Das System Freiburg

Von SPOX
Mittwoch, 16.10.2013 | 16:37 Uhr
Freiburgs Trainer Christian Streich (M.) bleibt trotz viel Arbeit und Tabellenplatz 18 optimistisch
© getty
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Die umformierte Mannschaft funktioniert noch nicht so recht, der SC Freiburg ist Tabellenvorletzter. Und trotzdem wird im Breisgau niemand nervös. Die Philosophie des Klubs ist ein Grund dafür - ein anderer sind zwei nahezu unbekannte tschechische Hoffnungsträger.

Wenn man die Verantwortlichen eines Profiklubs aufzählen soll und dabei sehr lange überlegen oder am Ende sogar passen muss: Dann ist das für den jeweiligen Verein eigentlich immer ein gutes Zeichen.

Das hat dann nichts mit Langeweile oder einer gewissen Belanglosigkeit zu tun. Es ist vielmehr ein Gütesiegel für Solidität. Wie ein Schiedsrichter, der während des Spiels nicht auffällt.

Streich ist das Gesicht

So etwa verhält es sich beim SC Freiburg und seinen Machern. Da ist der Trainer bekannt, Christian Streich hat sich in wenigen Monaten mit badischem Idiom, einer kauzig-verschrobenen Art - vor allen Dingen aber durch seine exzellente Facharbeit - in der Bundesliga einen Namen gemacht.

Er ist eher unfreiwillig zum Gesicht des SC Freiburg geworden, so wie es früher einmal Volker Finke war. Der hatte noch Achim Stocker an seiner Seite, der allenfalls dafür bekannt war, ein herzensguter Mensch und Menschenkenner zu sein.

Heute kennt außerhalb Südbadens so gut wie niemand den aktuellen Präsidenten des SCF. Fritz Keller heißt der Mann, ist im Hauptberuf Winzer und so gut wie nie in den Medien präsent. Das Amt des Sportdirektors teilen sich Klemens Hartenbach und Jochen Saier. Der eine war davor Chefscout, der andere Leiter der Fußballschule beim SCF.

"Wenn wir ein Drittel der Zeit in der Bundesliga spielen und die anderen zwei Drittel der Zeit im oberen Drittel der 2. Liga, dann haben wir als Sportclub in dieser Zeit ziemlich viel richtig gemacht", hat Volker Finke einst das Anforderungsprofil der Breisgauer umschrieben. In den letzten 20 Jahren war es sogar fast genau umgekehrt, spielte Freiburg deutlich mehr in der Bundesliga als in der 2. Liga.

Verlässlichkeit und Ruhe

Das Dogma bringt sowohl Verlässlichkeit als auch Ruhe mit sich. In Freiburg drohen keine Übersprunghandlungen. Selbst dann nicht, wenn die Mannschaft am Ende der Tabelle steht. So wie jetzt mal wieder - und damit auf den Anfangspunkt der Ära Streich zurückgefallen ist. Eine Ausnahme war die Trennung von Marcus Sorg, der von der Verantwortlichen nach einem halben Jahr für die Bundesliga als zu leicht befunden wurde.

Im musste Trainer Streich einen veritablen Bruch im Kader kitten. Zwölf Spieler gingen, elf Spieler kamen. Unter den Abgängen waren Leistungsträger wie Cedric Makiadi, Johannes Flum, Daniel Caligiuri, Jan Rosenthal und Max Kruse. Die eine Hälfte jener Stammformation, die nahezu sensationell auf Platz fünf der Tabelle abschloss und einen Startplatz in der Europa League klarmachte.

Christian Streich äußerte schon früh seine Bedenken, was besonders den Start in die neue Spielzeit anbelangte. Streichs System fußt zwar in erster Linie auf einer kollektiven Stabilität und Vertrautheit, ist ohne die entsprechenden individuellen Qualitäten der ausführenden Spieler aber auf dem hohen Niveau nicht umsetzbar.

Entwicklung nicht zu übersehen

Streich musste kompensieren und improvisieren, neue Abläufe einstudieren, seine Ideen auf das runderneuerte Personal anpassen. Darin ist er ein ausgewiesener Meister, das zeigt nicht zuletzt die trotz einiger gravierender Hakler ordentlich nach oben zeigende Formkurve seiner Mannschaft.

Freiburg hat schon längst wieder mehr zu bieten als nur rudimentär verbliebene Versatzstücke aus der abgelaufenen Traum-Saison. Einzig erfährt die positive Entwicklung in der Tabelle nicht den angemessenen Ausdruck.

Vier Punkte nach acht Spielen sind natürlich zu wenig; neben dem 1. FC Nürnberg ist der SC die einzige Mannschaft, die noch kein Spiel gewinnen konnte. In der Europa League geriet der Start mit einem Punkt aus zwei Spielen auch daneben. Streich wirkt deshalb nicht zufrieden, der Berg an Arbeit ist aber schon deutlich kleiner geworden.

Kluge Transfergriffe

Die Gefahr lag auf der Hand, dass sich die Breisgauer im Sommer auf dem Transfermarkt verheben würden. So viele Abgänge wollen kompensiert sein - zumal in Sportdirektor Dirk Dufner der dafür wichtigste Mann wenige Wochen davor nach Hannover abgezogen war.

Insofern muss man die Freiburger Einkaufspolitik jetzt schon als gelungen einstufen. Gelson Fernandes und Francis Coquelin sind sofort zu Stammspielern geworden. Felix Klaus, Admir Mehmedi und Mike Hanke sind zumindest auf dem Sprung dahin. Besonders Mehmedi macht in der Offensive einen hervorragenden Eindruck und wird von Spiel zu Spiel wichtiger.

Dazu kommen drei Quasi-Zugänge, die dem SC Freiburg in naher Zukunft einen erheblichen Qualitätsschub geben werden. Vegar Eggen Hedenstad ist wieder fit. Der Norweger hat in dieser Saison wegen Adduktorenproblemen noch kein Spiel absolviert. Noch wichtiger dürfte aber die beiden Tschechen Vaclav Pilar und Vladimir Darida werden.

Pilar und Darida als Hoffnungsträger

Pilar ist nach seinem Kreuzbandriss auf dem Sprung. In der Bundesliga hat der Flügelspieler noch gar nicht zeigen können, wie gut er ist. Der 25-Jährige ist ein Hoffnungsträger, der förmlich aus dem Nichts kommen könnte. Vorausgesetzt, das lädierte Knie hält den Belastungen des Profisports nach 14 Monaten endlich wieder stand.

Einen für Freiburger Verhältnisse richtigen Kracher hat Streich noch in der Hinterhand. Vladimir Darida ist der teuerste Einkauf der Freiburger Historie, kolportierte vier Millionen Euro sollen für den 23-Jährigen fällig gewesen sein. "Trotz der Tatsache, dass es der teuerste Transfer unserer Vereinsgeschichte ist, bewegt es sich in einem realistischen Rahmen für Freiburg", sagt Sportdirektor Hartenbach.

Er ist das fehlende Puzzlestück im Angriff, das aus der zweitschlechtesten Offensive der Liga wieder eine gefährliche Maschine machen soll. Die beiden tschechischen Unbekannten formulieren die Vorfreude auf die sportliche Zukunft.

Finanziell läuft es nach dem Einzug ins europäische Geschäft ohnehin so gut wie lange nicht mehr. Neben den Bayern ist Freiburg der einzige schuldenfreie Verein im deutschen Profifußball.

Der SCF musste in den letzten 20 Jahren keine Kredite bemühen, die Ausgaben wurden einzig mit erwirtschaftetem Eigenkapital finanziert.

Ein schuldenfreier Klub

Auch deshalb lässt es sich im Breisgau ohne den ganz großen Druck leben. Einige, wie Torhüter Oliver Baumann, können in der momentanen sportlichen Lage sogar noch etwas Positives abgewinnen. "Der Abstiegskampf hilft, mich zu entwickeln. Der Druck ist ein ganz anderer als der im Kampf um die Spitzenplätze - viel existenzieller."

So ganz freimachen vom Szenario 2. Liga kann sich aber auch Baumann nicht. Er ist mit Oliver Sorg und Matthias Ginter einer der drei begehrten Nachwuchskräfte, die Freiburg trotz stattlicher Angebote treu geblieben sind. "Für mich wäre der Abstieg ein Drama, das wäre richtig schlimm", sagt Baumann. Nur hier klaffen Vereins- und Spielersicht einmal wirklich weit auseinander.

Das ist der SC Freiburg

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