Fussball

Back to the Roots

Von Adrian Bohrdt
Wenn's dir nicht gefällt, mach neu: Andre Hahn und Thorgan Hazard verstärken die Borussia
© getty

Borussia Mönchengladbach hat die Chance, sich in der Top-6 der Bundesliga festzusetzen. Trainer Lucien Favre baut dafür auf eine überlegene Physis, die Neuverpflichtungen versprechen Hochgeschwindigkeitsfußball. Das Flügelspiel soll wiederbelebt werden, lediglich im Sturmzentrum gibt es noch Fragezeichen - und gelegentlich eine ungewollte Lücke.

Ein Blick auf den Mini-Umbruch in Gladbachs Offensive reicht, um zumindest Teile der Pläne von Trainer Lucien Favre für die kommende Saison erkennen zu können. Die Borussia will zurück zu dem zielstrebigen, kombinationsstarken Tempo-Fußball, der sie vor einigen Jahren mit dem Duo Marco Reus und Patrick Herrmann ausgezeichnet hatte.

Dafür gab Gladbach mit Luuk de Jong, Peniel Mlapa und Juan Arango drei Spieler ab, die ihre Qualitäten sicher nicht in der Spielgeschwindigkeit haben. Im Gegenzug kamen die pfeilschnellen Andre Hahn und Ibrahima Traore, sowie auf Leihbasis Thorgan Hazard für die Kreativität aus dem Zentrum heraus.

Gemeinsam mit Raffael und Max Kruse soll somit neben dem Ballbesitzfußball auch das Umschaltspiel wieder besser funktionieren und das Spiel der Borussia schwerer ausrechenbar sein. "Wir können viel rotieren, jeder kann fast jede Position vorn spielen", kündigte Raffael an.

"Wir haben 1.000 Möglichkeiten. Es ist wichtig, geduldig zu sein, auf die Lücke zu warten und Ballbesitz zu haben. Aber wir brauchen auch das Gegenpressing und auch Konter sind eine Waffe", fügte Favre hinzu: "Wir brauchen diese Balleroberungen und das schnelle Spiel nach vorne."

Wiederbelebung des Flügelspiels

Entsprechend gestaltet der Gladbacher Coach bislang auch die Vorbereitung. In den Testspielen war bislang klar zu erkennen, dass der Schweizer wieder mehr Wert auf ein schnelles Flügelspiel legt, darüber hinaus wurde in der Offensive munter rochiert. Ein 4-2-3-1-System deutet sich an, welches Offensiv aber durchaus einem 4-2-4-System ähneln könnte. Dazu passt auch die Verpflichtung des schnellen Außenverteidigers Fabian Johnson.

"Das ist mein Spiel", freute sich Herrmann gegenüber der "Rheinischen Post" bereits über die neue Betonung auf das Flügelspiel und Sportdirektor Max Eberl führte weiter aus: "Flanken heißt ja nicht nur Luftbälle auf den Kopf. Flanken heißt auch, den Ball flach zurückzuspielen an die Strafraumgrenze, an den Elfmeterpunkt, den Mann in der Mitte zu erkennen."

Auffällig bislang allerdings: In den bisherigen Tests hatte Gladbach aufgrund der eigenen Rochaden häufig noch Probleme, das Sturmzentrum nach Ballgewinn schnell genug zu besetzen. "Wir haben die Tiefe im Zentrum nicht gefunden", kritisierte Favre etwa nach dem jüngsten 1:1 gegen Stoke City.

"Es wird sehr, sehr intensiv"

Neben der taktischen Neuausrichtung schafft Favre allerdings auch die Voraussetzungen für das physisch anstrengende Pressing-und-Umschalt-Spiel. "Es wird sehr, sehr intensiv", kündigte er bereits vor Beginn des kurzen Trainingslagers in Rottach-Egern an - und der Schweizer hielt Wort.

Die Einheiten bei der Borussia dauern teilweise bis zu zweieinhalb Stunden, auch bei knapp 30 Grad wurden Steigerungsläufe und andere Konditionsübungen knallhart durchgezogen. Das Resultat: Magere Testspielleistungen (1:1 gegen Stoke, 1:0 gegen Rennes, 3:2 gegen 1860 München, 2:1 gegen Wiesbaden, 0:1 gegen Velbert), aber auch die Grundlage für eine anstrengende Saison mit Dreifachbelastung.

"Die Trainingsarbeit war sehr intensiv und sehr hart", stellte auch Eberl klar. Darüber hinaus hat Gladbach alles dafür getan, dass jede Position, abgesehen vom Tor, doppelt besetzt ist, wenngleich Kruse-Ersatz Branimir Hrgota verletzt rund drei Wochen lang ausfällt.

Ein Stürmer könnte aber ohnehin noch kommen, wie Eberl jüngst bestätigte: "Was wir suchen, ist ein Spieler, der Qualitäten hat, die wir so noch nicht haben. Er muss auf jeden Fall schnell sein und sehr komplett. Wir schauen, was möglich ist, und versuchen das umzusetzen. Aber nicht um jeden Preis."

Neues Selbstvertrauen und Selbstverständnis

Bemerkenswert ist rund um den ganzen Klub aber auch das neue Selbstverständnis nach zuletzt Platz sechs und Platz acht. "Ich glaube, dass wir in Mönchengladbach mittlerweile einiges vorzuzeigen haben", erklärte Eberl bei "bundesliga.de": "Ich glaube, dass wir aktuell eine Nische bedienen für Spieler, die bei Top-Clubs noch keinen Stammplatz belegen können, dies aber als Ziel haben, und bei uns die entsprechenden Schritte tun können."

Auch Kruse ließ das neue Selbstvertrauen, angesprochen auf seine Saisonziele, durchblicken: "In der Liga wieder um die europäischen Plätze mitspielen, im Pokal möglichst weit kommen und in der Europa League lange dabei sein."

Kreativmangel im Zentrum?

Doch ein Fragezeichen neben der möglichen Neuverpflichtung für die Sturmspitze gibt es auf dem Platz noch. Gladbachs Konterspiel steht und fällt mit einer funktionierenden Doppelsechs, wo die Borussia ein gewisses Risiko eingeht. Granit Xhaka kann das Spiel aus dem Zentrum zwar antreiben, ließ bislang aber, auch bei der WM in Brasilien, die Konstanz vermissen.

Zumindest bekannte sich der Schweizer aber, trotz anhaltender Wechselgerüchte aus Italien, schnell klar zu Gladbach: "Ein Wechsel war nie ein Thema für mich. Ich bin glücklich bei der Borussia und bin bereit für die Saison."

Sein Nebenmann wird Christoph Kramer sein, der im WM-Finale mit seinem Kurzauftritt erst für Positivschlagzeilen gesorgt, anschließend wegen seiner Gehirnerschütterung aber Besorgnis erregt hatte.

Gemeinsam mit Xhaka bildet der 23-Jährige zwar ein gutes Abfang-Duo, die spielerische Komponente könnte in Gladbachs defensivem Mittelfeldzentrum, ganz im Gegensatz zur Offensive, aber zu kurz kommen. Gegen den Ballbesitzfußball des FC Bayern kann die Borussia ihr Konterspiel beim Telekom Cup schon mal direkt auf die Probe stellen.

Borussia Mönchengladbach im Überblick

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