Borussia Dortmund im Tief

Fehlende Spezialeffekte

Von Stefan Rommel und Jochen Tittmar
Mittwoch, 25.12.2013 | 12:15 Uhr
Sportliche Krise: Der BVB geht am Stock - die Winterpause kommt nicht ungelegen
© getty
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Borussia Dortmund hat die Umstellung auf die veränderten Gegebenheiten in seinem Spiel noch nicht vollzogen. Die Winterpause könnte für den BVB und Trainer Jürgen Klopp wichtig wie nie werden.

Mit Lukasz Piszczek war bei Borussia Dortmund vor dem Jahreswechsel eigentlich gar nicht mehr zu rechnen. Der Pole hatte sich im Sommer einem operativen Eingriff an der Hüfte unterzogen und seine Rückkehr erst für 2014 angekündigt. Seit ein paar Wochen steht Piszczek aber wieder auf dem Feld - mit einer neuen Hüfte, wie manch einer scherzhaft anmerkt.

Der 26-Jährige hat fast ein halbes Jahr verloren, er legte auf Grund der vielen Verletzten beim BVB gewissermaßen einen Kaltstart hin. Das geht in den seltensten Fällen gut, fast nie erreicht der Spieler in so kurzer Zeit wieder annähernd das Niveau, das er vor seiner Verletzungspause hatte.

Lukasz Piszczek bildet da eine Ausnahme. Bei seinen wenigen Einsätzen war er immer einer der Besten, spielte als wäre er nie weg gewesen. Mit Kraft, Willen, Aggressivität und Entschlossenheit. Es ist eine frohe Kunde für den BVB, dass Piszczek wieder genauso funktioniert wie zum Ende der abgelaufenen Saison. Die schlechte Nachricht ist: Er ist damit in Borussia Dortmunds Mannschaft ein ziemliches Unikat.

Punktuelle Frustration und handfeste Krise

Schon lange nicht mehr hat die Borussia eine Winterpause so herbeigesehnt wie diese. Der Herbst hatte einige Unbilden angekündigt, die vereinzelten Niederlagen in Liga und Champions League wollte aber niemand überbewerten. Zum Ende der Hinrunde wurde aus punktuellen Frustrationen aber eine Serie, einige Medien berichten von einer handfesten Krise.

Die Partie am Samstag gegen Hertha BSC war ein Offenbarungseid, wie man ihn sich von Borussia schon gar nicht mehr vorstellen konnte. Ohne Mumm, Explosivität, Leidenschaft und Spielwitz steuerte eine ausgelaugt und überheblich wirkende Mannschaft in der zweiten Halbzeit ihrem Schicksal entgegen, trotz eines 1:2-Rückstands generierte der BVB gegen den Aufsteiger eine einzige nennenswerte Torchance.

"Das ist hart und es wird dauern, bis wir es verarbeitet haben. Wir haben es uns jetzt eingebrockt, dass wir über viele Dinge nachdenken müssen", sagte Trainer Jürgen Klopp sichtlich konsterniert. "Ich bin nach langer, langer Zeit erstmals nicht einverstanden, mit der Art und Weise, wie wir aufgetreten sind", sagte Sportdirektor Michael Zorc, "die Mannschaft hat leichtfertig zu wenig gemacht."

Hoffnung auf 2014

Also formulierte der Trainer mit eigenwilligem Verve die Hoffnung auf bessere Zeiten im neuen Jahr. "Wenn dieses beschissene Ende von 2013 mit dazu beiträgt, dass 2014 das grandioseste Jahr in der Vereinsgeschichte von Borussia Dortmund wird, würde es mir noch leichter fallen, Hertha BSC zu gratulieren."

Vor der Saison hatte Klopp eine Ahnung dessen, was seine Mannschaft erwarten würde: Noch tiefer stehende Gegner, die seiner Mannschaft zwangsläufig ein Spiel mit noch mehr Ballbesitzzeiten aufdrängen würden. Die BVB-Matrix ist schon lange kein Geheimnis mehr und mittlerweile gelingt es mehr und mehr Mannschaften, den Dortmundern über 90 Minuten Paroli zu bieten. Für die "beste Kontermannschaft der Welt" (Arsene Wenger) war es eine veritable Herausforderung - die der BVB zur Hälfte der Saison nur unzureichend bewältigen konnte.

Neben einigen schlechten Statistiken - nur Platz vier, bereits fünf Niederlagen, drei Heimspiele in Folge verloren, zwölf Punkte Rückstand zur Spitze- war es kein Zufall, dass die Borussia ihr altes Spiel immer dann voll zur Geltung bringen konnte, wenn der Gegner auch gewillt war, mitzuspielen. Die Kantersiege gegen den HSV (6:2), Freiburg (5:0) und den VfB Stuttgart (6:1) waren einem naiv-offensiven Spielstil der jeweiligen Gästemannschaft geschuldet, die Dortmund mit vollem Risiko ins offene Messer liefen.

Fehlen eines Alternativplans

Sie blieben die Ausnahme in einer durchwachsenen (Bundesliga-)Saison bis dahin. Die Borussia hatte die neuen Herausforderungen erkannt. Sie konnte sie bis zur Hälfte der Spielzeit aber noch nicht überzeugend annehmen und meistern. Hinter dem grundsätzlichen Vorhaben, mit dem sich Dortmund in den letzten Jahren ganz nach oben gespielt hat, fehlt ein verlässlicher Alternativplan, wenn sich der Gegner auf das zu Erwartende gut eingestellt hat. Die Gründe dafür sind vielschichtig, einige davon auch streitbar.

Kritiker sehen in den vielen Verletzten der Vorrunde einen natürlichen Verschleiß, den Dortmunds Powerfußball über die Jahre mit sich bringen würde. Die These ist ebenso schwer zu belegen wie auszuschließen. Tatsache ist, dass mit Mats Hummels, Neven Subotic, Marcel Schmelzer Ilkay Gündogan und Piszczek fünf tragende Säulen der Mannschaft lange ausgefallen sind. Tatsache ist auch, dass die damit verbundenen Personalrochaden einer Mannschaft, die sich zu einem gewissen Maß umorientieren und ihr Spiel anpassen musste, nicht in die Karten gespielt haben.

Die Borussia hatte erstmals in der Amtszeit von Klopp unter ihrer erneut dünnen Personaldecke zu leiden. In den Jahren davor kam der BVB auch trotz des einen oder anderen prominenten Ausfalls immer wieder noch glimpflich davon, diese Saison rächt sich aber die Maßnahme, hinter der 1A-Besetzung auch auf den Positionen 16 bis 22 nicht top besetzt zu sein.

Kein Wettrüsten mit den Bayern

Hans-Joachim Watzke hat vor einigen Tagen erst nochmals erklärt, dass der BVB nie wieder ein Wettrüsten etwa mit dem FC Bayern München mitmachen würde. Die Erfahrungen des Beinahe-Zusammenbruchs vor zehn Jahren verbieten jedwede andere Haltung. Es wurde im Sommer trotzdem teuer investiert. Allerdings nur in die Spitze.

Die Borussia sorgte für Aufsehen und auch vereinzeltes Kopfschütteln, als sie im laufenden Spielbetrieb einen vertragslosen Spieler verpflichten musste, um einem Engpass Herr zu werden. Dass Manuel Friedrich dann phasenweise aber gar nicht berücksichtigt wird, erscheint eigenartig.

Gegen die Hertha saß Friedrich 90 Minuten auf der Bank. Der junge Marian Sarr begann, wurde dann ausgewechselt und in der Innenverteidigung durch den gelernten Offensivspieler Kevin Großkreutz ersetzt. Klopp wird sicherlich Gründe für den Verzicht auf Friedrich gehabt haben - nach außen bleibt ein unglückliches Bild: Dass der Spieler dem Klub in dieser Phase womöglich doch nicht wie erwünscht helfen kann. Dass der Notfallplan auch nicht besonders greift.

Die verletzten Spieler entstammen dem Defensivsegment, wenngleich Hummels und vor allen Dingen Gündogan zwei ganz entscheidende Faktoren im Spielaufbau der Mannschaft sind. Ganz vorne hatte die Borussia in der Vorrunde kaum mit Verletzungssorgen zu kämpfen. Und trotzdem geraten einige Disziplinen noch schlampiger als besser. Die Chancenverwertung ist traditionell eine Dortmunder Schwäche. Das fiel lange nicht so sehr ins Gewicht, weil am Ende die entscheidenden Tore auf Grund der Fülle an besten Torchancen dann doch noch erzielt wurden.

Das Paradoxon Mkhitaryan

Momentan läuft da aber einiges schief und als Konstante bleibt, dass es die Borussia weiterhin nicht schafft, im Angriffsdrittel eher nüchtern und kühl statt verspielt und hektisch zu bleiben. Die Offensivspieler treffen in ihrer Gesamtheit einfach zu viele falsche Entscheidungen. Da wird gedribbelt, wo es einen simplen Pass bräuchte oder noch ein Doppelpass gesucht, wo ein klarer Abschluss angebracht wäre.

Das Offensivspiel wirkt verkopft und wird für den Gegner ausrechenbarer statt schwerer zu lesen. Genau das Gegenteil von dem tritt ein, was eigentlich geplant ist. Es fehlen die Spezialeffekte im Angriff; lediglich Robert Lewandowski liefert verlässlich ab. Der Pole wird den BVB zum Ende der Saison aber verlassen. Das Mehr an Qualität, das der BVB gegenüber fast jedem Gegner der Bundesliga immer noch hat, kommt so jetzt schon oft nicht mehr zum Tragen. Dann gelingt es auch Mannschaften wie Wolfsburg oder Berlin, den BVB zu besiegen.

Wie paradox die Lage ist, verkörpert Henrikh Mkhitaryan. Der Armenier wurde als einer der besten Umschaltspieler des Kontinents eingekauft. Allerdings blieben Zweifel, wie schnell er sich an die neue Sprache, Kultur, Dortmunds Spielstil und an die im Vergleich zur ukrainischen Liga rasante Bundesliga gewöhnen könnte. Man weiß jetzt, dass die Bedenken in die falsche Richtung zielten. Mkhitaryan hat sich erstaunlich schnell eingelebt, das Problem ist nur: Er kann seine ganz große Stärke oft nicht auf den Platz bringen.

Das Hoffen auf das zweite Jahr

In der Defensivbewegung ist der 24-Jährige ein perfekt funktionierendes Puzzleteil, seine vermeintliche Schwäche entpuppt sich als großes Plus. Aber seine Qualitäten im Umkehrspiel kommen kaum zum Tragen. Weil die komplette Mannschaft seltener in Kontersituationen kommt und stattdessen immer mehr das Spiel selbst machen muss. Damit hat Dortmund erhebliche Probleme gegen Teams, die im Zentrum engmaschig verteidigen und selbst eine gewisse Qualität mitbringen.

Exemplarisch sei die Partie zu Hause gegen den FC Arsenal genannt. Die Gunners hatten aus dem Hinspiel in London gelernt und entgegen der eigenen Strategie dem BVB den Ball überlassen. Dortmund wirkte wie gehemmt, fabrizierte ungewohnt viele technische und Passfehler und verlor am Ende 0:1. Mkhitaryan steht in der Kritik, zumeist aber zu unrecht. Der Armenier ist kein klassischer Spielmacher und auch für Nuri Sahin ist in Abwesenheit von Gündogan und Hummels die Aufgabe alleine zu groß.

Ähnlich wie Mhkitaryan verhält sich der Fall bei Pierre-Emerick Aubameyang. Dessen Schnelligkeit ist gegen tiefstehende Gegner kein Faktor, sein Passspiel auf engem Raum zu schwach. Das hat auch Klopp schon angedeutet, der dem Gabuner im Training exzellente Leistungen bescheinigt, selbige im Spiel dann aber zu oft vermisst.

Auch hier gibt es zwei Dinge zu bedenken: Wenn die Borussia wusste, dass sie ihr Spiel mehr auf Ballbesitz und Kombination- und Positionsspiel auslegen muss, wieso dann die Verpflichtungen von Mhkitaryan und Aubameyang? Andererseits wären beide nicht die ersten beim BVB; die erst in ihrer zweiten Saison in Dortmund so richtig zünden.

"Nicht das, was wir angestrebt haben"

Seine Mannschaft hätte alle Spiele in der Vorrunde auch gewinnen können, sagt Jürgen Klopp. Bis auf die Partie gegen Berlin mag man ihm sogar zustimmen. Dass einige enge Spiele nun aber anders als in den Jahren davor verloren gehen, ist nicht zu übersehen. Platz vier und der große Rückstand auf die Spitze - der mit einem Sieg der Münchener im Nachholspiel in Stuttgart auf 15 Punkte anwachsen könnte - sei "nicht das, was wir angestrebt haben", wie Sportdirektor Zorc es formuliert.

Nach dreieinhalb unglaublich erfolgreichen Jahren stagniert der BVB, unter Trainer Klopp ist es die erste Phase, in der es nicht bergauf geht. Klopp und sein Trainerteam benötigen nun Lösungen. Die Frage ist, ob der BVB bereit ist, im Winter die nötigen Veränderungen zu veranlassen. Oder erst im Sommer, wenn mit Lewandowski ein ungeheuer wichtiger Baustein im Mosaik fehlen wird und die Mannschaft ohnehin einige Veränderungen benötigt. Immerhin kommen in Hummels, Gündogan und Schmelzer auch schon bald wieder einige Verletzte zurück.

In einem Interview mit der "Rheinischen Post" zu Weihnachten formulierte Klopp seine Ziele abseits der Trainingsinhalte. "Wir dürfen nicht vergessen, dass es unglaublich viele Menschen gibt, denen es sehr wichtig ist, was wir tun. Denen müssen wir etwas geben. Wir müssen zeigen: Wir geben nicht auf. Es ist mir wichtig, dass das so bleibt", sagt er da.

Die grundsätzliche Einstellung seiner Mannschaft und die zu transportierenden Emotionen sind beim Trainer unantastbar, so viel steht fest. "Ein Fußballspiel in so einem Stadion wie unserem, das muss ein Erlebnis, ein Spektakel sein!", sagt er. "Am Ende geht es nur ums Ergebnis - aber der Weg dahin, der ist mir nicht egal."

Borussia Dortmund im Überblick

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