Mittwoch, 29.01.2014

Die gefährliche Situation bei 1899 Hoffenheim

Ein bisschen Spielen reicht nicht

Hoffenheim unter Markus Gisdol - das steht für Spektakel, Jugendwahn und Eishockey-Ergebnisse. Mit an Naivität grenzendem Offensivdrang erballern sich Volland, Firmino und Co. die drittmeisten Tore der Liga, hinten lässt die TSG aber noch mehr zu. Die 0:4-Klatsche in Nürnberg machte erschreckend deutlich, wohin die Reise für 1899 führen könnte, wenn die Angreifer ihre brillante Hinrunde nicht replizieren können.

Beim 0:4 gegen Nürnberg gab 1899 Hoffenheim zuletzt ein ganz schlechtes Bild ab
© getty
Beim 0:4 gegen Nürnberg gab 1899 Hoffenheim zuletzt ein ganz schlechtes Bild ab

"Mit ein bisschen Fußballspielen kann man nicht in ein Bundesliga-Spiel reingehen." Diese Analyse der Niederlage zum Rückrundenstart von Eugen Polanski mag banal klingen, könnte im Hinblick auf seine Mannschaft jedoch nicht präziser ausfallen.

Sie könnte sogar eine Art Zwischenfazit zur Saison der TSG sein, schließlich hätte sie auch bestens zum vogelwilden 4:4 gegen Bremen oder zum 2:3 gegen Berlin gepasst, um nur zwei Beispiele zu nennen. Die ganze Saison ist voll davon.

Nicht wie die Aufstiegshelden

Mit frischem, bisweilen überragendem Offensiv-Fußball hat Hoffenheim Anfang der Hinrunde nicht wenige an die erste Bundesliga-Hinrunde der Kraichgauer erinnert, als Vedad Ibisevic, Carlos Eduardo und Kollegen sensationell Herbstmeister wurden. Anthony Modeste? Der neue Ibisevic. Kevin Volland? Der neue Demba Ba. Roberto Firmino? Der neue Eduardo.

Es ist ein Vergleich, den man im Hinblick auf den Angriff vielleicht gerade so halten kann, auch wenn Modeste seit dem 8. Spieltag kein Tor mehr geschossen hat. Allerdings wird die eigentliche Situation völlig verklärt, wenn man nur auf die erzielten Tore blickt; Hoffenheim hat nur 18 Punkte auf dem Konto und muss sich schleunigst stabilisieren, wenn man nicht wieder bis zum Ende gegen den Abstieg kämpfen will. Auch wenn das scheinbar noch niemand realisiert hat.

Kein Blick auf die Tabelle

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Markus Gisdol etwa berichtete vor kurzem stolz, dass kein geringerer als Ottmar Hitzfeld ihm nach einem Traningsbesuch gesagt habe, es sei "atemberaubend", was die TSG mache. Ausgerechnet.

Überhaupt scheint Gisdol sich derzeit nicht wirklich um die Tabelle zu scheren. "Ich bin unglaublich scharf darauf, mit meiner Mannschaft modernen, entwicklungsfähigen Fußball zu zeigen. Ich habe noch so viele Punkte im Kopf. Ich habe noch so viele Ideen, wen ich noch auf welcher Position sehen möchte", sagte er nach dem Wintertrainingslager zur "Bild".

Die Tabellensituation scheint ihn nicht zu beunruhigen.

Zu viel Rotation?

Auch so manche Personalfrage ist nach wie vor ungeklärt. Koen Casteels wurde nach dem 4:4 gegen Bremen am 14. Spieltag degradiert und durch Jens Grahl ersetzt. In der Winterpause wollte sich der Trainer nicht festlegen, stellte dann aber wieder Casteels zwischen die Pfosten, der bei seinen vier Gegentoren keinen sicheren Eindruck machte.

Auch die Viererkette kann man nicht als eingespielt bezeichnen. Andreas Beck hat als Kapitän alle Spiele mitgemacht, doch neben ihm ist einiges unklar. David Abraham absolvierte 13 der ersten 14 Saisonspiele über die volle Distanz und stand danach keine einzige Minute mehr auf dem Feld.

Den Linksverteidiger gab mal Fabian Johnson, mal Jeremy Toljan, mal Sejad Salihovic und dazu je einmal Stefan Thesker und Robin Szarka. In 18 Spielen hat Gisdol acht verschiedene Viererketten aufgeboten. Ein Konkurrenzkampf als Gratwanderung zwischen Ansporn und Verunsicherung.

Riskantes Konzept

Die derzeitig vermeintlich gesetzte Innenverteidigung aus Jannik Vestergaard (21) und Niklas Süle (18) mag Potenzial haben, scheint der Verantwortung im System Gisdol aber nicht immer gewachsen zu sein.

Gisdol überlässt häufig seinen Spielern die Entscheidung, wann sie zum Pressen herausrücken und wann sie Lücken stopfen sollen. Kurz: Wo sie sich in der Defensive aufhalten sollen. Das gibt Freiheiten, erfordert aber auch hohe Spielintelligenz und taktisches Verständnis.

Zudem obliegt der Spielaufbau häufig den Innenverteidigern und nicht dem zentralen Mittelfeld: Regelmäßig ist zu beobachten, wie Verteidiger den Ball bis weit in die gegnerische Hälfte tragen und von dort direkt auf die Außen oder auf Zehner Firmino spielen.

Die andere Alternative sind lange Bälle, mit denen man ebendiese Spieler einsetzen will, die aber allzu oft direkt wieder beim Gegner landen. Das resultiert im vergleichsweise niedrigen durchschnittlichen Ballbesitz (45,7 Prozent) der TSG. In Sachen Passgenauigkeit weist Hoffenheim laut Opta mit 75,5 Prozent sogar den drittschlechtesten Wert der Liga auf.

Hoffenheim und der nächste Gegner Hamburger SV im Vergleich

Andere Situation als letztes Jahr

Wohlwollende Zungen würden hier wohl von einem kalkulierten Risiko sprechen, schließlich funktioniert das Konzept offensiv teilweise extrem gut, auch wenn dies zum Großteil an der individuellen Klasse von Firmino und Volland liegt. Anhand der Nöte, in die sich 1899 regelmäßig in der Defensive bringt, muss die Frage jedoch erlaubt sein, ob das Wort "kalkuliert" in diese Beschreibung überhaupt hineinpasst.

Gisdol würde langsam gut daran tun, seiner Mannschaft etwas mehr Balance und taktische Disziplin einzuimpfen, selbst wenn dadurch das offensive Überraschungsmoment ein Stück weit verloren gehen sollte. Sonst wird die Gefahr immer größer, mitten in den Abstiegskampf zu geraten - eine Situation, der die TSG nicht unbedingt gewachsen ist. Es ist kein Zufall, dass die letzten beiden Bundesligaspiele gegen zwei Mannschaften (Nürnberg und Braunschweig) verloren wurden, die den Abstiegskampf schon jetzt verinnerlicht haben.

Natürlich hat Hoffenheim letzte Saison in höchster Not noch den Abstieg verhindert, die Situation war aber eine ganz andere: Die Ausgangslage war bei Gisdols Antritt dermaßen schlecht, dass man schon nichts mehr zu verlieren hatte. Die Stammelf war recht deutlich benannt. Eine der Führungspersonen damals hieß Tobias Weis, der über den Umweg "Trainingsgruppe 2" in der Winterpause bei Eintracht Frankfurt gelandet ist.

Wer führt die Mannschaft?

Beim heutigen Kader wird man auf der Suche nach Führungsspielern nur bedingt fündig. Kapitän Beck und Sebastian Rudy sind eher ruhige Vertreter. Salihovic, dienstältester Hoffenheimer und eigentlich prädestiniert für die Rolle, ist immer mal wieder für Scharmützel mit den Schiedsrichtern gut und in dieser Hinsicht kein gutes Vorbild (3 Gelbe, 1 Rote Karte in 13 Saisonspielen).

Bleiben noch die beiden talentiertesten Individualisten: Firmino und Volland. Der Brasilianer, der die TSG mit 14 Scorerpunkten anführt, scheint allerdings mit dem Kopf schon halb bei "einem internationalen Top-Klub" oder "bei der WM" (beides O-Ton) zu verweilen und nicht mehr vollständig im Kraichgau.

Volland sieht sich als Führungsspieler und hat ebenfalls eine großartige Hinserie gespielt (7 Tore, 4 Vorlagen). Allerdings brodelt auch in seinem Fall die Gerüchteküche: Der Kapitän der deutschen U-21-Nationalmannschaft hat zwar vor der Saison seinen Vertrag bis 2017 verlängert, wird aber angeblich von Borussia Dortmund und Bayern München umworben.

Schwierig, aber nicht unlösbar

Es gibt einige Probleme für Gisdol. Doch die Situation ist aber nicht aussichtslos. Er hat viel Talent im Kader und einen Angriff, der gegen fast jeden Gegner ein Feuerwerk abbrennen kann. Der Rest seiner Mannschaft ist nur eben noch lange nicht so weit, wie er sie gern hätte.

"Ich hatte meine Mannschaft eindringlich davor gewarnt, die guten Leistungen aus der Vorbereitung überzubewerten" sagte der Trainer nach der Klatsche in Nürnberg. Vielleicht ist es ein Schritt in die richtige Richtung, wenn Gisdol dies selbst beherzigt und den Ernst der Lage anerkennt. Die Zeit drängt.

1899 Hoffenheim im Überblick

Ole Frerks

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