Spektakel nur noch aus Versehen

Freitag, 26.09.2014 | 10:42 Uhr
Jannik Vestergaard traf gegen Freiburg in der Nachspielzeit
© getty
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1899 Hoffenheim gastiert zum Auftakt des 6. Spieltags bei Mainz 05 (20.30 Uhr im LIVE-TICKER) und kann mit einem Dreier sogar an die Tabellenspitze springen. Die Kraichgauer haben ihre große Schwäche in den Griff bekommen und eine realistische Chance auf Europa. Ihr Potenzial haben sie noch gar nicht ganz ausgeschöpft.

Die Erinnerungen an die abgelaufene Saison waren unvermeidbar. In Sinsheim läuft die 93. Minute, als sich Niklas Süle in eine letzte Flanke von Kevin Volland wirft. Freiburgs Roman Bürki ist da, kann aber nur nach vorne abwehren. Tobias Strobl schlittert heran. Abschluss - wieder gehalten! Dann steht Jannik Vestergaard richtig, schießt Marc-Oliver Kempf auf der Linie durch die Beine. Ausgleich, 3:3, der wahnsinnige Kick ist vorbei.

Die TSG sicherte sich unter der Woche in einem irren Spiel gegen den Sport-Club einen Punkt in letzter Sekunde. Doch im Gegensatz zur vergangenen Spielzeit war die wilde Partie eine absolute Ausnahme. 3:3 bei den Bayern, 4:4 gegen Bremen hießen die Ergebnisse vor nicht allzu langer Zeit. 6:2-Kantersiege wechselten sich mit 0:4-Klatschen ab und anders herum.

Doch bei 1899 hat man seine Lehren aus der Vergangenheit gezogen. Die Zeiten des kopflosen Hurra-Fußballs mit abschließender Torbilanz von 72:70 scheinen vorbei. Seriosität und Effizienz haben Einzug gehalten im Kraichgau. Und auch wenn die Saison noch jung ist: Das internationale Geschäft scheint für die Blauweißen drin zu sein.

Spektakel? Nein, danke

Als Tabellenvierter geht's für die Truppe von Markus Gisdol jetzt nach Mainz. Die haben gleich viele Punkte, das selbe Torverhältnis und sind neben Paderborn und den Kraichgauern selbst nach einem verheerenden Start mit das größte Überraschungsteam. Bleiben die Hoffenheimer auch in der Coface Arena im siebten Pflichtspiel der Saison ungeschlagen, darf man sich weiter in Tabellengefilden tummeln, die man schon länger nicht mehr okkupiert hatte.

Der Hauptgrund für den Höhenflug ist dabei sicher das neue System, die neue Spielidee, die Coach Gisdol seinem Team eingeimpft hat. Schon nach dem Derby-Sieg gegen Stuttgart sprach Sportdirektor Alexander Rosen von einer neuen "taktischen Flexibilität".

Die Mannschaft steht tiefer, das laufintensive Dauer-Pressing, das die eigene Abwehr entblößte, ist einem clevereren Spiel gewichen. Die Mannschaft wirkt stabiler, Gisdol selbst betont immer wieder, lieber souverän 2:0 gewinnen zu wollen, "als spektakulär 3:3 zu spielen".

Neuzugänge schlagen ein

Auch die Transfers, die Gisdol und Rosen in der Sommerpause tätigten, taten der anfälligen Mannschaft gut. Mit Oliver Baumann kam ein Spitzen-Keeper aus Freiburg, der vor den drei Gegentreffern gegen seine Ex-Kollegen in fünf Pflichtspielen nur zwei Mal hinter sich greifen musste.

Dank Ermin Bicakcic hat Gisdol eine zuverlässige Kraft für das Abwehrzentrum dazugewonnen und Pirmin Schwegler zeigte in den Testspielen vor und den Pflichteinsätzen nach seiner Adduktorenverletzung, dass er ein wichtiger Stabilisator im zentralen Mittelfeld sein kann.

In der Abteilung Attacke erlebt derweil Tarik Elyounoussi seinen persönlichen Durchbruch. War der Norweger letztes Jahr noch kein Faktor und drohte zum Flop zu werden, blüht der 26-Jährige mittlerweile auf. Fünfmal durfte er in der Liga ran und brachte die Kugel dreifach im gegnerischen Gehäuse unter, beim Kantersieg gegen Paloma im Pokal traf er ebenso und gab zwei Assists.

"Ich hatte im Sommer die nötige Erholung und bin fit. Ich spüre vor jedem Spiel, dass ich bereit bin", sagte Elyounoussi in der "Bild" über seine neue Stärke, verwies dabei aber auch auf seine Mitspieler. "Das ist ein Kämpfer-Team! Wir glauben an uns. Wenn wir gegen Mainz so wie in der zweiten Halbzeit gegen Freiburg spielen, gewinnen wir."

Zwei große Namen müssen liefern

"Uns zeichnet vor allem aus, dass wir eine charakterstarke Mannschaft haben", schlug Volland vor dem Duell um die - zumindest vorübergehende - Tabellenführung in die gleiche Kerbe. Dabei ist der ehemalige Löwe eins von zwei kleineren Sorgenkindern, die der Saison noch nicht ihren Stempel aufdrücken konnten.

Zwei Vorlagen hat der hoch veranlagte Rechtsaußen, der in allen Pflichtspielen auf dem Platz stand, bislang gesammelt. Gegen Freiburg unterlief ihm allerdings auch ein schlampiger Pass, der den ersten Treffer für die Breisgauer einleitete. "Den muss ich auf meine Kappe nehmen", gestand der 22-Jährige später.

Auch Neuzugang Adam Szalai, der vor seinem Engagement bei Schalke in 79 Spielen für Mainz 21 Tore bejubeln durfte, ist noch nicht voll angekommen im Kraichgau. Nach seinem Premierentreffer am ersten Spieltag gegen Augsburg wartet der Ungar auf einen Scorerpunkt, obwohl er vier Mal von Beginn an auf dem Platz stand. Mit Anthony Modeste hat er zudem einen hochklassigen Konkurrenten im Rücken, der zuletzt mit zwei Treffern Werbung in eigener Sache machte.

Gisdol hat also Alternativen parat und darf sich erst recht freuen, wenn auch die Stars wie Volland und Szalai richtig in Tritt kommen. Dann muss sich die TSG im Kampf um die Europa League nicht verstecken. Jetzt wartet aber zunächst Mainz (Fr., 20.30 Uhr im LIVE-TICKER), vor denen Gisdol ausdrücklich warnt: "Die haben einen Lauf und sind richtig gut drauf - die haben sich toll verstärkt!" Auf ein wildes 3:3 kann Gisdol aber wohl verzichten.

1899 Hoffenheim in der Übersicht

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