Montag, 20.01.2014

Hamburg nach der Mitgliederversammlung

Noch ist nichts entschieden

Die erste Hürde auf dem Weg in eine neue Zeitrechnung ist getan - die Initiative "HSVPlus" ist aber noch lange nicht am Ziel. Die Ausgangslage ist sogar einigermaßen paradox.

Otto Rieckhoff überzeugte mit seiner Initiative "HSVPlus" die Mitglieder
© getty
Otto Rieckhoff überzeugte mit seiner Initiative "HSVPlus" die Mitglieder

Es ging noch ganz amüsant los in den Sälen H und 1 im CongressCentrum Hamburg. Bereits Vormittag gegen 10 Uhr waren weit über 4000 HSV-Mitglieder ins CCH gedrängelt, am Ende notierte das Protokoll 7.134 Mitglieder (davon 179 nicht stimmberechtigte) - neuer Rekord in der Geschichte des HSV.

Bevor sich die hitzigen Debatten über den kompletten Nachmittag erstreckten, wurde von den Organisatoren das wichtigste Instrument des Tages noch eben einem endgültigen Test unterzogen: Gegen halb zwölf wurde das Abstimmungsgerät überprüft, die Anwesenden durften ein erstes Mal an diesem Tag abstimmen.

Gefragt wurde nach einem Sieg des HSV zum Rückrundenauftakt am kommenden Sonntag gegen den FC Schalke 04. Es gab schon Zeiten, da hätte das Ergebnis nahe an 100 Prozent gereicht. Es wurden schließlich 69,3 Prozent - in schweren Zeiten wie diesen trauen die Fans ihrer Mannschaft eben auch nicht mehr alles blind zu.

Viel wichtiger als der Probelauf gegen Mittag war aber ohnehin das, was sich im Laufe des frühen Abends abspielen sollte. Die mit großer Spannung erwartete Abstimmung über die fünf ins Rennen gegangenen Initiativen der zukünftigen Gestaltung des Hamburger SV begann um 17.51 Uhr.

Der Favorit, die Initiative "HSVPlus" ging als erste in die Bütt. Und stand nur zwei Minuten später als der große Gewinner des Abends fest. Mit der nötigen Mehrheit von 79,4 Prozent votierten die Mitglieder für eine tiefgreifende Strukturreform. Insgesamt 5023 Stimmen erhielt Rieckhoffs Vorschlag.

"Es ist unglaublich, was ich hier sehe. Ich bin stolz, dass so viel Leben ins Thema Strukturreform gekommen ist. Ich glaube, ich habe den Nerv vieler Mitglieder getroffen", sagte Rieckhoff nach Verkündung des Ergebnisses.

Die Abstimmungen über Anträge der gegnerischen Vorhaben "Initiative Rautenherz", "HSV 21" und "HSV-Reform" waren da im Prinzip nur noch Formsache. Die mit Außenseiterchancen ins Rennen gegangene Initiative "HSV - Zukunft mit Tradition" zog ihren Antrag nach der Abstimmung pro "HSVPlus" zurück.

Mit der Entscheidung für "HSVPlus" haben die Mitglieder nach fast elf Stunden im Sitzungssaal den Weg geebnet für eine historische Neuausrichtung ihres Klubs. Komplett verabschiedet und auf den Weg gebracht ist die Reform aber noch nicht. Die wichtigsten Fragen und Antworten im Überblick:

Wer und was ist "HSVPlus":

Speerspitze der Initiative ist Ernst-Otto Rieckhoff. Der ehemalige Aufsichtsratschef hat als Initiator im Laufe der Monate gewichtige Fürsprecher und Unterstützer für sein Modell finden können, unter anderem die HSV-Granden Holger Hieronymus, Horst Hrubesch, Ditmar Jakobs und Thomas von Heesen.

"HSVPlus" strebt als oberste Maxime die Ausgliederung der Fußball-Lizenzspielerabteilung aus dem Gesamtverein an, einhergehend mit der Umwandlung in eine Aktiengesellschaft. Damit wäre der HSV mit seinen insgesamt 33 Sparten kein eingetragener Verein alter Prägung mehr.

Rieckhoffs Plan liegt auf der Hand: Mit der AG kann der HSV Anteile an interessierte Investoren verkaufen und so kurz- und mittelfristig mehr Geld in die Kassen spülen, als jedes andere Modell das versprechen konnte. Dazu würde er wohl einige Ex-HSV-Größen dazu bewegen können, endlich entsprechende Posten im Klub zu übernehmen.

"Bei uns wissen zwei Menschen, nämlich Sportchef und Trainer, wie Fußball geschrieben wird. Wenn sie bei Bayern München über den Flur gehen, treffen sie zehn Leute, die Nationalspieler waren. Geht es dort um einen Transfer, sitzen nicht zwei, sondern mehrere Leute zusammen. Das minimiert sportliche Fehleinschätzungen", sagte Rieckhoff jüngst in der "Morgenpost".

Angeblich stünden auch schon einige Interessenten bereit. Bis zu 24,9 Prozent der Anteile könnten an strategische Partner verkauft werden. "In den nächsten Jahren könnten wir so bis zu 100 Millionen Euro einnehmen", so Rieckhoff weiter.

Befürchtungen der Gegner seiner Initiative, der HSV könnte so über kurz oder lang zum Spielball seiner Investoren werden und hätte die Geschicke des Klubs alsbald nicht mehr selbst in der Hand, beschwichtigt Rieckhoff. Unter anderem hatte sich auch Ex-Torhüter Frank Rost dazu geäußert.

"Der Verkauf von Anteilen kann aber nicht das Allheilmittel sein. Denn was du verkaufst, ist weg - für immer. Das sollte man immer bedenken. Der HSV muss seine Kostenstruktur ohnehin überprüfen, ob nun als e.V. oder GmbH oder was auch immer."

In der Satzung soll eine 50+1-Regel verankert werden, wonach die Mehrheit der Anteile immer beim Verein liegen soll: "Der Verein muss immer das Sagen haben. Es wird keine Scheichs oder Oligarchen geben", sagt Rieckhoff.

"Alles, was in unserem Konzept beschrieben ist, muss haargenau so umgesetzt werden. Ich befürchte, dass wir sonst aus dem Quark gar nicht mehr herauskommen. Nur wenn wir jetzt grundlegend etwas ändern, ist das ein klares Signal für Mitglieder, Sponsoren oder strategische Partner", sagte Rieckhoff, der die Entschuldung des Vereins als ersten Schritt des neuen Weges proklamiert. Auch der Nachwuchsbereich soll mit den Geldern werden.

Was muss jetzt noch passieren?

Der Vorstand ist jetzt beauftragt, die Ausgliederung bis zum 30. Juni. vorzubereiten. Bei einer außerordentlichen Mitgliederversammlung im Sommer (Mai/Juni) muss noch einmal eine Dreiviertelmehrheit der Mitglieder der Strukturreform zustimmen, damit sie umgesetzt werden kann - die viel größere Hürde für "HSVPlus".

Die Abstimmung auf eine mögliche Fernwahl im Sommer wäre ein weiterer wichtiger Meilenstein für "HSVPlus" gewesen. Demnach hätten bei der entscheidenden Abstimmung über die Strukturreform auch Mitglieder ihr Votum abgeben können, nicht vor selbst vor Ort sein können. Die Gesuche auf Fernwahl scheiterten am Sonntag aber denkbar knapp (72,3 und 73,7 Prozent).

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Also dürfen bei der Mitgliederversammlung im Sommer nur Mitglieder abstimmen, die auch selbst nach Hamburg anreisen. Ein positiveres Ergebnis würde es "HSVPlus" wohl ein wenig leichter machen. Trotzdem glaubt die Initiative weiter daran, zu Beginn der kommenden Saison endgültig aufgestellt zu sein und mit ihrer Arbeit beginnen zu können. "Durch die dann größere Fußball-Kompetenz im Umfeld hätte man gute Voraussetzungen, um in zwei, drei Jahren wieder oben dabei zu sein", prophezeit Rieckhoff.

Erzielt die Initiative im Sommer das erforderliche Abstimmungsergebnis, ist der HSV der 13. Klub der Bundesliga, der als Kapitalgesellschaft firmiert.

Sind entsprechende Ämter schon vergeben?

Nein. Bislang ist alles in alle Richtungen offen. Selbst ein Verbleib von Mitgliedern der aktuellen Gremien ist möglich - auch wenn sie bis Sonntag noch den gegnerischen Lagern angehört haben.

"Es gibt keine Absprache oder Zuordnung von Ämtern", beteuert Rieckhoff. "Die Jungs sind zusammen aufgestanden und haben gesagt: Jawoll, für dieses Konzept setzen wir uns ein. Sie haben klare Vorstellungen, wie es mal aussehen soll. Es könnten ja dieselben Personen im Amt bleiben. Solche Dinge werden dann ja auch über Wahlen geregelt. Aber klar ist doch auch, dass der Vorstand gültige Arbeitsverträge besitzt."

Sein großer Gegenspieler Manfred Ertel, momentan Aufsichtsratschef, formulierte bereits eine klare Botschaft: "Die Gerüchte, dass ich aus dem Aufsichtsrat zurücktrete, sind nur heiße Luft." Seinen Rückzug als Vorsitzender des Aufsichtsrats kündigte Ertel allerdings bereits an.

Was macht Edel-Fan Klaus-Michael Kühne?

Der Milliardär hatte sich vor der Abstimmung klar auf die Seite von "HSVPlus" gestellt und weitere Investitionen vom Sieg der Initiative abhängig gemacht. Mehr als eine Absichtserklärung Kühnes war das aber nicht. "Wir haben keinen Vertrag, auch nicht mit Herrn Kühne. Aber es gibt Anzeichen, die [...] zur zweiten Versammlung im Mai konkret werden könnten", hatte Rieckhoff kurz vor der Wahl bereits verraten.

Was wurde am Sonntag noch beschlossen?

Alles und nichts. Es standen noch mehrere Anträge auf verschiedene Satzungsänderungen auf der Tagesordnung. Am Ende erhielten die meisten zwar eine Mehrheit der Stimmberechtigten - jedoch keine einzige die erforderlichen 75 Prozent.

Abgelehnt wurde der Antrag zur Berufung von zwei ehrenamtlich offiziellen HSV-Beiräten, der Antrag zur Stärkung der Kompetenz und Verantwortung des Ehrenrates, Antrag zur Steigerung der Rechte und Verantwortlichkeiten des Vorstandes, der Antrag zur Berufung eines Vorstands Finanzen, der Antrag zur Enthebung eines Aufsichtsratsmitglieds, der Antrag zur Vereinheitlichung der Aufsichtsrats-Amtszeiten und -Wahlen und der Antrag zur Verkleinerung des Aufsichtsrats und dessen Neuwahl.

Vorstand, Rechnungsprüfer, Ehrenrat, Amateurvorstand, Seniorenrat sowie Abteilung Fördernde Mitglieder/Supporters Club erfuhren im Verlauf des Abends ihre Entlastung für das Geschäftsjahr 2013. Lediglich dem Aufsichtsrat um Chef Ertel verweigerten die Mitglieder die dafür nötige Mehrheit.

Ein Ausblick:

Der erste Schritt ist getan, der HSV bewegt sich erstmals seit Jahrzehnten wieder in eine innovativere Richtung. Der zweite, ungleich schwerere Schritt steht aber noch bevor. Dass die Reform im Sommer auch auf einer neuerlichen Versammlung die erforderliche Mehrheit bekommt, ist alles andere als gesichert. Nicht nur wegen des Nachteils, Mitglieder nur vor Ort abstimmen lassen zu können.

In Hamburg war es in den letzten Jahren immer mal wieder so, dass selbst kleinste Aufgeregtheiten oder die eine oder andere unglücklich formulierte Äußerung schnell für Unruhe und Zweifel an den bestehenden Konzepten oder Vorhaben gesorgt hatten.

Ernst-Otto Rieckhoff wird noch mehr auf Wahltour gehen müssen als bisher. Die Gegenseite wird auch weiter mobilisieren. Ein möglicher Abstieg der Mannschaft aus der Bundesliga käme zwar einer sportlichen Katastrophe gleich - eine ähnlich schwache Halbserie wie die Hinrunde könnte der Initiative aber sogar, so paradox es klingt, in die Karten spielen und den Drang nach einer grundlegenden Reform nochmals verstärken.

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