Leverkusens ewige Linksverteidiger-Suche

Endstation Andres

Freitag, 07.02.2014 | 14:36 Uhr
Andres Guardado sah beim 2:1 Bayers gegen Stuttgart noch zu
© getty
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Andres Guardado soll eine der wenigen Problemzonen von Bayer Leverkusen beheben. Denn die Suche nach einem starken Linksverteidiger ist in Leverkusen eine schier unendliche Geschichte.

Das Leid begann im Sommer 2005. Diego Placente hatte sich entschieden, nach knapp vier Jahren in Deutschland etwas Neues zu probieren. Fast 200 Spiele absolvierte der Argentinier für Bayer: sehr oft auf hohem Niveau. Placente stand im Champions-League-Finale und avancierte zu einem der besten Linksverteidiger Europas.

Sechs Millionen Euro ließ sich Bayer Placente, der seinerzeit im Dreierpack mit Lucio und Dimitar Berbatow verpflichtet wurde, damals kosten: Er war vielleicht Bayers erster Vollzeit-Linksverteidiger in der nahen Geschichte.

Wurde beim Werksklub zuvor mal ein Linksverteidiger gebraucht, wurden kurzerhand Positionsfremde auf die Planstelle hinten links geschoben. Markus Happe, Boris Zivkovic, Robert Kovac - jeder durfte mal. Markus Münch, Held des Klassenerhalts 1996, spielte bei seinen späteren Stationen stets Linksverteidiger. In Leverkusen gehörte er noch zur guten, alten Dreierkette.

Und dann kam Athirson

Als Placente 2005 zu Celta Vigo wechselte, machte Bayer von seinen guten Drähten nach Südamerikaner Gebrauch, um einen Mann unter Vertrag zu nehmen, der auf den Namen Athirson hörte. Aber: Der oft überfordert wirkende Brasilianer spielte eher schlecht als recht und ging nach zwei Spielzeiten mit 30 Einsätzen wieder zurück in die Heimat.

Was folgte, war eine Odyssee an unzähligen Versuchsprojekten: Vratislav Gresko, Hans Sarpei, Fredrik Stenman, Constant Djakpa halfen je nach Erfolg länger oder kürzer aus. Marko Babic entwickelte sich immerhin zum Dauerbrenner und wurde in Leverkusen Nationalspieler Kroatiens, wenn auch seine Zukunft und Vorlieben in der offensiveren Rolle lagen.

Selbst eine der ersten Bundesliga-Einsätze des Gonzalo Castro fanden auf der Linksverteidiger-Position statt. Weil Trainer Klaus Augenthaler im Bundesliga-Spiel gegen den VfL Wolfsburg keine Alternative hatte, setzte er den damals 17-Jährigen ein. Eine Rolle, die Castro Jahre später nochmals hier und da einnehmen sollte, wenn Bayer wieder mal keine Alternative parat hatte. Aber die richtige Dauerlösung wollte sich einfach nicht herausstellen.

Mit Kadlec wurde alles besser

2008 meldete die Bayer-Front einen durchschlagenden Erfolg: Bayer lieh Michal Kadlec, Sohn des Ex-Bundesliga-Profis Miroslav, von Sparta Prag aus. Der perfekt deutsch sprechende Neuzugang überzeugte auf Anhieb und Leverkusen zog sofort die Kaufoption. Fünf Jahre spielte der Tscheche für die Werkself auf der Linksverteidiger-Position und wurde zum Publikumsliebling.

Als Bayer 2011 den Vertrag mit Kadlec verlängerte, frohlockte Rudi Völler förmlich: "Michael gehört auf seiner Position sicherlich zu den Besten. Linksverteidiger seines Formats sind selten." Bayer ließ in dieser Phase selbst ein vielversprechendes Talent wie Bastian Oczipka Richtung Eintracht Frankfurt ziehen, weil für das Eigengewächs an Kadlec kein Vorbeikommen war.

Verdenken konnte es dem Klub keiner: Unter allen Linksverteidigern, die Bayer seit 2011 einsetzte, weist Kadlec immer noch die besten OPTA-Statistiken auf: Er gewann im Schnitt 58 Prozent seiner Zweikämpfe, spielte 80 Prozent erfolgreiche Pässe und war mit insgesamt acht Toren und 13 Assists auch der Gefährlichste in der Offensive.

"Wir haben keine Probleme"

Die "linke" Glückseligkeit endete 2012, als sich Kadlec verletzte und lange ausfiel. Nach der Rückkehr konnte der Nationalspieler Tschechiens das besagte Format nicht mehr dauerhaft halten und wurde zu Beginn dieser Saison verkauft, weil das Angebot von Fenerbahce über 3,5 Millionen Euro einfach zu verlockend war.

Sollte wieder eine schier unendliche Suche beginnen? In Leverkusen sah man das im Sommer anders. "Wir haben keine Probleme auf der linken Seite", sagte damals Bayers hauptverantwortlicher Kaderplaner Michael Reschke. "Sebastian Boenisch hat gezeigt, was er kann und jetzt haben wir noch Kostas Stafylidis."

Den Griechen nahm Bayer bereits 2012 von PAOK Saloniki unter Vertrag, um ihn ein Jahr noch in Griechenland zu parken. Als er bei der U-20-Weltmeisterschaft in Sommer groß auftrumpfte, mussten die zahlreichen Scouts und Klub-Manager zu ihrem Entsetzen feststellen, dass der flinke Außenbahnspieler schon einen neuen Klub hat.

Boenisch baut ab

Doch Sami Hyypiä sieht den Rohdiamanten noch nicht soweit, um dauerhaft in der Bundesliga spielen zu können. Immerhin: Im Winter-Trainingslager ist der technisch versierte Linksfuß noch näher an die Mannschaft gerückt, machte eindrucksvoll auf sich aufmerksam.

Boenisch dagegen, Kadlecs hauptamtlicher Vertreter seit dessen Verletzung, baute nach anfänglich sehr guten Eindrücken kontinuierlich ab. Während er die Defensivaufgaben zumeist noch ordentlich absolviert, gestalten sich die Offensivtätigkeiten des Ex-Bremers deutlich hinter den Erwartungen.

Ein Zustand, der nicht lediglich zur Kenntnis genommen werden kann, spielen die Außenverteidiger im System Leverkusens, mit eingerückten Außenstürmern in der Offensive und drei zentralen Mittelfeldspielern taktisch doch eine eminent wichtige Rolle.

Anschauungsunterricht für Guardado

Boenisch hat in der laufenden Saison gerade mal eine Quote von 71 Prozent erfolgreichen Pässen, in der gegnerischen Hälfte gar nur 58 Prozent. Zum Vergleich: Branchenprimus David Alaba sind es 90,7 Prozent erfolgreiche Pässe, 84 Prozent gar in der gegnerischen Hälfte. Boenischs Flanken kamen nur in 17 Prozent der Fälle an, bei Alaba sind es 42,3.

Dass sich Emre Can in der Phase des Boenisch-Tiefs als gute Alternative entpuppte, rettete Bayer vielleicht auch das taktische Konzept. Das 2:1 am vergangenen Spieltag gegen den VfB Stuttgart war ein Paradebeispiel des Leverkusener Offensivspiels mit den Außenverteidigern in der Hauptrolle: Can und Gegenüber Roberto Hilbert beackerten fortwährend die Außenbahn und waren Initiatoren vieler Angriffe.

Dass das Außenverteidiger-Spiel so gut funktionierte, passte auch Hyypiä sehr gut in den Kram: Zum einen aus einfachen Gründen des Erfolgs. Zum anderen setzte er aber Neuzugang Andres Guardado noch auf die Tribüne, "damit er sehen kann, wie wir spielen." Die Live-Schulung glückte, weil Can und Hilbert es fast perfekt demonstrierten, was von Guardado erwartet wird.

Kommt Jansen?

Denn: Der Mexikaner, den Bayer Leverkusen am letzten Transfertag vom FC Valencia samt Kaufoption ausgeliehen hat, soll künftig Leverkusens hauptamtlicher Linksverteidiger werden.

"Wir kennen ihn schon länger", sagt Sportchef Völler vielsagend. Bayers Chefs waren trotz der sommerlichen Ankündigung, links gut gerüstet zu sein, auf dem neuesten Stand des Marktes. Dass zuletzt St. Etiennes Benoît Trémoulinas, Hamburgs Marcel Jansen, der immer noch ein Transfer-Kandidat für den nächsten Sommer ist, oder Dennis Aogo medial als Neuzugänge gehandelt werden, kam nicht von ungefähr. Die vorläufige Endstation der ewigen Suche heißt aber erstmal Guardado.

Auch dessen Vorlieben pendeln sich im offensiven Bereich ein, auch wenn Valencias Trainer Miroslav Djukic und Juan Antonio Pizzi dem gelernten Linksaußen etwas die Angriffslaune verdarben und ihn zum reinen Defensivaußenverteidiger umfunktionierten. In Leverkusen darf und soll er wieder offensiver agieren.

Besonders Stefan Kießling dürfte sich über den neuen Mann freuen, gilt Guardado doch als exzellenter Flankengeber. Eine Gabe, die übrigens auch Diego Placente hatte...

Andres Guardado im Steckbrief

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