"Der Fußball hat mir alles gegeben"

Von Interview: Daniel Reimann
Freitag, 20.09.2013 | 19:27 Uhr
Fredi Bobic (r.) und Thomas Schneider scheinen eine gute Chemie zu haben
© getty
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Die letzten Wochen waren turbulent für Fredi Bobic: EL-Aus, die Entlassung von Bruno Labbadia und der Aufschwung unter Thomas Schneider. SPOX traf den Sportdirektor des VfB und sprach mit ihm über seinen Job als Laureus-Botschafter, einen echten Straßenfußballer beim VfB und Jürgen Klopps Ausraster.

SPOX: Sie sind Laureus-Botschafter und Schirmherr von "Kick for more". Was hat Sie dazu bewegt?

Fredi Bobic: Es war erst einmal eine große Ehre gefragt zu werden. Mir war wichtig, worum es dabei geht. Ich will nicht irgendwo schöne Events abhalten, sondern auch etwas Sinnvolles tun. Dann wurde mir das "Kick for more"-Projekt vorgestellt. Dabei geht es um Straßenfußballer mit Migrationshintergrund, das passt perfekt zu mir. Kinder, die nach der Schule auf den Bolzplatz gehen. Denen will ich etwas auf den Weg mitgeben. Dass man Spaß am Sport haben kann, aber über den Fußball auch Teamgeist und Disziplin erlernen kann.

SPOX: Wie genau wird das umgesetzt?

Bobic: Die Kinder spielen auf einem kleinen Feld und legen selbst genaue Regeln fest, an die sie sich halten müssen. Sie müssen sich selbst darum kümmern, dass es später auf dem Platz funktioniert. Das macht einerseits Spaß und gibt den Kids andererseits Selbstvertrauen - zum Beispiel auch für ihr Schulleben.

SPOX: War es denn diese Straßenfußballer-Idee, die für Sie ausschlaggebend war?

Bobic: Absolut, genau darum geht es. Und es handelt sich vor allem um Kinder mit Migrationshintergrund. Das ist nach wie vor wichtig und wird immer wichtiger. Das Selbstbewusstsein und den Mannschaftsgedanken, den sie über den Sport kennen lernen und aufnehmen, den nehmen sie auch wieder in die Schule mit.

SPOX: Lief es bei Ihnen früher auch so? Dass Sie über den Sport die wichtigsten Lektionen fürs Leben gelernt haben?

Bobic: Der Fußball hat mir alles gegeben. Ich habe es auf dem Bolzplatz gelernt, wir mussten alles selbst organisieren. Damals war es allerdings noch ein wenig anders. Wir hatten nicht so viele Verführungen in diesem Alter wie die heutigen Kids. Handys, Computer und so weiter... Im Fernsehen gab es damals drei Programme oder man ist nach draußen an die frische Luft gegangen. Und frische Luft bedeutete: Fußball oder auch mal Blödsinn machen. Sport war das Entscheidende, das hat mir für die spätere Entwicklung alles gegeben.

SPOX: Gibt es einen Spieler im VfB-Kader, auf den die klassischen Straßenfußballer-Attribute zutreffen?

Bobic: Definitiv Moritz Leitner, das ist ein echter Straßenfußballer. Er hat ein sehr intuitives Verhalten auf dem Platz, er spielt frech auf. Zwar ist er nicht der Größte, aber er weiß, wie man er damit umgehen und seinen Körper einsetzen muss. Das lernst du nicht in der Schule, sondern beim Kicken auf dem Bolzplatz.

SPOX: Die Jugend erfährt unter dem neuen VfB-Trainer Thomas Schneider eine größere Aufmerksamkeit, was von vielen Seiten begrüßt wird. Wie nehmen Sie diese Entwicklung wahr?

Bobic: Schon unter Bruno Labbadia wurde auf die Jugend gesetzt. Timo Werner kam unter Labbadia hoch, hat bei ihm sein Startelf-Debüt in der Europa League gegeben. Auch Antonio Rüdiger oder Benedikt Röcker aus dem aktuellen Kader. Thomas Schneider kennt die Spieler natürlich sehr gut, weil er Trainer im Jugendbereich war. Er kann sie besser einschätzen, so klappt der Sprung zu den Profis hoffentlich noch ein bisschen schneller.

SPOX: Auch Schneider selbst stammt aus dem eigenen "Nachwuchs". Haben Sie sich bei dieser Entscheidung an anderen Vereinen wie Mainz, Freiburg oder Nürnberg orientiert?

Bobic: Überhaupt nicht. Jeder Verein hat seine eigenen Prioritäten. Man muss überlegen: Was ist die richtige Maßnahme zum richtigen Zeitpunkt? Wir haben Thomas Schneider schon letztes Jahr nicht gehen lassen, obwohl er Angebote aus der Bundesliga hatte, wo er als Co-Trainer hätte arbeiten können. Stattdessen hat er bei uns einen Vierjahresvertrag unterschrieben - mit der Maßgabe, vielleicht irgendwann einmal in den Profibereich aufzusteigen.

SPOX: War Schneider also immer schon eine Alternativoption im Hinterkopf?

Bobic: Nein. Aber er war immer ein Trainer, bei dem klar war, dass er seinen Weg machen wird - und das am besten beim VfB. Dabei geht es aber nicht nur um die Profiabteilung.

SPOX: Aber es lässt sich in der Bundesliga schon ein Trend hin zu Nachwuchstrainern und weg von etablierten Namen erkennen, oder?

Bobic: Ja, das liegt allerdings an der Trainergeneration, die sich jetzt entwickelt hat. Und an der Generation der Fußballer. Die neue Trainergeneration spricht die Jungs auch auf eine andere Weise an.

SPOX: Ist es nicht für Sie als Verantwortlicher riskanter, auf ein unbeschriebenes Blatt wie Schneider zu setzen?

Bobic: Nein.

SPOX: War die Schneider-Lösung also reiner Pragmatismus?

Bobic: Nein, das ist eine Entscheidung von der wir zu hundert Prozent überzeugt sind.

SPOX: Vorgänger Labbadia wurde am Montag nach der Augsburg-Niederlage entlassen. Sie selbst standen nach dem Spiel vor den Mikrofonen und wollten sich nicht klar äußern. War Ihnen da denn schon klar, dass es zur Entlassung kommt?

Bobic: Wenn Sie ein Interview geben und die Dinge im Hinterkopf vielleicht schon wissen, dass man sich über die Situation Gedanken machen muss, dann ist doch klar: Man muss versuchen, mit Bedacht die richtigen Worte zu finden. Es war zwar eine enttäuschende Niederlage, aber in solchen Situationen muss man zuallererst einen klaren Kopf behalten und seine Strategie beibehalten.

SPOX: Sie erlauben sich in solcher Situation also keine Emotionen?

Bobic: Emotionen gehören zum Fußball dazu, sie gehören auf den Platz. Aber wenn man maßgebliche Personalentscheidungen trifft, darf man nicht auf seine Emotionen hören. Wenn man sich im Fußball nur von Emotionen leiten lässt, wird es schwierig. Dann flüchtet man sich in Aktionismus. Oder man landet zum Beispiel wie Jürgen Klopp auf der Tribüne.

SPOX: Was haben Sie gedacht, als Sie Klopps Emotionsausbruch gesehen haben?

Bobic: Mir war sofort klar, dass er runter muss. Im Europacup ist das anders als in der Bundesliga. Die europäischen Schiedsrichter greifen sehr schnell durch. Aber ich finde das gar nicht so weltbewegend. Klopp lebt auch von seinen Emotionen.

SPOX: Klopp selbst echauffiert sich oft über den vierten Offiziellen. Auch Sie werden an der Seitenlinie oft emotional. Stört es Sie auch, dass sofort der vierten Offizielle dazwischen geht, sobald man sich aufregt?

Bobic: Einerseits kann es beruhigend wirken. Andererseits gibt es auch Situationen, wo der vierte Offizielle seinen Teil dazu beiträgt, dass es unruhig wird. Im Europacup sind sie allerdings gar nicht erst ansprechbar. Mit denen kann man praktisch nicht reden, die wollen das auch nicht. Deshalb verstehe ich den Frust bei Klopp in dieser Situation. In der Bundesliga ist es eigentlich eher so, dass sie manchmal eher reden.

SPOX: Nehmen Sie das auf der Bank dann als Provokation wahr?

Bobic: Man muss versuchen, das irgendwie zu lösen. Es hat oft mit dem Spiel wenig zu tun. Es gibt ja auch lustige Geschichten, zum Beispiel dass man sich gegenseitig Sprüche drückt. Aber es gibt auch heiße Situationen, wo auch mal übertrieben wird. Da sind alle gefordert, einen angemessenen und respektvollen Umgang zu pflegen.

SPOX: Eine andere Diskussion dreht sich um die Torrichter...

Bobic (unterbricht):... die braucht man aus meiner Sicht nicht! Das habe ich schon häufiger in der Europa League gesagt. Dafür habe ich sogar schon einmal Strafe gezahlt, weil ich den einen Torrichter als Mickey Mouse bezeichnet habe.

Fredi Bobic im Steckbrief

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