"Bei uns ist immer Theater"

Von Stefan Rommel
Sonntag, 22.09.2013 | 22:00 Uhr
Marcell Jansen (r.) am Boden - während Bremens Spieler das 0:1 feiern
© getty
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Der Hamburger SV hat mal wieder eine turbulente Woche hinter sich - mit dem Tiefpunkt der Derby-Niederlage gegen Werder Bremen. Im Interview bezieht Marcell Jansen klar Stellung zum verkorksten Saisonstart, zu den Problemen innerhalb der Mannschaft und er erneuert seine Kritik an der Führungsschwäche beim HSV.

Frage: Herr Jansen, wie konnte der HSV in einem Derby gegen Werder so eine enttäuschende Leistung abliefern?

Marcell Jansen: Dafür gibt es kaum eine Erklärung. Bremen hat schnell gemerkt, dass wir ihnen in der Offensive nicht wirklich gefährlich werden und ihnen weh tun können. Uns hat die Durchschlagskraft gefehlt, um den Gegner zu verunsichern. Dadurch haben wir Bremen stark gemacht. Dabei wäre es wichtig gewesen, in so einem Spiel in Führung zu gehen. So konnte Bremen immer wieder auf Konter warten. Es war klar, dass es ein Spiel wird mit langen Bällen. Wir wollten auf die zweiten Bälle gehen, vielleicht über Standards gefährlich werden. Das hat leider beides nicht gut geklappt.

Frage: Der HSV hatte nach dem Rückstand noch jede Menge Zeit - die er nur in Ansätzen zu gefährlichen Aktionen nutzen konnte.

Jansen: Wir haben Werder hinten reingedrängt, aber waren nicht zwingend genug. Wir haben einen Elfmeter nicht bekommen, der einer war. Das hätte das Spiel drehen können. Aber es kommt im Moment auch viel zusammen. Insgesamt waren wir aber zu harmlos und haben es Bremen viel zu einfach gemacht, das Tor zu verteidigen. Die sind kompakt gestanden und haben wenig zugelassen. Obwohl wir uns ja nicht vorwerfen können, nicht gekämpft zu haben. Aber es fehlten die Mittel, um dauerhaften Druck aufbauen zu können. Das müssen wir wieder erzwingen und daran glauben. Sonst brauchen wir ja gar nicht erst zum Training erscheinen...

Frage: Geht jetzt für den HSV schon wieder der Abstiegskampf los?

Jansen: Den Start haben wir natürlich schon wieder komplett verhauen. Aber das kennen wir ja aus den letzten Jahren schon. Die Tabelle lügt nicht, die müssen wir jetzt so annehmen. Das war in der Vorbereitung und nach Hoffenheim und Dortmund zu sehen, dass es schwierig wird. Das Gute ist, dass man in der Bundesliga mit ein, zwei Siegen schnell wieder klettern kann. Wir müssen dafür aber über einen Sieg wieder zu etwas Selbstvertrauen kommen. Dass wir hier nach einem 2:6 in Dortmund nicht mit der breiten Brust auflaufen, war klar. Aber Werder hat auch drei Spiele in Folge verloren. Vielleicht ist es uns nicht gelungen, das Umfeld entscheidend auszublenden.

Frage: Unter anderem die ungeklärte Trainerfrage?

Jansen: Nicht nur. Allgemein ist hier schon wieder viel los. Und am Ende trifft das dann auch immer die Mannschaft. Was im Moment passiert, ist ja schlimm genug. Da müssen wir uns rauskämpfen und ich bin mir auch sicher, dass wir das schaffen. Aber ich stelle mir schon die Frage: Warum läuft es beim HSV auch in sportlich erfolgreichen Zeiten nicht rund?

Frage: Was meinen Sie?

Jansen: Ich bin jetzt sechs Jahre hier, habe in der Zeit acht Trainer erlebt. In meiner ersten Saison wurden wir Fünfter, haben in den Pokalwettbewerben eine Riesen-Saison gespielt mit zwei Halbfinals, der Klub hat einen finanziellen Überschuss erwirtschaftet. Und am Ende waren trotzdem der Trainer und der Manager weg. Ich weiß nicht, wann hier überhaupt mal Ruhe einkehrt. Bei uns ist immer Theater. Das ist ein generelles Problem, dass ich jetzt seit sechs Jahren erlebe. Da geht es um Strukturen, die Leistung aufbauen und fördern könnten - die aber nicht gegeben sind. Dann ist mal der Trainer schuld oder die Spieler, dann fehlen die Führungsspieler oder das Siegergen. Man findet immer einen Grund. Aber man geht in der Analyse nie in die Tiefe. Aber nichtsdestotrotz bleibt jetzt für uns als Spieler die Aufgabe, es im nächsten Spiel besser zu machen.

Frage: Sie weiten die berechtigte Kritik an der Mannschaft auch auf die Führungsebene aus?

Jansen: Das ist meine Analyse. Ich bin seit sechs Jahren hier und empfinde das so. Wenn man sagt: 'Wenn es läuft, ist alles ruhig', kann ich das so nicht bestätigen. Das stimmt nicht so ganz. Hier war es noch nie ruhig, es ist immer wieder etwas los. Aber das gehört zu Hamburg dazu. Ich glaube, das sind tiefliegendere Probleme, die immer wieder greifen: sowohl bei Erfolg, bei Misserfolg sowieso, da kocht alles hoch. Darüber sollte man sich insgesamt mal Gedanken machen. Ich bin trotzdem mit Leib und Seele hier, genauso wie meine Mitspieler.

Frage: Als neuer Trainer wird Bert van Marwijk gehandelt. Kann er die Probleme so schnell abstellen?

Jansen: Das ist nicht die entscheidende Frage. Wir analysieren das Spiel mit dem derzeitigen Trainerteam und lassen jetzt erstmal alles sacken. Wir müssen ja auch schnell wieder nach vorn blicken. Am Dienstag steht das Pokalspiel gegen Fürth an und dafür müssen wir positiv bleiben.

Frage: Dafür muss der HSV aber in der Offensive deutlich gefährlicher werden.

Jansen: Besonders in den Heimspielen ist das ein Problem von uns. Wir haben versucht über die Außen zu spielen mit vielen Flanken. Aber dafür fehlen die kopfballstarken Abnehmer in der Mitte. Uns fehlt allgemein die Durchschlagskraft, um ein Spiel auch mal für uns zu entscheiden. Daran müssen wir arbeiten.

Frage: Wie tief sitzt nach dem erneut verkorksten Start die Verunsicherung in der Mannschaft?

Jansen: Die ist natürlich da, das sieht man ganz deutlich.

Frage: Braucht die Mannschaft wieder eine erkennbare Handschrift eines Trainers?

Jansen: Das ist doch zu einfach, das so zu sagen. Wir hatten hier acht Trainer in sechs Jahren. Das sagt schon einiges aus. Wir müssen als Mannschaft jetzt enger zusammenrücken. Das ist das, was wir auf Anhieb ändern können.

Frage: Wird das wieder so eine schwierige Saison für den HSV wie zuletzt?

Jansen: Im Moment sieht es leider so aus. Aber wir haben letztes Jahr schon gezeigt, dass wir uns auch wieder fangen können. Da sind wir am Ende Siebter geworden. Das ist aber natürlich keine Garantie für diese Saison. Warten wir mal die Tage ab...

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