Gonzalo Castros Rolle in Leverkusen

Die Hoffnung stirbt zuletzt

Von Daniel Reimann
Dienstag, 17.12.2013 | 15:08 Uhr
Gonzalo Castro (M.) hat diese Saison bisher sieben Assists in der Liga auf dem Konto
© getty
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Gonzalo Castro absolviert bei Bayer Leverkusen die beste Saison seines Lebens. Für die Nationalmannschaft spielt er dennoch nie eine Rolle. Alles klingt nach einem bekannten Leverkusener Syndrom - doch Aufgeben kommt für ihn nicht in Frage.

Es wäre für viele der größtmögliche Alptraum: Der Sommerurlaub ist bereits gebucht. Fünf Tage Vegas, zehn Tage Miami. Doch dann kommt ein Anruf und macht alles zunichte. Für Gonzalo Castro hingegen wäre mit einem solchen Anruf von richtiger Stelle ein Traum in Erfüllung gegangen.

Deshalb hatte er für seinen USA-Trip im Sommer 2010 "bewusst" eine Reiserücktrittsversicherung abgeschlossen - "für den Fall, dass Bundestrainer Jogi Löw sich doch noch bei mir melden sollte". Castro hoffte vergeblich. Löw meldete sich nicht, die WM fand ohne ihn statt.

Auch 2012 hatte der Leverkusener wieder ein klein wenig Anlass zur Hoffnung. Im März, drei Monate vor dem Beginn der Europameisterschaft, hatte ihn der DFB-Coach auf der Liste. Löw sah sich ein Spiel von Bayer an, um sich einen Eindruck zu machen - "von Simon Rolfes, Andre Schürrle und auch von Gonzalo Castro".

Doch am Ende war alles wie gehabt: Eine Nominierung blieb aus. Castro durfte besten Gewissens seinen Urlaub antreten.

Motor von Levekusens Angriffsspiel

Zwei Jahre später ist der 26-Jährige noch immer Stammkraft in Leverkusen, vielleicht sogar wichtiger denn je. Im Mittelfeld hat der einstige Dauer-Allrounder endlich sein wahres Zuhause gefunden. Genauer gesagt: Auf der Halbposition, leicht versetzt neben dem zentralen Mittelfeldmann, zumeist links von ihm.

Doch im Gegensatz zu seinen Nebenmännern Simon Rolfes und Lars Bender glänzt der einstige Außenverteidiger Castro nur bedingt durch Defensivarbeit. Zwar verschiebt er gewissenhaft und arbeitet gleichsam mit im Spiel gegen den Ball, doch seine Zweikampfwerte sind durchweg schlechter als die seiner Mittelfeldkollegen.

Vielmehr ist Castro der heimliche Motor des Leverkusener Angriffsspiels und ist in dieser Rolle wertvoller denn je. In der laufenden Saison kommt Castro bereits auf sieben Assists und ist damit gemeinsam mit Franck Ribery bester Vorlagengeber der Bundesliga.

Darüber hinaus liefert er die meisten Torschussvorlagen (33) nach Sidney Sam (38) und spielt mit Abstand die meisten Pässe pro 90 Minuten (52,49). Castro treibt das Spiel unermüdlich voran, füttert das Offensivtrio pausenlos mit Bällen.

"Es gibt keinen Weg mehr zurück"

Eine Rolle, an die er sich längst gewöhnt hat: "Ich will bewusst mehr Verantwortung übernehmen. Es steht für mich außer Frage, dass ich der Mannschaft als Mittelfeldspieler am besten helfen kann", sagte er im Interview mit "11 Freunde".

Mit seinem Dasein als Außenverteidiger hat er längst abgeschlossen: "Es gibt für mich keinen Weg mehr zurück. Es wäre ein sportlicher Rückschritt, wenn ich jetzt wieder verteidigen würde." Zumal sich Castro nicht nur im Mittelfeld etabliert, sondern auch eines seiner größten Mankos abgestellt hat.

"Ich hatte früher keine Konstanz. Auf drei gute Spiele folgten drei schlechte", gesteht er. "Allerdings glaube ich, dass ich seit zwei Jahren in meinen Leistungen stabiler geworden bin."

Konstanter denn je

Tatsächlich gehören bei Castro individuelle Ausreißer in Regelmäßigkeit der Vergangenheit an. Diese Saison ist er konstanter denn je, auch wenn er bei kollektivem Versagen der ganzen Mannschaft noch nicht positiv herauszustechen weiß.

So wie gegen Manchester United, als sich der Klassenunterschied gleich zweimal knallhart bemerkbar machte. Oder gegen Frankfurt, als sich die komplette Werkself an einer taktisch hervorragend agierenden Eintracht die Zähne ausbiss.

Doch besonders vor dem Frankfurt-Spiel wusste Castro zu überzeugen. Beim 3:0 gegen Nürnberg steuerte er zwei Assists bei, in Dortmund (1:0) und San Sebastian (1:0) je einen. Zugleich agierte er abermals als Schaltzentrale für das eigene Angriffsspiel und glänzte besonders bei Real Sociedad mit einer famosen Passgenauigkeit (über 95 Prozent).

Nie ein Thema beim DFB

Trotz seiner starken Leistungen war Castro in den letzten Monaten nie ein Thema im Dunstkreis der Nationalmannschaft. Er war nicht einmal Teil öffentlicher Debatten um den DFB-Kader. Nicht einmal für die USA-Reise im Sommer, wo zahlreiche Spieler aus der zweiten und dritten Reihe eine Chance erhielten, wurde er nominiert. Seit 2007 wartet er auf einen Einsatz für die A-Nationalmannschaft.

Die mangelnde Beachtung von Seiten des DFB kennt man in Leverkusen nur zu gut. Mit Ausnahme von Sidney Sam und Lars Bender wurde zuletzt kein Bayer-Spieler mehr in die Deutsche Nationalmannschaft berufen.

Eine Angelegenheit, die weit über den bekanntesten Fall - Stefan Kießling - hinausgeht. Gleiches gilt für Bernd Leno oder Simon Rolfes, von Stefan Reinartz ganz zu schweigen. Dabei sind sie alle Leistungsträger bei einem der stärksten Zweitplatzierten der Bundesliga-Geschichte. Ein Zweitplatzierter, bei dem zwölf Deutsche diese Saison zum Einsatz kamen, der jedoch zurzeit nur zwei aktuelle deutsche Nationalspieler zählt.

Die Diskussionen über die Gründe dafür sind weitreichend. Sie reichen von dem Verweis auf das Leistungsprinzip bis hin zu dessen vermeintlich mangelnder Anwendung. Von der Beschwerde über eine fehlende Lobby beim DFB bis hin zu angeblich fehlender Qualität der Spieler. Die Wahrheit liegt womöglich in einer kaum greifbaren Grauzone.

Der Traum von Brasilien

Dennoch wirkt Castros Situation - Leistungsträger bei Bayer, keine Perspektive beim DFB - wie ein typisches Leverkusener Syndrom. Eines, das nicht zuletzt Kießling teilte. Der jedoch war die Diskussionen und das Warten auf eine Nominierung satt und kündigte von sich aus an, nicht mehr unter Löw spielen zu wollen.

Ein Weg, den Castro nicht gehen will, für den er mit seinen 26 Jahren wohl auch noch zu jung ist. Doch auch er legte sich bereits mit Löw an, als er im Oktober gegenüber "11 Freunde" sagte: "Ich finde insgesamt, dass es mehr nach Leistung gehen sollte, weniger über die mediale Positionierung."

Gleichzeitig gab er sich kämpferisch. "Der Bundestrainer wird seine Gründe haben", so Castro. "Doch was sollen wir machen? Wir haben nur eine Möglichkeit: Weiter Gas geben!"

Und so will Castro trotz seiner scheinbar aussichtslosen Position das Träumen nicht aufgeben. "Die WM ist nach wie vor mein großes Ziel, darauf arbeite ich diese Saison hin." Die Hoffnung stirbt bekanntlich zuletzt. Und zum Glück gibt es Reiserücktrittsversicherungen.

Gonzalo Castro in der Zusammenfassung

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