Glückwunsch zu diesem Mann

Von Stefan Rommel
Freitag, 25.10.2013 | 13:39 Uhr
Trainer Jos Luhukay (M.) entgeht nichts auf seinem bevorzugten Beobachtungsposten
© imago
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Hertha BSC ist die angenehme Überraschung der bisherigen Saison. Die Berliner überzeugen mit einem ausgewogenen System und Liebe zum Detail. Der Architekt der neuen Hertha steht an der Seitenlinie. Selbst der kommende Gegner Bayern München (Sa., 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) zollt Respekt.

Hertha BSC ist Spitzenreiter - in der imaginären Tabelle der heimlichen Bundesliga. Rechnet man die Großen Drei raus, führt der Aufsteiger nach neun Spieltagen den Rest von Deutschlands Eliteklasse an.

Bayern München, Borussia Dortmund und Bayer Leverkusen sind der Konkurrenz bereits wie erwartet enteilt. Zwischen Platz drei und Platz vier klafft nach nur neun Spieltagen eine Lücke von sieben Punkten. Den Qualifikationsrang zur Champions League belegt aber nicht Schalke 04, Borussia Mönchengladbach oder der VfL Wolfsburg, sondern Aufsteiger Hertha BSC.

Seriöser Kurs unter Luhukay

Nun hat die Hauptstadt in den letzten 20 Jahren schon so manchen Höhenflug erlebt, um danach aber nur noch tiefer wieder abzustürzen. Dieses Mal scheint die Gemengelage aber ein wenig anders. Ruhiger, zurückhaltender, vorsichtiger geben sich die Verantwortlichen.

Eben so, wie es ihr erster Angestellter seit seinem ersten Tag in einem bisweilen sehr nervösen Umfeld handhabt. Seit Jos Luhukay seinen Dienst aufgenommen hat, fährt die Hertha einen seriösen Kurs. Es wird besser geschwiegen, dafür mehr gearbeitet. Der Niederländer gibt wenig her als Sprücheklopfer.

Davon gab es in der jüngeren Vergangenheit eine ganze Menge in Berlin. Der letzte Trainer, der ein ähnlich großes Ansehen genoss wie jetzt Luhukay war Lucien Favre. Auch keiner für den Boulevard - aber ebenso erfolgreich wie jetzt der Niederländer.

Neun Trainer in weniger als drei Jahren

Zwischen Favre und Luhukay hatten acht verschiedene Trainer in nicht einmal drei Jahren in Berlin das Sagen. Einige bedienten mehr die Schlagzeilen der vielen Tageszeitungen der Hauptstadt, hatten aber ihren Laden nicht im Griff. Kaum zufällig stieg die Hertha in der Zeit zweimal aus der Bundesliga ab.

Jos Luhukay ist ein schlauer Trainer mit einem guten Gespür für die richtigen Entscheidungen selbst in schwierigen Situationen. Unfehlbar ist er deshalb aber nicht. In Mönchengladbach musste er früh nach dem Wiederaufstieg in die Bundesliga gehen.

Seine Trennung vom FC Augsburg kam sehr überraschend, angeblich hatte sich Luhukay mit Präsident Walther Seinsch, dem neu eingestellten Manager Manfred Paula und einem Großteil der Geschäftsführung innerhalb kurzer Zeit überworfen.

Nach einigen enttäuschenden Fehlgriffen von Manager Michael Preetz tat der dann im Sommer 2012 den entscheidenden Zug und holte den ausgewiesenen Aufstiegsfachmann Luhukay schnell vom Markt. Im selben Stil wie er vorher mit Mönchengladbach und Augsburg den Sprung ins Oberhaus schaffte, ging Luhukay auch die Aufgabe in Berlin an.

Bewährtes Rezept

Er holte sich vertraute Spieler ins Team, verzichtete auf große Namen und stellte den Kollektivgedanken über alles. Aber trotz des souveränen Durchmarschs in die Bundesliga schimmerte immer auch noch ein wenig Skepsis mit durch, wenn es um die Beurteilung der Leistungsfähigkeit des Teams im Vergleich mit den besten 17 Mannschaften des Landes ging.

Dass die Hertha nach neun Spielen erst zweimal verloren hat und bisher sogar weniger Gegentore kassiert hat wie zum vergleichbaren Zeitpunkt in der letzten (Zweitliga-)Saison, hätten aber wohl auch die wenigsten erwartet. Nicht einmal der Trainer selbst.

"Die Mannschaft ist sehr schnell in der Bundesliga angekommen. Das ist beeindruckend", sagte Luhukay. Die Grenze zwischen Träumerei und Realität verläuft für ihn aber in klaren Bahnen. Die Fans dürften von ein bisschen mehr träumen, sagt Luhukay. Bei einem Klub wie der Hertha ist dagegen wohl auch schwer anzureden. Intern aber hat das ausgegebene Ziel Bestand.

"Wir werden sehr nüchtern und sehr realistisch mit dieser Situation umgehen", sagt Luhukay. Im ersten Schritt bleibt der Klassenerhalt als oberste Priorität. Danach soll es in kleinen Schritten weitergehen. "Wir haben mit Hertha ein großes Ziel, und das ist nicht nur der Klassenerhalt. Wir wollen den Verein in den nächsten drei Jahren auf stabile Füße stellen", umreißt der Trainer die Vorgaben für die nahe Zukunft.

Brenzlige Phase überstanden

Dass es in Berlin nämlich auch im Handumdrehen mal ungemütlich werden kann, musste Luhukay vor wenigen Wochen erleben. Zwei sieglosen Spielen in der Bundesliga folgte die Pokalpartie in Kaiserslautern. Der DFB-Pokal ist ein sehr spezielles Thema für die Fans der Hertha. In deren romantischer Vorstellung ist ein Finale im eigenen Stadion fest verankert.

Dass Luhukay in Lautern aber nur eine abgespeckte Version seiner besten Elf auf den Platz schickte, kam deshalb gar nicht gut an. Berlin flog aus dem Wettbewerb, Luhukay hatte sich mit seiner unpopulären Maßnahme selbst in die Schusslinie manövriert. Die drei Tage bis zum nächsten Heimspiel in der Liga gegen Mainz waren ziemlich unbehaglich - seine Mannschaft entlastete Luhukay aber mit einer reifen Leistung und drei wichtigen Punkten gegen den Abstieg. Seitdem herrscht Ruhe, die Liebe für die kleinen Details kann wieder kultiviert werden.

So schnell konnte sich die Hertha in den Jahren davor nicht mehr aus einer (Mini-)Krise befreien. Auch das ist ein Schlüssel zum derzeitigen Erfolg. Die Umstellung vom sehr forschen Zweitligastil hin zu mehr Balance zwischen Offensive und Defensive ist noch nicht abgeschlossen - Berlin macht da aber enorme Fortschritte.

Gute Balance, weniger Egoismen

"Meine Mannschaft hat bisher immer offensiv ihre Qualität gezeigt. Nun zeigt sich auch ihre defensive Stabilität. Das spricht für die Reife der Mannschaft und darauf bin ich stolz", sagte Luhukay nach dem 1:0-Sieg über Favres Mönchengladbach. Auch größere taktische und personelle Umstellungen kann das Kollektiv auffangen, dazu stimmt das Klima innerhalb der Mannschaft.

"Dass hier nach zwei, drei Niederlagen jemand querschießt, kann ich mir nicht vorstellen. Wenn ich das mit unserer letzten Bundesliga-Saison 2011/12 vergleiche, muss ich sagen: Es gibt jetzt viel weniger Egoismen", sagt Torhüter Thomas Kraft in einem Interview mit dem "Kicker". Ambitionierte Reservisten wie Maik Franz, Lewan Kobiaschwili oder Tolga Cigerci ordnen sich unter, selbst der eigenwillige Ronny kommt mit seinem Status als Stand-by-Stammspieler bisher gut klar.

Rummenigge lobt Luhukay

Der Ausfall von Alexander Baumjohann (Kreuzbandriss) wurde problemlos kompensiert. Und auch dass der verliehen Pierre-Michel Lassoga in Hamburg ein Tor nach dem anderen erzielt, wird allenfalls stoisch zur Kenntnis genommen. Die Vertragsverlängerung mit Manager Preetz bis 2017 ging beinahe unter. Dabei war Preetz vor etwas mehr als einem Jahr bei Teilen der Fans noch die persona non grata. Diese Unaufgeregtheit tut der Hertha einfach gut. Das registriert längst auch die Konkurrenz.

"Die Hertha ist bis dato die positive Überraschung der Bundesligasaison. Eine Mannschaft, die sehr gut aufgetreten ist. Ich glaube, das liegt vor allem an dem Trainer, den sie haben, der einen sehr guten Job macht, der sehr gut zur Mannschaft passt", Karl-Heinz Rummenigge, Vorstandschef des nächsten Gegners Bayern München. "Jos Luhukay hat einen klaren Plan und offensichtlich auch eine hohe Qualität. Man kann dem Klub nur einen Glückwunsch aussprechen zu diesem Mann."

Glaube an eigene Stärke - keine Überheblichkeit

Die Partie bei den Bayern dürfte die entspannteste der gesamten Saison für die Berliner werden. "Am besten laufen wir mit drei Torhütern auf. Man darf nicht den Fehler machen, dort vogelwild anzurennen. Dort spielen die besten Spieler der Welt in der besten Mannschaft der Welt", sagt Innenverteidiger Sebastian Langkamp vor dem Spiel in der Allianz Arena, wo die Bayern die letzten 15 Pflichtspiele gewonnen haben und seit 35 Spielen ungeschlagen sind.

Der Glaube an die eigene Stärke ist da. Dass das im Umkehrschluss aber auch zu forschen Aussagen vor der Partie beim Rekordmeister führt - wie in den Jahren davor oft genug der Fall - wird man von dieser Hertha mit diesem Trainer so nicht hören. "Für uns wäre es ein Wunder, da etwas mitzunehmen", sagt Jos Luhukay.

Nach dem Ausnahmespiel in München warten im November drei Heim- und nur ein Auswärtsspiel auf die Hertha. Just in der Phase kam es vor zwei Jahren zum fatalen Knacks. Von Platz zehn ging es bis runter auf Relegationsrang 16. Die Gegner Schalke, Hoffenheim, Leverkusen und Augsburg waren zum Teil vor einem Jahr noch unerreichbar. Jetzt muss die Hertha vor keinem mehr Angst haben.

Das ist Jos Luhukay

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