Sonntag, 19.01.2014

Revolution beim HSV

Mitglieder stimmen für Ausgliederung

Aufbruchstimmung beim kriselnden Hamburger SV: Die Mitglieder des Traditionsklubs haben sich für die Ausgliederung der Profi-Fußballer ausgesprochen. Die Tür für Investoren hat sich damit einen Spalt geöffnet.

Die eindeutige Mehrheit stimmte für die Ausgliederung der Fußballabteilung des HSV
© getty
Die eindeutige Mehrheit stimmte für die Ausgliederung der Fußballabteilung des HSV

Knapp sieben Stunden wurde hitzig und manchmal chaotisch debattiert, die Verantwortlichen sind tief gespalten, doch am Ende einer Marathonsitzung war die historische Revolution perfekt: Der sportlich wie finanziell angeschlagene Bundesligist Hamburger SV bereitet die Ausgliederung seiner Profi-Fußballabteilung vor und will sich für Investoren öffnen.

Erstmals in der Geschichte des Traditionsklubs bekam der Vorstand des Vereins den Auftrag, entsprechende Maßnahmen zur Vorbereitung einzuleiten.

100 Millionen Verbindlichkeiten

Das Geschäftsjahr 2012/13 mit einem Minus von 9,8 Millionen Euro abgeschlossen. Dies bestätigte Vorstandschef Carl Jarchow (58) am Sonntag auf der Mitgliederversammlung des Bundesligisten. "Das ist bedauerlich", sagte Jarchow, "es darf kein weiteres Jahr mit einem negativen Ergebnis geben. Da sind wir auf einem guten Weg."

Aufwendungen von 108,3 Millionen Euro standen Erträge von 98,5 Millionen Euro gegenüber. Das Vereinsvermögen sank innerhalb eines Jahres von 15,6 auf 5,7 Millionen Euro. Die Verbindlichkeiten des Klubs belaufen sich auf knapp 100 Millionen Euro.

Der HSV hat damit im dritten Jahr in Folge ein Minus in der Bilanz erwirtschaftet. Doch ungeachtet der Negativzahlen der letzten Jahre (2010/11: 4,9 Millionen Euro Minus, 2011/12: 6,6 Millionen Euro Minus, 2012/13: 9,8 Millionen Euro Minus) sei der HSV "handlungsfähig", wie Jarchow unterstrich.

Nach bayrischem Vorbild

Das ist das Ergebnis einer hitzig geführten Rekord-Mitgliederversammlung. Eine überwältigende Mehrheit von 79,4 Prozent der bis zu 7000 stimmberechtigten Mitglieder votierte am Sonntag für den von Ex-Aufsichtsratschef Ernst-Otto Rieckhoff (62) eingereichten Reformantrag "HSVPlus".

Die Reform sieht vor, die Lizenzspielerabteilung aus dem Gesamtverein auszugliedern und nach dem Vorbild des FC Bayern in eine Aktiengesellschaft umzuwandeln. Danach könnten bis zu 24,9 Prozent der Anteile an strategische Partner verkauft werden. "In den nächsten Jahren könnten wir so bis zu 100 Millionen Euro einnehmen", sagte Rieckhoff dem "SID".

Hrubesch und Hieronymus pro "HSVplus"

Milliardär und Edelfan Klaus-Michael Kühne hatte im Vorfeld bereits seine Unterstützung angeboten. "Ich kann mir vorstellen, dieses Konzept als strategischer Partner in größerem Umfang zu unterstützen", sagte der 76 Jahre alte Logistikunternehmer.

Der HSV dürfe aber "niemals zum Spielball externer Geldgeber" werden, sagte Rieckhoff. Deswegen soll eine 50+1-Regel festgeschrieben werden, wonach die Mehrheit der Anteile immer beim Verein liegen soll: "Der Verein muss immer das Sagen haben. Es wird keine Scheichs oder Oligarchen geben."

Der ehemalige oberste HSV-Kontrolleur konnte prominente Unterstützer für seine Ideen gewinnen. Unter anderem sprachen sich die Klub-Idole Horst Hrubesch, Thomas von Heesen, Ditmar Jakobs und Holger Hieronymus für "HSVPlus" aus. "Das ist der einzige Weg, damit der HSV national - und langfristig auch hoffentlich international - wieder an die Spitze rückt", sagte von Heesen.

Das Votum ist eine heftige Niederlage für Aufsichtsrats-Chef Manfred Ertel, der sich strikt gegen eine Ausgliederung wehrt. "Für das Funktionieren des HSVPlus-Modells gibt es keine Beispiele in der Fußballwelt. Ich will den HSV nicht zu einem Experimentierfeld machen", sagte Ertel. Viele Mitglieder forderten nach seinen Beiträgen lautstark: "Ertel raus, Ertel raus." Rücktritte von Ertel und weiteren Aufsichtsräten gelten als nicht mehr ausgeschlossen.

"HSV ist ein schwerfälliger Tanker"

Wie gespalten der HSV ist, beweisen die unterschiedlichen Ansichten der HSV-Bosse. Im Gegensatz zu Ertel befürwortet Vorstands-Chef Carl Jarchow eine Ausgliederung. "Die Entwicklung des Profifußballs in den vergangenen Jahrzehnten hat dazu geführt, dass die Bundesligaklubs alle mittelständische Unternehmen sind.

Es zeichnet sich ab, dass es immer schwieriger sein wird, einen Amateur- und Breitensportverein und einen wirtschaftlichen Betrieb unter einem Dach zu haben.

Über kurz oder lang ist es unausweichlich, dass es getrennt wird", sagte Jarchow. Und Marketing-Vorstand Joachim Hilke meinte: "Der HSV ist ein schwerfälliger Tanker unter Schnellboten." Eine Ausgliederung würde den Klub wieder handlungsfähig machen.

Fernwahl abgelehnt

Ex-Präsident und Aufsichtsrat Jürgen Hunke kritisierte hingegen die Pläne zur Ausgliederung. "Wir dürfen auf keinen Fall Anteile des Vereins verkaufen - das ist unser Tafelsilber. Anteile zu verkaufen schafft keinen sportlichen Erfolg. Wir müssen uns selbst helfen. Die Seele des Vereins ist unantastbar."

Die Beschlüsse vom Sonntag sind noch nicht bindend. Bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer müssen noch einmal drei Viertel der Mitglieder der Strukturreform zustimmen, damit sie umgesetzt werden kann. Insgesamt standen fünf verschiedene Reformmodelle zur Abstimmung.

Der Antrag zur Abstimmungsmöglichkeit per Fernwahl für die kommende Mitgliederversammlung scheiterte später am Abend knapp. Dies wird als kleiner Rückschlag für Rieckhoff gewertet, weil viele HSV-Mitglieder, die seine Pläne unterstützen, nicht in Hamburg wohnen und nicht regelmäßig an den Mitgliederversammlung teilnehmen.

Der Hamburger SV im Überblick


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