Hannover in der Krise

Stress - und wie er wirkt

Von Stefan Rommel
Donnerstag, 19.12.2013 | 11:12 Uhr
Mirko Slomka ist seit Januar 2010 Trainer bei Hannover 96
© getty
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Hannover 96 spielt die schwächste Vorrunde seit Jahren, Klub-Boss Martin Kind erhöht den Druck auf alle Beteiligten. Besonders im Brennpunkt steht mal wieder der Trainer. Mirko Slomka scheint angezählt.

Martin Kind war schon immer ein Pragmatiker, wenn es ums Geschäft geht. Daran ändert auch die Zuneigung zu seinem Klub kaum etwas. Eher im Gegenteil: Kind steht dem Verein nun seit 14 Jahren vor, kein Präsident vor ihm hat es länger ausgehalten mit 96.

Kind hat Hannover von der Regionalliga wieder zurück in die Bundesliga geführt, hat den Klub großzügig alimentiert und die WM nach Hannover geholt, in deren Vorlauf er das Stadion am Maschsee umbauen ließ.

Alles läuft über Kind

Kinds Verdienste um Hannover sind groß, sein Einfluss dementsprechend. Der Unternehmer eckt gerne an: bei seinen Angestellten, den eigenen Fans, bei Sponsoren, bei der Politik. Der Deutschen Fußball Liga liegt er seit Jahren mit der Abschaffung der 50-plus-1-Regelung in den Ohren.

Kind nimmt wenig Rücksicht auf Befindlichkeiten, einen Ruf als gewiefter Diplomat dürfte er sich im fortgeschrittenen Alter auch nicht mehr erwerben. Als die Kurve vor etwas mehr als einem Jahr den ehemaligen 96-Spieler Emanuel Pogatetz bei dessen Rückkehr wüst beschimpfte, zahlte Kind in selber Münze zurück: "Ein Teil unserer Fans sind Arschlöcher!", sagte er damals.

Im Jahr davor war 96 zur Zahlung von insgesamt rund 100.000 Euro Strafe verdonnert worden, vor allen Dingen wegen des Einsatzes von Pyrotechnik. Für solche Spielereien am Rande, dazu noch verbotene, hat Kind aber keinerlei Verständnis.

Für Sentimentalitäten und überbordende Emotionen sind andere zuständig. Martin Kind beschränkt sich vorwiegend auf den technischen Teil seiner Arbeit. Vielleicht ist er deshalb für einige eher ein Oligarch, denn ein echter Liebhaber seines Klubs.

In der Leistungskrise

In der Sache aber, und das dürfte unbestreitbar sein, kann so ein nüchterner Blick auf die Dinge von großem Vorteil sein. Als sich Spieler und Verantwortliche von Hannover 96 vor einigen Wochen einen Reim auf das karge 0:0 im Derby gegen Eintracht Braunschweig machen sollten, ließ Kind in der ihm typischen Art schon durchklingen, dass er mit der Entwicklungen und den Ergebnissen seiner Mannschaft nicht einverstanden ist.

Manch anderer Präsident hätte vielleicht salbungsvolle Worte für sein Personal gefunden. Bei Kind hörte sich das anders an: "Bei uns sind Defizite zu erkennen. Man muss nur auf das Spielfeld gucken. Es muss jetzt hart gearbeitet werden, wir müssen diese Leistungskrise überwinden!" Die Leistungskrise hat Hannover, hat Trainer Mirko Slomka, bis zum Ende der Vorrunde nicht überwinden können.

Große Ziele, tiefer Fall

Von den letzten zehn Spielen hat Hannover nur eines gewonnen, auswärts hat die Mannschaft auch nach acht Versuchen noch keinen einzigen Punkt geholt. Auf Tabellenplatz zwölf mit 18 Punkten ist Hannover der Abstiegszone näher als dem internationalen Geschäft. Dabei sollte die Reise mit dem teuersten Kader der Vereinsgeschichte doch wieder in der Europa League enden. Mindestens. Einer hatte sogar noch ambitioniertere Ziele: "Wir wollen die Plätze drei bis sechs erreichen", sagte Kind vor der Saison.

Momentan gibt es in Hannover aber genügend andere Dinge zu tun, als hoffnungsvoll auf die Tabelle zu schauen. Es knirscht in vielen Ecken. Die Mannschaft spielt belanglosen Beamtenfußball. Die Leidenschaft der Jahre zuvor ist komplett verflogen, das Spielkonzept des Teams wirkt überholt. Slomka muss sich ankreiden lassen, der zu erwartenden Entwicklung bis jetzt kein adäquates Gegenmittel präsentieren zu können.

Viele Faktoren spielen eine Rolle

Dass Hannover mit seiner Strategie des schnellen Umschaltspiels niemanden mehr überraschen kann, schlägt sich nicht nur in der desaströsen Auswärtsbilanz nieder. Nach den starken Spielen zu Saisonbeginn in der heimischen Arena bekommen die Fans nur noch durchwachsene Vorstellungen zu sehen.

Sicherlich wirken sich mehrere Faktoren auf die unbefriedigenden Leistungen aus. Wichtige Spieler waren oder sind entweder länger verletzt (Diouf, Ya Konan, Cherundolo, Pander) oder auch nach fast einer kompletten Vorrunde noch immer auf der Suche nach ihrem wahren Leistungsvermögen (Zieler, Stindl, Schlaudraff). Die Neuen funktionieren zudem noch nicht wie gewünscht.

Fitnessdefizite oder Kopfproblem?

Zuletzt gab es auch heftige Debatten um den Fitnesszustand der Mannschaft. Der sei den Ansprüchen nicht angemessen. Die Schuldigen war schnell gefunden: Bewegungswissenschaftler Jürgen Freiwald und Athletiktrainer Heiko Sander. Bereits vor der Saison hatte Hannover bis zu 13 verletzte Spieler zu beklagen. Kind prangerte damals schon an, dass das "kein Zufall" mehr sein könne und hinterfragte die Trainingssteuerung von Cheftrainer Slomka.

Vor dem Spiel beim VfB Stuttgart verschaffte Slomka seinem Unmut über die anhaltenden Diskussionen Luft und nahm Stellung zu den Statistiken, die Hannover als eine der laufschwächsten Mannschaften der Liga ausweisen. "Ob ich zwei Kilometer mehr oder weniger laufe, hat nichts mit Erfolg oder Misserfolg zu tun. Das Ergebnis hat nichts mit der Laufleistung zu tun."

Die Laufleistung bei eigenem Ballbesitz sei "das Einzige, was in irgendeiner Weise mit dem Ergebnis zu tun hat. Die Behauptung, Hannover 96 ist nicht fit, sollte man nicht einfach in den Raum stellen. Das finde ich nicht ganz korrekt", echauffierte sich Slomka über die Gerüchte. Die allerdings hatten nur eine Woche davor durch entsprechende Äußerungen von Kind und Manager Dirk Dufner - der sich ansonsten auffallend zurückhält - neue Nahrung erhalten.

Slomka will dagegen vielmehr ein mentales Problem erkannt haben, weshalb er seinen langjährigen Gefährten Peter Boltersdorf mehr in die Pflicht nimmt. Der Mentaltrainer soll die Blockaden in den Köpfen der Spieler lösen. Der hält aber schnelle Erfolge für unwahrscheinlich. "Auf Knopfdruck lassen sich Dinge nicht abstellen."

"Ich will nicht ins Chaos investieren"

Die Winterpause wird für 96 eine entscheidende Phase. Viel Zeit bleibt nach den Weihnachtsfeiertagen nicht, nur knappe vier Wochen. Das Liga-Debüt des erst 17-jährigen Talents Valmir Sulejmani lässt zarte Hoffnungen zu, dass sich Hannover selbst helfen kann. Dass Sulejmani in naher Zukunft aber noch mehr Spieler aus dem eigenen Stall folgen könnten, ist schon wieder fraglich.

Auch im Nachwuchsleistungszentrum gibt es mächtig Reibereien. Der erst kürzlich als Sportlicher Leiter installierte Slaven Skeledzic ist offenbar so vielen Leuten auf den Schlips getreten, dass mehrere NLZ-Mitarbeiter und - Trainer eine Protestnote an Kind und Dufner verfassten. Skeledzic' Umgangston wird da angeprangert, das Vertrauensverhältnis zum Administrativen Leiter Jens Rehhagel gilt als zerrüttet.

Kind spricht von einer "unschönen Situation. Ich bin sauer über die Entwicklung im NLZ, das ist nicht das, was ich mir vorgestellt habe." Der Klub-Boss hat letzte Woche ein Machtwort gesprochen, demnach soll schon bald ein neues Konzept mit neuen Protagonisten den gewünschten Erfolg bringen. "Wir investieren viel Geld ins NLZ", sagt Kind. "Und das will ich nicht in Chaos investieren."

Raum für Spekulationen

Am Wochenende steht für die Profis die letzte Partie der Vorrunde an. Das Spiel beim SC Freiburg (Sa., 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) hat durch die letzten Wochen enorm an Brisanz gewonnen. Neben der Tatsache, dass die schlechteste Auswärtsmannschaft beim schwächsten Heimteam antritt, geht es für Hannover darum, den Vorsprung auf Platz 16 zumindest zu wahren und wenigstens noch das Minimalziel von 20 Punkten zu erreichen.

Und für Trainer Slomka offenbar noch um ein bisschen mehr. Der hat den Vertrauensvorschuss allmählich aufgebraucht, das ebenso glückliche wie ernüchternde Remis gegen Nürnberg hat Slomkas Position nicht unbedingt gestärkt.

"Wir warten das Spiel in Freiburg ab, und dann werden wir in aller Ruhe alles analysieren", sagt Kind. Das klingt moderat. Gleichzeitig hat Kind aber auch etwaige Gespräche mit potenziellen Zugängen bis auf weiteres auf Eis gelegt. "Wir haben in der vergangenen Woche diese Gespräche bewusst ausgesetzt und werden dies auch bis zum Freiburg-Spiel tun", erklärte er. Ob das auch damit zusammenhänge, dass ein möglicher neuer Trainer ganz andere Personalvorstellungen haben könnte?

"Wenn es zu einer Trainerentlassung käme, wäre das sicherlich sinnvoll", so Kind. Finanziell wäre ein Rauswurf Slomka jedenfalls kein großes Problem, das hat Kind schon durchblicken lassen. "Das ist nicht unser Wunschkonzert", sagt er. "Aber es wäre stressfrei möglich."

Das ist Hannover 96

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