Hamburgs neues Herz

Von Daniel Reimann
Mittwoch, 19.03.2014 | 12:33 Uhr
Hamburgs Spielmacher: Hakan Calhanoglu (l.) und Rafael van der Vaart
© getty
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Während Rafael van der Vaart im Formtief steckt und reichlich Kritik erntet, entpuppt sich Hakan Calhanoglu immer mehr als das neue Herz des Hamburger Spiels. Der 20-Jährige ist derzeit Hamburgs wichtigster Faktor im Abstiegskampf - und das nicht nur auf fußballerischer Ebene.

Als der Ball aus gut drei Metern Höhe plötzlich zu sinken begann und hinter Raphael Schäfer ins Netz fiel, wurde man als Zuschauer doch kurz skeptisch. Den muss einer abgefälscht haben. Und tatsächlich: Mike Frantz war noch mit der Fußspitze dran und hatte dem Ball so einen gemeingefährlichen Drall verpasst. Eine solch unnatürliche Flugkurve hätte man nicht einmal Hakan Calhanoglu zugetraut.

Dem Calhanoglu, der drei Wochen zuvor noch Roman Weidenfeller mit einem spektakulären Flatterball aus 41 Metern alt aussehen ließ. Gegen Nürnberg jedoch wurde sein Distanzschuss dankbar abgefälscht und war wohl nur deshalb unhaltbar für Keeper Schäfer. "Ich hatte wirklich Glück", gestand der 20-Jährige nach dem Spiel bei "Sky", fügte jedoch an: "Ich dachte heute: Einer muss reingehen!"

Es schien tatsächlich so, als hätte Calhanoglu diesen Treffer erzwungen. Zehnmal hatte er gegen Nürnberg aufs Tor geschossen, das hatte noch kein Bundesliga-Spieler in der laufenden Spielzeit geschafft. Seine Hartnäckigkeit wurde mit dem achten Saisontor belohnt.

Lernen vom Großmeister

Dass er aus der zweiten Reihe brandgefährlich sein kann, liegt vor allem an seiner außergewöhnlichen Schusstechnik. Schon zu Karlsruher Zeiten schob Calhanoglu regelmäßig Überstunden, um seinen Abschluss zu perfektionieren.

Dabei ist das Geheimrezept des Deutsch-Türken scheinbar einfach. Youtube-Tutorials von einem der Großmeister in Sachen Distanzschüsse - Juninho. Der hatte einst für Lyon Olympique 44 seiner 100 Tore per Freistoß erzielt und Calhanoglu damit offensichtlich inspiriert.

"Von Juninho schaue ich mir Videos auf Youtube an. Dabei studiere ich seine Schritt- und Schussstellung. Ich schaue mir die Videos immer wieder genau an, drücke ständig auf Pause und versuche es dann exakt zu kopieren", erzählt der Youngster.

"Torhüter können einem leidtun"

Heute ist er einer der am meisten gefürchteten Distanzschützen der Liga. "Die Torhüter können einem da schon leidtun, jeder Ball kommt ja gefährlich", lobte ihn Teamkollege Ivo Illicevic nach dem Nürnberg-Spiel und fügte hinzu, er habe noch nie einen Mitspieler mit solch einer beeindruckenden Schusstechnik gehabt.

"Sein Schuss ist eine echte Waffe", bekundete auch Schlussmann Rene Adler. "Wir müssen dafür sorgen, dass er diese Waffe so oft wie möglich einsetzen kann."

Gegen Nürnberg taten die Hamburger genau das. Calhanoglu wurde pausenlos gesucht, hatte mit 78 Ballkontakten die meisten auf dem Platz und führte selbstverständlich die Torschussstatistik an. Sein Nebenmann in der Zentrale, Rafael van der Vaart, fiel hingegen ab.

Calhanoglu stellt van der Vaart in den Schatten

Der Niederländer nahm nur selten am Spiel teil, hatte mit Ausnahme von Flanken bei ruhenden Bällen kaum gefährliche Aktionen und stand nur im Schatten von Calhanoglu. Die Statistik unterstreicht das eindrucksvoll: Calhanoglu hatte mehr als doppelt so viele Ballkontakte wie van der Vaart (78 zu 36), spielte knapp dreimal so viele Pässe (41 zu 14) und schoss doppelt so oft aufs Tor (10 zu 5).

Hakan Calhanoglus Torschüsse gegen den 1. FC Nürnberg:

Das Nürnberg-Spiel unterstrich eindrucksvoll die Entwicklung der letzten Wochen: Van der Vaart ist derzeit nur ein Schatten seiner selbst und weit von der Bestform entfernt.

Der schwere private Rückschlag, eine Fehlgeburt im vergangenen Dezember, sowie gesundheitliche Probleme in den letzten Wochen tragen gewiss ihren Teil dazu bei. Dennoch fiel die Kritik an van der Vaart zuletzt extrem scharf aus.

Spielwitz und Führungsqualitäten

"Was van der Vaart abliefert, hat mit Fußball und Mannschaftssport nichts zu tun. Das ist ein Alibifußballer", schimpfte HSV-Legende Uli Stein bei "Sky 90". Van der Vaart sei eine "Zumutung für die Mannschaft", ergänzte Lothar Matthäus. Der Niederländer kann derzeit die Rolle eines Kapitäns im Abstiegskampf nicht annähernd ausfüllen.

Stattdessen spielt sich Calhanoglu mit Vehemenz in eine immer wichtigere Rolle beim HSV. Während van der Vaart einen oftmals uninspirierten Eindruck macht, sprüht Calhanoglu vor Engagement, Begeisterung und Spielwitz.

Doch nicht nur das. Dem Niederländer werden zudem mangelnde Führungsqualitäten angekreidet. Calhanoglu hingegen übernahm zuletzt zunehmend Verantwortung im Spiel des HSV. Gegen den FCN forderte er unaufhörlich Bälle, beteiligte sich an nahezu jedem Angriff und trieb das Spiel seiner Mannschaft an.

Hamburgs wichtigster Faktor im Abstiegskampf

Calhanoglu ging mit seinen 20 Jahren im Abstiegskampf als Vorbild voran, während van der Vaart im Nürnberg-Spiel über weite Strecken abgetaucht war. Calhanoglu, der erst im Sommer zum HSV wechselte, ist derzeit wohl Hamburgs wichtigster Faktor.

Auch Sportdirektor Oliver Kreuzer attestierte dem Youngster eine besonders rasche Entwicklung. "Als Hakan im Sommer zu uns kam, wusste er noch nicht, was es heißt, erste Liga zu spielen. Er hat sehr schnell gelernt. Es geht bei ihm in einem rasanten Tempo voran."

Calhanoglu selbst gibt sich ob des jüngsten Leistungsanstiegs bescheiden. "Ich habe mir in der Winterpause vorgenommen, mehr Tore zu schießen", verrät der 20-Jährige. "Bislang klappt das ja ganz gut."

Hakan Calhanoglu im Steckbrief

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