Wer kann Uli Hoeneß ersetzen?

Zwischen Kommerz und Folklore

Von Stefan Rommel
Sonntag, 16.03.2014 | 22:47 Uhr
Der gute Draht zum kleinen Fan: Auch das hat Uli Hoeneß ausgezeichnet
© getty
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Der FC Bayern ist auch ohne Uli Hoeneß auf allen Entscheidungsebenen formal perfekt aufgestellt. Aber wer füllt die kleinen Nischen aus, wer hält den Laden in Zukunft zusammen? Und wer wird zur neuen Anlaufstelle für den kleinen Fan? Schwierige Fragen für einen Klub zwischen den Extremen.

Es gibt so viele Geschichten und Anekdoten mit und um Uli Hoeneß, man bräuchte mehrere Tage, um sie alle zu erzählen. Eine etwas ältere geht so: Ende der 90er Jahre hatten die Bayern sich für ein dunkelblaues Heimtrikot entschieden, das Ausweichshirt war in Weiß gehalten. Die Farbe Rot fand nur als Applikation Verwendung.

Das 187. Derby gegen den TSV 1860 stand an und Teile der Bayern-Fans wollten sich partout nicht mit dem Gedanken anfreunden, den Blauen nicht im standesgemäßen Rot entgegenzutreten.

Also ließ sich Hoeneß auf einen Deal ein: Für die beiden Duelle gegen Sechzig ließ er rote Trikotsätze anfertigen. Im Gegenzug erklärte sich die Südkurve bereit, auf das Abbrennen von Pyrotechnik zu verzichten.

Es war die Zeit, als die Bundesliga das Merchandising als Einnahmequelle entdeckte, ein Verkauf als Sonderedition wäre nur konsequent gewesen. Hoeneß verzichtete auf den sicherlich stattlichen Gewinn und beließ es bei der Auflage von ein paar hundert Exemplaren - für jene Fans, die ihn erst auf die Idee gebracht hatten.

Ein Vakuum im Klub

Eine aktuelle Geschichte hätte sich vor wenigen Tagen abspielen können, als Dortmunds Trainer Jürgen Klopp einen Angestellten des FC Bayern aus der Ferne hart attackiert hatte. Klopps zweifelnde Worte über den Beitrag Matthias Sammers am Erfolg der Bayern sind bis heute unwidersprochen. Ein Hoeneß ohne Steuerverfahren und möglicher Verurteilung am Hals hätte sich das nicht bieten lassen. Die scharfe Replik der Glucke fehlt.

"Wer Bayern München angreifen will, muss erst an mir vorbei." Uli Hoeneß hat das so nie formuliert und doch jeden deutlich spüren lassen. Seit Freitag ist er bis auf weiteres nicht mehr da. Im November haben die Bayern ein internes Gutachten in Auftrag gegeben.

Der Gesellschaftsrechtler Gerd Krieger und der Strafverteidiger Sven Thomas kamen da schon zu der Erkenntnis, dass Hoeneß im Falle einer Verurteilung zur Gefängnisstrafe seinen Posten als Aufsichtsratschef wird räumen müssen.

Unvorbereitet traf die Bayern das Urteil des Landgerichts München vom vergangenen Donnerstag also nicht. Ebenso wenig wie der darauffolgende Rücktritt Hoeneß' von seinen Ämtern. Trotzdem entsteht innerhalb des Klubs ein Vakuum.

Wer hält den Laden zusammen?

Die Bayern sind auf den entscheidenden Positionen im Verein bestens aufgestellt, dafür hat die Verjüngungskur der letzten Jahre schon gesorgt. Die wichtigen Posten sind längst vergeben.

Vorstandsvorsitzender Karl-Heinz Rummenigge ist mit 58 Jahren jetzt schon der alte Hase. Ihm zur Seite stehen Jan-Christian Dreesen (46, Finanzen und Controlling), Matthias Sammer (46, Sport), Andreas Jung (52, Marketing, Sponsoring und Events) und Jörg Wacker (47, Internationalisierung und Vermarktung) im Vorstand der FC Bayern München AG. "Und auch in unserem mittleren Management sind wir hervorragend aufgestellt", sagte Hoeneß selbst.

Die großen Posten, die das Fundament bilden im operativen Geschäft, sind klug und nachhaltig besetzt. Jeder für sich ist ein Spezialist auf seinem Gebiet. Aber wer soll ab sofort die Zwischenräume füllen? Wer hält den Laden zusammen?

Ganz nah dran am Fan

Der FC Bayern ist ein weltweit operierender Konzern, der Global Player konnte für das Geschäftsjahr 2013 einen Umsatz von 432,8 Millionen Euro ausweisen. Aber er ist eben auch ein Fußballklub. Und Fußball bedeutet Folklore. Und dafür steht Uli Hoeneß wie kein anderer.

Den Sponsoren und Anteilseignern sind in erster Linie betriebswirtschaftliche Kennzahlen wichtig. Im Gerichtssaal blieb in der vergangenen Woche das Bild des Zockers hängen. Bei den Bayern und seinen Fans bleibt das Bild des Übervaters.

Hoeneß war dreieinhalb Jahrzehnte lang der Visionär und die Autorität, die Identifikations- und Machtfigur, und ein wenig auch der Honoratior. Das Herz des FC Bayern München. Das wiederum ist dem gemeinen Fan wichtig. Wer kümmert sich um unsere Belange und vertritt unsere Rechte? Wer nimmt sich ab sofort in der Präsidentenstunde Zeit zur Diskussion?

Hoeneß hat bis zuletzt die Briefe seiner und der Bayern-Fans gelesen und nicht wenige auch persönlich beantwortet. Eine Visitenkarte hat er sich nie anfertigen lassen, bis vor ein paar Jahren konnte er auch auf einen Computer in seinem Arbeitszimmer an der Säbener Straße verzichten.

Rummenigge: "Es wird nicht einfach"

Dafür kümmerte er sich lieber um die Probleme der Fans, auch denen der Problem-Fans. Als Scharnier zwischen der Aktiengesellschaft und dem eingetragenen Verein. Hoeneß hat ein untrügliches Gespür für Strömungen entwickelt und dafür, wie man mit den Fans eines der größten Klubs der Welt umgehen muss.

Raimund Aumann wird dafür bezahlt, als Fanbeauftragter zwischen Anhängerschaft und Klub zu fungieren und notfalls zu vermitteln. Wenn es aber eng wurde im Binnenverhältnis - und das war in den letzten Jahren einige Male der Fall - dann saß der Manager und spätere Präsident persönlich mit am Tisch. Dann hatte Hoeneß das letzte Wort.

In der Riege der Großkopferten war Hoeneß derjenige, der Verständnis aufbrachte für die Belange der Fans. Und er war derjenige mit Stallgeruch. Der gebürtige Ulmer ist längst ein echter Bayer, mit allen Stärken und Schwächen, die man den Bajuwaren nachsagt. Der Westfale Rummenigge ist ähnlich lange im Verein, wird Hoeneß mit seiner spröden Art aber nicht ersetzen können und hat keinen Draht zu den Fans.

"Uli Hoeneß hat den FC Bayern über Jahrzehnte gestaltet. Ich bin kein Freund von der These: 'Der König ist tot, es lebe der König.' Sondern ich halte es eher mit der Philosophie von Franz Beckenbauer: 'Gute Freunde kann niemand trennen'", sagt Rummenige und formuliert dann die Erkenntnis: "Eines ist klar: Es wird nicht einfach sein, einen Mann wie Uli Hoeneß an der Spitze ohne weiteres zu ersetzen."

Rückkehr nach der Haft?

Bis zur außerordentlichen Mitgliederversammlung am 2. Mai werden Herbert Hainer als Aufsichtsratsvorsitzender und Karl Hopfner als Präsident die Geschicke kommissarisch lenken. Der Adidas-Chef und der ehemalige Finanzchef taugen auch nicht als die Figuren, die die menschliche und volksnahe Komponente des FC Bayern aufrecht erhalten.

Hainer wird sich wohl nur um das operative Geschäft kümmern (können). Hopfner war immer der perfekte zweite Mann, einer der im Hintergrund seine Arbeit verrichtet. In Hoeneß' Schatten hat Hopfner dem Verein die finanziellen Parameter gesteckt. Hoeneß hatte Mitte der 80er Jahre mittels einer Zeitungsanzeige nach einem Experten gefahndet und unter Hunderten Bewerbungen Hopfner auserkoren.

Hainer und Hopfner sind gewiss überzeugende Fachleute auf ihrem Gebiet. Neben ihren formalen Fähigkeiten fehlt ihnen aber die nötige Empathie für den kleinen Fan. Denn, und das ist auch klar: Der leidenschaftlichste aller Bayern-Fans ist und bleibt Uli Hoeneß selbst.

Rückkehr des Patrons?

Für die Versammlung kurz vor den Finals dieser Saison kursieren einige Namen als Nachfolger des Unverzichtbaren. Paul Breitner oder Edmund Stoiber, die beide bereits eingebunden sind in den Klub. Im Hinterhalt macht sich Oliver Kahn bereit.

Einige Beobachter sind sich sicher, dass zumindest Hopfner als Präsident bestätigt wird und den Platzhalter geben soll für die Zeit von Hoeneß' Haftstrafe.

Danach, so wird spekuliert, ist eine Rückkehr des Patrons nicht ausgeschlossen. "Die Tür ist jederzeit offen", sagt Verwaltungsratschef Stoiber. "In welcher Funktion und Position auch immer."

Das ist der FC Bayern München

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