Mit und ohne Busquets

Von Ben Barthmann
Typisch Bayer: Die Achter Rolfes und Bender attackieren, Reinartz (l.) steht als Abfangjäger parat
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Bayer Leverkusen unter Hyypiä

Nach dem Abgang von Sascha Lewandowski wurde lange spekuliert, wie sich dies auf die taktische Ausrichtung von Bayer Leverkusen auswirken könnte. Gerüchten um ein englisch angehauchtes 4-4-2 System machte der neue Cheftrainer Sami Hyypiä schnell ein Ende, als er auch weiterhin in einem interessanten System 4-5-1/4-3-3 aufstellte.

Die dadurch aufkommenden Vergleiche mit dem FC Barcelona werden Leverkusen allerdings bei weitem nicht gerecht, denn die Werkself interpretiert ihre Formation deutlich anders als die Katalanen.

Zentral über die Flügel

Ähnlich wie Hoffenheim versucht es Leverkusen schnell und direkt über die Flügel, verfolgt dabei aber einen anderen Ansatz. Während Gisdol seine zentralen Mittelfeldspieler vom Spielaufbau entbindet, sind die beiden Achter der Werkself zentrale Elemente der Spielgestaltung.

Während der zentrale Stefan Reinartz die Zuspiele sammelt, tendieren beide Achter, in den meisten Fällen Gonzalo Castro und Lars Bender/Simon Rolfes, nach außen und bekommen die Bälle des Sechsers in den entsprechenden Halbraum gespielt.

Dort ballen sich mit den beiden offensiv ausgerichteten Außenverteidigern, den inversen Flügelspielern und eben jenen Achtern mindestens drei Spieler, die den Raum überladen und eine numerische Überzahl schaffen, die das Kombinieren durch das gegnerische Pressing erleichtert.

Als Rückpassoptionen bieten sich die Innenverteidiger an und können, durch die breite Stellung der Zentrale, weit nach vorne rücken und eine Dreierkette mit Reinartz bilden. Damit verteilt sich der Spielaufbau auf mehrere Schultern und ist somit nur schwer zu verhindern.

Der deutsche Busquets?

Diesem Umstand ist wohl auch der Vergleich mit dem FC Barcelona zuzuschreiben. Auch dort lässt sich mit Sergio Busquets immer wieder der nominelle Sechser zwischen beide Innenverteidiger fallen, um seinen Bewachern zu entgehen und die beiden Innenverteidiger weiter nach außen zu schieben.

Reinartz spielt diese Rolle bei Leverkusen, was Wolfgang Holzhäuser jüngst zu der Aussage bewegte, der Deutsche sei der Busquets von Bayer. Dieser Vergleich scheint auf den ersten Blick weit hergeholt, hält aber durchaus einer Überprüfung Stand. Sowohl in seiner gruppentaktischen Funktion als auch in seinen individuellen Eigenheiten sind bei dem Sechser der Werkself gewisse Parallelen zum spanischen Welt- und Europameister zu erkennen.

Reinartz ist extrem wichtig für die Stabilität des breiten Bayer-Systems. Bei gegnerischen Balleroberungen pressen die nächsten Spieler auf den Ballführenden und zwingen ihn so zum Weg in die Mitte, wo Reinartz seine Stärken in der Balleroberung ausspielen kann, den unter Druck oft schlampig geführten Ball erobert und ihn schnell weiterspielt.

Allerdings ist Reinartz bei weitem nicht so pressingresistent wie Busquets und auch nicht so passsicher, weshalb er sich auf einfache Zuspiele beschränkt, dabei aber kaum Fehler macht.

Kießling für die Nationalmannschaft?

Bayers Offensivspiel ist geprägt von Variabilität. Mit den schnellen und abschlussstarken Sidney Sam und Heung-Min Son, aber auch mit dem offensiv starken Castro hat die Werkself gleich mehrere Spieler in ihren Reihen, die verschiedene Positionen besetzen können.

Diesen Umstand weiß sich auch Hyypiä zu Nutze zu machen, denn der Finne setzt im Angriff gezielt auf Rochaden, um in der Defensive des Gegners für Unordnung zu sorgen.

Einer der wichtigsten Bausteine in diesem attraktiven Spiel ist Stefan Kießling. Dieser lässt sich aus der Zentrale zurückfallen und holt sich nahe dem Mittelkreis viele Bälle, die er wiederum auf die einrückenden Flügelspieler verteilt, die sogar höher stehen, als der nominelle Mittelstürmer. Durch seine starke Physis, aber auch eine ordentliche Technik kann der 29-Jährige die Bälle sehr gut behaupten und weitergeben.

Dabei ist genau dies der Punkt, der dem Stürmer des Öfteren vorgeworfen wird, wenn es um eine Nominierung für das DFB-Team geht. Kießling sei technisch nicht stark genug, nicht variabel einsetzbar. In Leverkusen beweist er regelmäßig, dass er nicht nur selbst Tore erzielen kann, sondern auch ein Auge für seine Mittelfeldspieler hat. Mehr als drei Torschussvorlagen pro Partie sprechen eindeutig für ihn.

Stefan Kießlings Aktionsradius im Spiel gegen Hannover 96 (2:0):

Hoffenheim - Leverkusen

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