Die Bayern-Jäger-Jäger

Von Daniel Reimann
Donnerstag, 30.10.2014 | 21:22 Uhr
Der VfL Wolfsburg hat derzeit allen Grund zur Freude
© getty
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Der VfL Wolfsburg eilt in der Bundesliga von Sieg zu Sieg - dank überstandenem WM-Kater, der Frühaufsteher-Mentalität und viel Geduld. Doch während die Konkurrenz den VfL in neuen Sphären wähnt, weiß man dort genau um die eigene Rolle.

Mainz musste schon dran glauben. Freiburg genauso, auch Bremen und Frankfurt. Ja selbst Leverkusen fiel den Wolfsburger Blitzstartern zum Opfer. Wer gegen den VfL nicht von der ersten Minute an hellwach ist, hat diese Saison verdammt schlechte Karten.

Denn kein Team hat mehr Tore in der Anfangsviertelstunde erzielt als die Wölfe. Insgesamt fünfmal knipste der VfL bereits in den ersten 15 Minuten - was knapp einem Drittel aller erzielten Tore entspricht. Und wenn man erst einmal gegen Wolfsburg in Rückstand gerät, sieht's düster aus. Mit einer Ausnahme brachte das Werksteam alle Führungen in dieser Bundesliga-Saison nach Hause, nach einem 1:0 wurde noch kein Spiel verloren.

Dass sich diese Frühaufsteher-Mentalität gewaltig auszahlt, beweist ein kurzer Blick auf die Tabelle: Die vier Teams mit den meisten Toren in der Anfangsviertelstunde sind auch die Top 4 im Klassement. Den beiden Schlusslichtern Werder und Freiburg gelangen dagegen nur ein beziehungsweise gar kein früher Treffer. Quod erat demonstrandum.

Geduld, die sich auszahlt

Beim VfL gilt: Absoluter Fokus ab der ersten Sekunde. Konzentrationsschwächen? Ermüdungserscheinungen angesichts der Dreifachbelastung? Fehlanzeige. "Wenn man Spiele gewinnt, ist man nie müde", sagt Dieter Hecking.

Tatsächlich hat Wolfsburg derzeit einen fabelhaften Lauf. Zuletzt gab es fünf Siege in Folge, spätestens nach dem 4:2 gegen Krasnodar in der Europa League liegt man in allen Wettbewerben im Soll.

Dabei hatte die Saison verdammt holprig begonnen. Der unglücklichen Auftaktpleite gegen Bayern - Junior Malanda wird sich erinnern - folgten ein ärgerliches Remis gegen Frankfurt und ein glücklicher Punkt in Hoffenheim. Zur Krönung setzte es zum Europacup-Auftakt eine krachende 1:4-Ohrfeige beim FC Everton.

Hecking war früh zu Rechtfertigungen genötigt und bat um Geduld. Geduld, die ihm von Seiten der Vereinsführung zu jeder Zeit eingeräumt wurde. Die ihm erlaubte, an seiner Überzeugung ohne aktionistische Modifizierungen festzuhalten. Geduld, die sich nun auszahlt.

WM-Kater überstanden

"Wir profitieren davon, dass wir unseren Weg weitergegangen sind, als es holprig war. Vielleicht belohnen wir uns jetzt dafür", glaubt Torhüter Diego Benaglio.

Denn anfangs hatte auch Hecking mit den Nachwehen der WM zu kämpfen. Mit Benaglio, Luiz Gustavo, Kevin de Bruyne, Ricardo Rodriguez oder Ivica Olic hatten zahlreiche seiner Leistungsträger noch das Turnier in den Knochen.

Besonders der durch das epochale Halbfinal-Aus geprägte Gustavo brauchte lange, um wieder Topform zu erreichen. Während er zu Saisonbeginn eher durch fleißiges Kartensammeln auffiel, ist er mittlerweile wieder der Alte. In welch starker Verfassung er sich befindet, unterstrich er mit dem Doppelpack im Pokal gegen Heidenheim eindrucksvoll.

"Ich bin wieder bei 100 Prozent. Die WM ist aus meinem Kopf raus", freut sich der Brasilianer. "Er ist unser Fixpunkt und kann noch besser werden. Je stabiler er wird, desto mehr ist es das ganze Gebilde", sagt Hecking über seinen Schützling.

De Bruyne in der Form seines Lebens

Doch nicht nur Gustavo blühte in den zurückliegenden Spielen regelrecht auf. De Bruyne glänzt als bester Vorbereiter der Liga (fünf Assists) und ist Herz und Hirn des Wolfsburger Spiels. Eine "Eins mit Sternchen" attestierte ihm Teamkollege Schäfer nach dem 4:2 in Krasnodar. "Wir hatten vorne eine brutale Qualität, Kevin muss man da rausstellen", betonte Schäfer.

Ebenfalls beeindruckend ist die Tatsache, dass mittlerweile sogar Sorgenkind Bas Dost und Daniel Caligiuri ihre lange währenden Anlaufschwächen abgelegt zu haben scheinen. Dost erwischte gegen Heidenheim eine Gala-Vorstellung (ein Tor, zwei Vorlagen), während Caligiuri zuletzt in der Liga mit drei Buden in drei Partien groß aufspielte.

Abgerundet wird das starke Wolfsburger Gesamtbild von einer immer besser agierenden Defensive. Gleich drei Wolfsburger Verteidiger finden sich in den Top 20 der besten Bundesliga-Zweikämpfer und mit Ricardo Rodriguez hat der VfL den aktuell womöglich begehrtesten Abwehrmann überhaupt in seinen Reihen.

Festhalten an Rodriguez als Signal

Vor allem der Schweizer steht derzeit im Mittelpunkt aller Schlagzeilen. Sein Vertrag soll verlängert, sein Gehalt angeblich verdoppelt werden. Von einer über 30 Millionen Euro schweren Ausstiegsklausel ist die Rede. Ein vorzeitiger Abschied kommt hingegen nicht in Frage: Laut "Kicker" sei man beim VfL in keinem Fall bereit, Rodriguez vor Vertragsende (2016) ziehen zu lassen.

Schon im Sommer soll Manchester United vorgefühlt haben, doch der VfL ließ die Red Devils mit einem kategorischen Nein abblitzen. "Uns wurde gesagt, Ricardo sei unverkäuflich. Damit war das Thema erledigt", bestätigte sein Berater Roger Wittmann im "Kicker."

Es ist ein klares Signal der Vereinsführung und ein Bekenntnis zur Priorität der sportlichen Ziele, für die der Schweizer ein wichtiges Element darstellt. Zumal der VfL mit dem schlagkräftigen VW-Konzern im Rücken ohnehin nicht von finanziellen Nöten geplagt wird.

Keine Konkurrenz für Bayern

Der sportliche Aufwind der Wölfe gepaart mit der Finanzkraft des Autokonzerns bleibt auch der Konkurrenz nicht verborgen und löst dort eine Mischung aus Ehrfurcht und Anerkennung aus. "Dank VW ist Wolfsburg wirtschaftlich besser aufgestellt als der ganze Rest der Liga - sogar besser als Bayern München", ließ Mainz' Manager Christian Heidel kürzlich verlauten.

Eine These, die so gar nicht ins Wolfsburger Selbstverständnis passt. Zwar ist der VfL durchaus ambitioniert und gibt unverhohlen die Champions League als Ziel aus, doch der Vergleich mit dem Liga-Primus ist den Wölfen dann doch zu hoch gegriffen. "Zwischen uns und den Bayern liegen Welten", stellte Klaus Allofs klar.

Selbst die Rolle des Bayern-Jägers will man beim VfL noch nicht ganz annehmen. "Wir fahren gut damit, uns nicht so in den Mittelpunkt zu stellen", mahnte Allofs. Auch der erfahrene Schäfer warnte eindringlich vor unangebrachten Ambitionen: "In der Vergangenheit wurden hier viele Ziele rausposaunt, aber das Einzige, was wir nicht bewiesen haben, ist Konstanz - deshalb sollten wir die Messlatte nicht zu hoch legen."

Wolfsburg möchte nicht als vermeintlicher Bayern-Konkurrent gelten, nicht einmal als Bayern-Jäger. "In der vergangenen Saison waren wir Fünfter, dieses Mal wollen wir einen Platz weiter oben erreichen", kündigt Ivan Perisic an. Willkommen in der Rolle der Bayern-Jäger-Jäger.

Der VfL Wolfsburg in der Übersicht

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