Schiri-Check 1 - Saison 2014/15

Herr Gräfe sagt "Sorry"

Von Patrick Völkner
Donnerstag, 23.10.2014 | 11:30 Uhr
Manuel Gräfe muss den Gladbachern einen umstrittenen Handelfmeter erklären
© getty
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Von Brych bis Zwayer, von Kircher bis Meyer - in unserem faktenbasierten Schiri-Check analysieren wir auch in der Saison 2014/15 das Leistungsniveau der Bundesligaschiedsrichter und bewerten ihre Spielleitungen. Auf der Suche nach den Tops und Flops unter den Referees bilden neben den Fehlentscheidungen vor allem Auftreten, Körpersprache und Kommunikation die wichtigsten Kriterien.

Fragwürdige Handelfmeter, umstrittene Platzverweise, fehlerhafte Zweikampfbewertung. The same procedure as every year - die Kritik an den Schiedsrichtern ist konstant und vehement wie jedes Jahr, wenn der Herbst Einzug hält. Ein näherer Blick auf die nackten Zahlen beweist denn auch: Von einem wirklichen Einbruch kann keine Rede sein. Von einem Schritt nach vorne allerdings auch nicht. Positive und negative Überraschungen halten sich die Waage. Fehlentscheidungen werden dabei zusehends offener eingeräumt.


Fehlerfreier Sippel: Trotz aller Kritik - die Zahlen zeugen von einem stabilen Leistungsniveau der Referees: Mit einer Durchschnittsnote von 2,99 bei einer Fehlerquote von 0,71 liegen die Werte fast exakt so wie zum gleichen Zeitpunkt der letzten Saison (2,97 - 0,67).

Als einziger Referee vollends ohne klare Fehlentscheidung blieb dabei Peter Sippel. Der 45-jährige Münchener, seines Zeichens nicht gerade für eine souveräne Körpersprache bekannt, macht in der laufenden Spielzeit bis dato einen überraschend starken Eindruck und erlaubte sich bislang keinen größeren Patzer. Stellvertretend für seine überzeugende Gesamtperformance steht sein Auftritt am vergangenen Sonntag im Spiel zwischen Hamburg und Hoffenheim. Zwar wäre nach Arslans hartem Einsteigen gegen Modeste auch ein Platzverweis denkbar gewesen, doch Sippel hatte das Match in dieser wie auch in allen anderen wichtigen Szenen gut im Griff. So stand für ihn, wie auch bei seinen drei Spielleitungen zuvor, wiederum die SPOX-Note 2,0 zu Buche, mit der er unsere Schiedsrichter-Tabelle anführt.

Schlusslicht ist derweil Markus Schmidt, der mit 1,3 auch die höchste Fehlerquote aller Unparteiischen aufweist. Eine besonders schwache Darbietung lieferte der Stuttgarter am 4. Spieltag in der Begegnung zwischen Schalke und Frankfurt ab. So verweigerte er den Gästen zunächst einen klaren Handelfmeter, um später fälschlicherweise auf Strafstoß für die Schalker zu entscheiden. Schmidts auch ansonsten sehr unsichere Spielleitung wurde mit der SPOX-Note 5,0 bewertet.


Top-Leute im Fokus:Die Weltmeisterschaft war für ihn eine spannende, aber insgesamt eher unbefriedigende Erfahrung. Trotz ordentlicher bis ansprechender Leistungen kam Dr. Felix Brych bei der WM in Brasilien nur zu zwei Einsätzen und erhielt nicht die Chance, seine Klasse in den K.O.-Runden unter Beweis zu stellen.

Im Alltagsgeschäft Bundesliga macht Brych, der in der Vorsaison eine für seine Verhältnisse grotesk schwache Hinserie ablieferte, bislang eine solide Figur. Allein seine Leitung der Partie zwischen Gladbach und Schalke am 3. Spieltag ließ zu wünschen übrig (SPOX-Note 4,5). So übersah Brych sowohl Xhakas elfmeterreifes Foulspiel an Boateng und entschied zu Unrecht auf Elfmeter für die Königsblauen: Stranzl spielte den Ball zwar eindeutig mit der Hand, war aber zuvor jedoch in regelwidriger Weise geschubst worden.

Mit der Gesamtnote 2,9 liegt Brych aktuell im Mittelfeld der Schiri-Tabelle und damit knapp hinter Wolfgang Stark, der den DFB bei der vorangegangenen Weltmeisterschaft repräsentiert hatte. Bislang wartete Stark mit passablen bis guten Leistungen auf und erlaubte sich dabei nur kleinere Fehlentscheidungen.

Etwas schwächer als in den letzten Spielzeiten präsentiert sich derweil Knut Kircher, der am Ende einer Saison bislang stets einen Platz unter den Top 3 für sich beanspruchen konnte. In der laufenden Saison erlaubte sich Kircher zwar nur eine klare Fehlentscheidung (verweigerter Strafstoß nach Foul Halfar an Robben im Spiel Köln - Bayern am 6. Spieltag), bewies hier und da aber eine gewisse Unsicherheit bei Zweikampfbewertung und Vorteilauslegung. Mit der Note 2,8 liegt er derzeit auf Platz 8.


Selbstkritik: Die Schiedsrichter der Bundesliga sehen sich diversen Vorbehalten ausgesetzt. Dabei wird ihnen insbesondere vorgeworfen, im Umgang mit eigenen Fehlern uneinsichtig und starrsinnig zu agieren. Tatsächlich schadet dem Ansehen der Schiedsrichter wohl nichts so sehr wie das nachträgliche Verteidigen offenkundiger Fehler.

Zur Wahrheit gehört allerdings auch, dass die Referees zur Zurückhaltung im Umgang mit Medien angehalten sind und bei internationalen Begegnungen keine Interviews geben dürfen. Auf Bundesliga-Ebene können sich die Schiedsrichter hingegen grundsätzlich im Anschluss an eine Partie den Medienvertretern gegenüber äußern. Dabei haben sie sich in der Vergangenheit auch häufiger selbstkritisch gezeigt.

So nahm Manuel Gräfe nach dem Spiel zwischen Frankfurt und Augsburg (3. Spieltag) zu seiner Spielleitung Stellung und entschuldigte sich dabei für eine Fehlentscheidung ausdrücklich: Nach Kohrs Ziehen gegen Kadlec hätte er zwingend auf Strafstoß entscheiden müssen, unterließ dies jedoch fälschlicherweise, auch weil die Kommunikation mit dem Vierten Offiziellen wegen des defekten Funksystems scheiterte.

Auch wenn es nicht zur Pflichtübung werden sollte, jeden Fehler vor laufenden Kameras mit Betroffenheitsmiene einzugestehen, war Gräfes Statement doch sehr wichtig. Für das Image der Referees ist es absolut zuträglich, bei Gelegenheit - selbstkritisch - Stellung zu beziehen und Einblick in die Entscheidungsprozesse zu geben.


Der abgeklärte Neue: Auch vor den Referees macht die Verletzungsmisere nicht Halt. Mit Michael Weiner, Tobias Welz und Dr. Jochen Drees kamen bislang gleich drei Unparteiische aus gesundheitlichen Gründen nicht zum Einsatz (sie sind denn auch in unsere Schiri-Tabelle nicht aufgeführt).

Kompensiert wurde ihr Ausfall durch den Rückgriff auf jüngere Kräfte. So kam auch der einzige Neuling bislang auf zwei Einsätze. Rheinländer Sascha Stegemann, in der Sommerpause zum Erstliga-Schiedsrichter befördert, leitete die Partien zwischen Mainz und Hannover (2. Spieltag) sowie Bayern und Paderborn (5. Spieltag) und machte dabei jeweils ordentliche Figur. Eine bessere Note als die jeweils zu Buche stehende 3,0 verhinderte in beiden Fällen eine klare Fehlentscheidung. So verweigerte Stegemann beim Mainzer Heimspiel den Gastgebern einen Elfmeter nach Foul von Marcelo an Okazaki und übersah vor Lewandowskis Treffer gegen die Ostwestfalen dessen Abseitsstellung.

Insgesamt aber überzeugt der 29-jährige Unparteiische, der erst Anfang 2012 zum Zweitliga-Referee berufen wurde, durch ein für sein Alter bemerkenswert abgeklärtes und besonnenes Auftreten. Zweifellos gehört er zu den großen Hoffnungsträgern der deutschen Schiedsrichtergilde.

Alle Zahlen und Daten zur aktuellen Bundesliga-Saison

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