. Jeder träumt von einer Karriere als Fußballprofi. Unsere Aufgabe und Verantwortung ist es, die Prioritäten zurechtzurücken und alles dafür zu tun, dass sie sich mit dem bestmöglichen schulischen Abschluss ein zweites Standbein schaffen.

SPOX: Wie sieht diese Unterstützung konkret aus und wie reagiert man, wenn die schulischen Leistungen stark abfallen?

Virkus: Wir haben eigene Lehrer, die den Spielern Nachhilfeunterricht geben, die Hausaufgaben betreuen und sie unterstützen, wo es nur geht. Manchmal muss man ihnen aber den Spiegel vorhalten: Nur ein verschwindend geringer Anteil schafft den Weg nach oben. Die meisten müssen auf Basis eines guten Schulabschlusses einen vernünftigen Beruf erlernen oder studieren. Davon dürfen sie sich nicht ablenken lassen, auch nicht vom Fußball.

SPOX: Eine andere Ablenkung sind Freundinnen.

Van Lent: Tja, das ist in dem Alter natürlich auch ein Thema. Die Jungs stecken voll in der Pubertät, da bleibt das Testosteron nicht aus (lacht). Wenn wir wüssten, welchen Einfluss die Mädels auf die Jungs haben - ob positiv oder negativ - könnte das vielleicht sogar helfen. Man merkt auf jeden Fall, wenn ein Spieler sehr verliebt ist oder schlimmen Liebeskummer hat.

SPOX: Wird das für den ein oder anderen nicht zu viel?

Virkus: Da die Jugendspieler neben dem normalen Trainings- und Spielbetrieb auch noch die Schule bewältigen müssen, ist die Belastung natürlich immens. Der Verein muss darauf achten, dass es genügend Zeit zur Regeneration gibt und die Spieler gegebenenfalls auch in den Urlaub schicken. Das Hochleistungsalter wird heute wesentlich früher erreicht, dem muss man Rechnung tragen und zugleich aufpassen, dass keiner der Jungs überdreht.

SPOX: Wieviel Profi steckt in der Jugend schon in den Spielern? Herrscht dort höchste Konzentration auf das Ziel, oder haben die Jungs auch noch Flausen im Kopf?

Virkus: Natürlich haben sie noch Flausen im Kopf. Wenn das nicht so wäre, würden sie sich ja wider die Natur verhalten. Es ist normal, dass da hin und wieder auch mal einer Mist baut und sich danach mit den entsprechenden Konsequenzen auseinandersetzen muss. Das gehört zum Erwachsenwerden. Persönlichkeitsentwicklung läuft nie reibungslos. Aber: Ohne Reibung gibt es auch keine Entwicklung.

SPOX: Gilt das auch für Spieler wie Patrick Herrmann, Tony Jantschke oder Julian Korb, die in den letzten Jahren den Sprung zu den Profis geschafft haben?

Virkus: Ja. Allerdings muss ich sagen, dass diese Jungs auch schon in der Jugend sehr vernünftig waren. Etwas wirklich Brisantes oder Schlimmes ist da nie vorgekommen. Und wenn doch, haben sie es so angestellt, dass ich nichts davon mitbekommen habe.

SPOX: Entstehen hin und wieder auch Reibungspunkte mit den Eltern der Spieler?

Virkus: Wir halten den Kontakt zu den Eltern bewusst minimal, weil wir unsere Entscheidungen nie von Sympathien oder Antipathien abhängig machen wollen. Das hat nichts damit zu tun, dass wir jemanden nicht leiden können, sondern ist einfach eine professionelle Einstellung. Klar ist aber auch: Jeder Elternteil, der eine Auskunft haben möchte, erhält diese von mir auf eine absolut faire, ehrliche und vernünftige Weise.

SPOX: Sind die Eltern auch der erste Ansprechpartner, wenn man auf externe Talente zugeht?

Virkus: Das kommt auf das Alter an. In erster Instanz informieren wir immer den Verein, dass wir Interesse an einem seiner Talente haben. Erst danach wenden wir uns an den Spieler. Bis zur U 17 sind da immer auch die Eltern mit im Boot. Man setzt sich dann gemeinsam zusammen und wir versuchen, die andere Partei von unserer Philosophie zu überzeugen. Ab der U 19 haben dann schon fast alle Spieler einen Berater.

SPOX: Für welche Philosophie steht Borussia Mönchengladbach?

Van Lent: Die Möglichkeiten in Gladbach genügen den höchsten Standards in Europa. Dafür muss man sich nur mal die Anlage hier am Borussia-Park anschauen, das Trainingsgelände, das Stadion, das Internat und das Personal. Ich kenne zudem nur wenige Vereine, bei denen eine ähnliche Durchlässigkeit nach oben gegeben ist. Junge Spieler bekommen hier genau das, was sie brauchen, um sich bestmöglich zu entwickeln.

Seite 1: Die Rolle der Eltern, Freundinnen und Flausen im Kopf

Seite 2: Das Scouting, zerstörte Träume und Sinan Kurt

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