Das Spiel mit den Eigenschaften

Von Andreas Lehner
Donnerstag, 12.09.2013 | 23:23 Uhr
Martinez und Schweinsteiger bildeten letzte Saison das defensive Mittelfeld beim FC Bayern
© getty
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Venlo

Ein Sechser? Zwei Sechser? Die Diskussion um die Position vor der Abwehr dreht sich beim FC Bayern vor allem ums Personal. Die entscheidende Frage ist aber eine andere.

Wer in diesen Tagen nach defensiven Mittelfeldspielern beim FC Bayern sucht, der findet sie eher in ärztlichen Praxen wieder als auf dem Trainingsplatz. Javi Martinez kuriert eine Operation an der Leiste aus, Thiago Alcantara geht nach seinem Syndesmosebandriss auf Krücken, Jan Kirchhoff hat Probleme mit den Adduktoren und Pierre-Emile Hojbjerg befindet sich nach seiner Sprunggelenksverletzung im Aufbautraining.

Gute Nachrichten kommen in solchen Momenten besonders gelegen. Eine solche war Anfang der Woche, dass Bastian Schweinsteiger das Training wieder aufgenommen hat. Der Vize-Kapitän, der die beiden Länderspiele der deutschen Nationalmannschaft wegen einer Sprunggelenksstauchung abgesagt hatte, ist schließlich die erste Option von Trainer Pep Guardiola auf dieser Position.

Schweinsteigers Einsatz fraglich

Ob Schweinsteiger im Heimspiel gegen Hannover 96 (Sa., 15.30 Uhr im LIVE-TICKER) auch die vollen 90 Minuten gehen kann, ist noch nicht endgültig geklärt. Seine möglichen Vertreter in diesem Fall hießen Toni Kroos und Philipp Lahm.

Dass beide diese Position ordentlich spielen können, zeigten sie im europäischen Supercup gegen den FC Chelsea, als zunächst Kroos und später Lahm im Zentrum vor der Abwehr agierten.

Kleine oder große Revolution?

Seit Beginn der Saison kreist beim FC Bayern Vieles um die je nach Sichtweise kleine oder große Revolution Guardiolas, die bewährte Doppelsechs aufzulösen und dafür nur einen spielstarken Mann vor der Viererkette, sowie eine offensive Vierrerreihe davor aufzustellen.

"Das System ist nicht das Wichtigste. Wichtig ist, wie die Spieler sich bewegen", sagt Guardiola. Er will, dass die Bayern durch die offensive Viererkette nach Ballverlust schneller ins Gegenpressing kommen und mehr Ballgewinne tiefer in der gegnerischen Hälfte erzielen.

Das Problem war in den ersten Spielen nur, dass die Gegner diese Linie relativ leicht überspielen konnten und so zu guten Kontermöglichkeiten kamen. Deshalb bittet Guardiola auch öffentlich immer wieder um Zeit und Geduld.

Laut "Kicker" ließ der FCB in den ersten vier Spieltagen 16 Chancen zu, im Vorjahr waren es in diesem Zeitraum nur vier. Allerdings erspielten sich die Münchner auch so viele eigenen Chancen wie in zehn Jahren zuvor nicht.

Anzahl der Sechser nicht wichtig

Einigkeit herrscht aber darin, dass in der Defensivbewegung noch Luft nach oben ist. Die Ausrichtung, ob jetzt 4-2-3-1 oder 4-1-4-1, spielt dabei nur eine untergeordnete Rolle. "Die gute Defensive hängt an der ganzen Mannschaft, nicht an der Anzahl der Sechser", sagt Jerome Boateng.

"Es sind drei zentrale Mittelfeldspieler, bei der Nationalmannschaft wie auch bei Bayern. Ob jetzt ein Sechser, ein Achter, ein Zehner. Ein Sechser, zwei Achter oder zwei Zehner - keine Ahnung, das spielt alles keine Rolle! Denn es sind einfach drei zentrale Mittelfeldspieler - und das ist das Wichtigste", konkretisiert Kapitän Lahm.

Viel wichtiger als die Zahlenspiele sind dagegen die unterschiedlichen Verhaltensweisen auf dem Platz. "Man kann es nicht immer an den Positionen festmachen, sondern an den Eigenschaften der Spieler", sagt Lahm und benennt damit den Punkt, der in der Diskussion oft zu kurz kommt.

Sonderfall Schweinsteiger

Die Bayern haben jede Menge verschiedene Variationen für die Sechserposition zur Verfügung. Guardiola kann je nach Bedarf zwischen offensiv ausgerichteten Spielern wie Thiago oder Kroos und defensiver ausgerichteten Spielern wie Martinez und Lahm wählen.

Schweinsteiger ist keiner der beiden Kategorien klar zuzuordnen. Guardiolas Vorgänger Jupp Heynckes stellte ihn auch ab und zu auf die Zehn. Die ersten Spiele unter Guardiola interpretierte Schweinsteiger seine Rolle bei Ballbesitz extrem tief. Er ließ sich zwischen die beiden Innenverteidiger fallen und verteilte von dort aus die Bälle.

Das war nicht immer erfolgreich und zielführend. Diese Rochade ist aber eine Möglichkeit, sich dem Druck des Gegners im Mittelfeld zu entziehen, im Aufbauspiel der Innenverteidiger Überzahl zu schaffen und somit das Pressing des Gegners auszuhebeln. Diese Variante nutzte Schweinsteiger auch schon im Champions-League-Finale gegen Dortmund - und wurde dafür von Matthias Sammer explizit gelobt.

Hannover ein dankbarer Gegner?

Der Sportvorstand hat für die nächsten Wochen auch die Richtung vorgegeben. Die Verletzungen seien zwar "ärgerlich, können aber nicht dazu führen, dass wir in dieser Pha­se der Saison ins Weinerliche verfal­len und sagen, der eine oder andere Spieler kann nicht zwei oder drei englische Wochen spielen."

Zumal Hannover 96 in München nicht gerade Angst und Schrecken verbreitet. In 26 Gastspielen gelang 96 ein Sieg und seit zwei Jahren ist das Team auswärts eines der schwächsten der Liga.

Dabei wäre das Hannoveraner Spiel auf schnelles Umschalten durch die Mitte nach Ballgewinnen angelegt. Eine Spielweise, mit der schon Gladbach und Freiburg den Bayern wehgetan haben. Der Sechser des FC Bayern könnte so also wieder im Mittelpunkt stehen.

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