Probleme des Frühjahrs

Von Stefan Rommel und Jochen Tittmar
Mittwoch, 24.09.2014 | 14:00 Uhr
Jürgen Klopp hat beim BVB mal wieder mit Verletzungsproblemen zu kämpfen
© getty
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Unter anderem sieben verletzte oder angeschlagene Mittelfeldspieler hat Borussia Dortmund vor dem Duell gegen den VfB Stuttgart zu beklagen. Trainer Jürgen Klopp muss in der noch jungen Saison einen Ausfall nach dem anderen verkraften. Der Trainer ärgert sich deshalb über den Reformstau - weil die Entwicklung seiner Mannschaft bis auf weiteres in der Warteschleife steckt.

Als sich die deutsche Nationalmannschaft vor etwas mehr als zwei Jahren traf, um die Mission "EM-Titel" in Angriff zu nehmen, da fand Bundestrainer Joachim Löw zum Beginn des Trainingslagers eine ziemlich zerrupfte Formation vor.

Bayern und Dortmunder Spieler fehlten zu Beginn der Vorbereitung, dazu die Real-Legionäre Sami Khedira und Mesut Özil. Miroslav Klose wurde mit einem enormen Trainingsrückstand angeliefert, Per Mertesacker plagten kleinere Wehwehchen. Löw hatte in den ersten Tagen lediglich 17 Spieler zur Verfügung, darunter vier Torhüter. Richtig intensiv trainieren konnten gerade mal elf Feldspieler.

Als Nationaltrainer hat man immer damit zu kämpfen, dass Spieler mit einem unterschiedlichen körperlichen und spielfitten Zustand zur Mannschaft stoßen. Die Kunst der Trainer- und Betreuerteams, der Physiotherapeuten und Athletiktrainer ist es dann, binnen weniger Tage alle Spieler auf ungefähr eine Ebene zu bringen.

Jürgen Klopp ist erwiesenermaßen nicht Trainer der deutschen oder sonst einer Nationalmannschaft. Aber als Trainer von Borussia Dortmund hat Klopp wie einige seiner Kollegen in dieser Saison mit unschönen Begleitumständen zu kämpfen, die in der Art extrem sind und die Arbeit, die für diesen Zeitpunkt der Saison eigentlich auf der Agenda stehen müsste, nachhaltig torpediert.

Verletzte en masse

Der Borussia fehlen für die Partie gegen den VfB Stuttgart (20 Uhr im LIVE-Ticker) die Verletzten Ilkay Gündogan, Henrikh Mkhitaryan, Jakub Blaszczykowski, Marco Reus, Nuri Sahin, Oliver Kirch und Dong-Won Ji.

Mats Hummels soll erstmals in dieser Saison im Kader stehen, nachdem der Nationalspieler bisher stets passen musste. Lukasz Piszczek, Neven Subotic, Marcel Schmelzer und Sven Bender sind für die Startelf fest eingeplant - obwohl sie nach teilweise langen Verletzungen erst zurückgekommen sind und noch lange nicht bei hundert Prozent ihrer eigentlichen Leistungsfähigkeit stehen.

Ähnlich sieht es bei Kevin Großkreutz aus, der nach der WM nur wenige Tage regulär trainieren konnte. Shinji Kagawa soll im besten Fall nach 24 Monaten auf der Ersatzbank von Manchester United von 0 auf 100 funktionieren.

Fußball als Tagesgeschäft

Der Fußball wird gerne als Tagesgeschäft bezeichnet. Beim BVB - aber auch bei den Bayern oder auf Schalke - ist das gerne genommene Beiwerk längst Realität.

"Ich habe mir in der momentanen Phase angewöhnt, so lange nicht über eine Aufstellung nachzudenken. So lange bis ich weiß, wer eigentlich spielen kann. Wir müssen derzeit alles nehmen, was wir kriegen an fitten Spielern", sagte Jürgen Klopp auf der Pressekonferenz vor der Partie der Borussia gegen Mainz 05.

Das war vergangene Woche. Der BVB hat die Partie verloren, weil Nuancen in bestimmten Situationen nicht gepasst haben. Der BVB der ersten Wochen dieser Saison ist sehr weit von dem entfernt, was sich Klopp und sein Trainerteam vorstellen.

Probleme mit der Belastung der Spieler

Ausreißer nach oben gibt es immer wieder. Die Partie gegen den FC Arsenal in der Champions League war ein Highlight, in jeglicher Hinsicht. "In der Betrachtung des Arsenal-Spiels musste ich das erste Mal seit langer Zeit keine Kompromisse machen. Da war das als Gesamtwerk für den Moment einfach überragend gut. Das ist der Maßstab für alle, das wollen wir haben", sagt Klopp. Er weiß aber auch: Das wird nicht möglich sein.

Die gebeutelten Klubs der Liga dürften sich am 5. Spieltag fühlen wie eigentlich im Frühjahr einer Spielrunde: Wenn schon 30, 35 Spiele absolviert sind, wenn sich die Spieler in immer kürzeren Abständen verletzt melden, wenn es zwickt und zwackt, wenn neben der körperlichen auch die geistige Frische öfter nicht da ist.

Drei deutsche Top-Klubs zum Beginn einer Saison so straucheln zu sehen, ist zumindest außergewöhnlich. Eine gezielte Trainingssteuerung ist kaum möglich. Es wird viel improvisiert, umgestellt, Pläne verändert. "Wir haben außergewöhnliche Probleme damit, die Belastung zu verteilen", sagt Klopp.

"Bisher mussten wir das noch nicht, wir haben ja noch keine 20 Spiele absolviert. Aber diese Spiele kommen noch. Das ist das einzige, worüber wir uns ein bisschen Sorgen machen. Für uns ist das das größte Problem im Moment. Wir werden deshalb tatsächlich bald an der Grenze sein oder darüber hinaus."

Gesund bedeutet nicht spielfit

Dafür sind bisher erzielte sechs Punkte aus vier Spielen eine ordentliche Bilanz. Trotzdem bleibt jede einzelne Partie für den BVB eine neue, große Herausforderung. Trainiert wird gewissermaßen im Spiel. Darüber holen sich die Dortmunder Profis im Drei-Tage-Rhythmus die nötige Fitness und auch die Wettkampfhärte. Denn natürlich ist ein gesunder Spieler nicht gleichzusetzen mit einem spielfitten Spieler.

"Wenn man glaubt, dass ein Spieler nach 14 Monaten Verletzungspause dann nach gut zwei Wochen Training wieder in den Kader zurückkehren kann, muss der Kader wirkliche Probleme haben", sagt Klopp im Hinblick auf Ilkay Gündogan.

Der Mittelfeldspieler - einer von derzeit sieben Verletzten aus diesem Mannschaftsteil - hat seit nunmehr 13 Monaten kein Spiel auf Wettkampfniveau mehr bestritten.

"Ikay sieht super aus, richtig gut, er trainiert gut. Aber wir müssen dafür sorgen, dass er Substanz kriegt und von etwas zehren kann im Spiel. Das wird noch eine Weile dauern. Aber er ist auf einem guten Weg und das macht meine Laune auch gut."

Grundlagen und Substanz

Ähnlich ist der Fall bei Mats Hummels gelagert. Der hat sein letztes Spiel im WM-Finale von Rio de Janeiro bestritten. Das ist jetzt zehn Wochen her. "Auch Mats benötigt Zeit. Er ist ein großer, schwerer Junge. Den können wir nach drei Einheiten nicht einfach losschicken uns sagen: 'Kuck' doch mal, was geht...'"

Selbst Dauerläufer Kevin Großkreutz, der sich zuletzt nach der Partie in Mainz einen Rüffel von Klopp einhandelte, bildet keine Ausnahme. "Auch wenn er immer spielen will, braucht auch er Grundlagen und Substanz, um seine intensive Spielweise auch über einen längeren Zeitraum abrufen zu können. Er hat auch nur zwei Wochen trainiert. Aber wir konnten ihm die Zeit gar nicht geben, sich im Training zu verbessern und auf sein altes Niveau zu kommen", erklärt Klopp.

Die widrigen Begleitumstände der noch jungen Saison zwingen den BVB, sich personell stets umzuorientieren. Und auch die generelle Spielausrichtung entspricht noch längst nicht dem, was sich Klopp vorstellt.

Die Trainingseinheiten sind Auffangbecken für Rekonvaleszenten, dauerhaftes Individualtraining mit den Athletiktrainern steht auf der Tagesordnung. Das Einstudieren gruppen- und mannschaftstaktischer Elemente ist nur bedingt möglich.

Weiterentwicklung des Teams ist unmöglich

Darunter leidet einer wie Klopp, der seit nun sechs Jahren seine stets veränderten Mannschaften neu ausrichtet. In dieser Saison ist das bisher aber kaum machbar. "Über die Weiterentwicklung unseres Spiels müssen wir derzeit gar nicht reden", sagt er deshalb. "Der Alltag besteht darin, wettbewerbsfähig zu sein."

Der BVB habe keine Probleme mit seiner Art, Fußball zu spielen, betont Klopp zwar. Aber er sagt auch: "Wir machen das, was im Moment möglich ist." Und das ist recht überschaubar. Kurioserweise erhofft sich der BVB im Laufe der Saison diesbezüglich eine klare Verbesserung - wo doch eigentlich mit den Pflichtspielen erst die Verletzungen und Ausfälle vermehrt dazukommen.

"Es muss sich keiner Sorgen machen, dass wir die Entwicklung unseres Spiels aus den Augen verlieren. Aber wir kümmern uns dann darum, wenn wir es können. Der Zeitpunkt ist im Moment nicht da", sagt Klopp.

Deshalb versteift er sich auf seinen ureigenen Grundsatz, die Basis des Dortmunder Spiels. "Wir können dem Gegner das Leben so schwer wie möglich machen. Wir wollen der unangenehmste Gegner sein, der wir sein können." Mehr geht im Moment nicht. Selbst mit einem überragend besetzten Kader wie dem des BVB nicht.

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