Fussball

"Die Bayern waren mir sogar sympathisch"

Von Interview: Haruka Gruber / Andreas Lehner
Experten unter sich: Fredi Bobic (r.) im Gespräch mit Sportdirektor-Kollege Matthias Sammer
© getty

SPOX: Anfang der Woche wurden die Gewinner der Fritz-Walter-Medaillen veröffentlicht. Als Deutschlands bester U-17-Spieler wurde Ihr Stürmer Timo Werner ausgezeichnet. Kann er die Nachfolge eines Mario Gomez antreten?

Bobic: Ich mag solche Vergleiche nicht, weil sie gefährlich sind. Zu meiner aktiven Zeit gab es an jeder Ecke einen zweiten Lothar Matthäus. Sie spielten später überall, nur nicht in der Bundesliga. Timo kann einen sehr guten Weg gehen, das ist ihm selbst auch bewusst. Er ist voller Selbstvertrauen. Nur: Er ist auch unheimlich jung, ein 1996er Jahrgang. Bei allen überdurchschnittlichen Fähigkeiten weist er Defizite in Bereichen wie im taktischen Verständnis und im Defensivverhalten auf. Das ist für einen Spieler seines Alters nicht ungewöhnlich. Umso spannender wird zu beobachten sein, ob er sich an die Robustheit bei den älteren Jahrgängen und den Profis gewöhnt. Die entscheidende Frage im Übergang von der Jugend zu den Erwachsenen lautet: Wie schnell lernt ein Talent dazu? Timo bringt unheimlich gute Voraussetzungen mit, so wie viele andere aus der B-Jugend, die fantastischen Fußball gezeigt hat und Deutscher Meister wurde. Da kommen noch einige nach. Aber wir werden allen die nötige Zeit geben.

SPOX: Hilft es Werner, dass Sie und Trainer Bruno Labbadia früher zu den besten Bundesliga-Stürmern zählten?

Bobic: Das ist definitiv ein großer Vorteil für ihn. Wir reden häufig miteinander, dabei geht es nicht nur um Ratschläge von Stürmer zu Stürmer. Timo hatte zwischendurch den geraden Weg verlassen, dann wieder zurückgefunden. Wir können uns gut in ihn hineinversetzen.

SPOX: Ein weiteres großes Talent verlässt hingegen Stuttgart: Joshua Kimmich, als zweitbester U-18-Spieler ausgezeichnet, unterschrieb für eine Ablöse von 500.000 Euro beim Drittligisten RB Leipzig. Warum?

Bobic: Vorweg: Dass uns Spieler im Nachwuchsbereich verlassen, ist ganz normal. Das gehört dazu und besorgt uns nicht. Bei Kimmich speziell war es so, dass er jetzt schon unbedingt in der 3. Liga spielen möchte und diese Möglichkeit wohl in Leipzig erhält. Bei uns wäre es schwieriger, weil bei uns dort ein gewisser Stau entsteht durch gestandene Spieler und Nachwuchsspielern wie Robin Yalcin oder Rani Khedira, die in ihrer Entwicklung bereits weiter sind. Bei Vereinen, die eine gute Jugendförderung betreiben, kommt es manchmal vor, dass es auf gewissen Positionen zu einem Stau kommt. Das ist nicht weiter schlimm. Wir haben eine Rückkaufoption vereinbart, und beobachten, wie er sich weiterentwickelt.

SPOX: Die Vertragsgestaltung mit einer Rückkaufoption ist in Deutschland, anders als in Spanien, eher ungewöhnlich. Was steckt dahinter?

Bobic: Nichts Großes. Man muss bei der Vertragsgestaltung manchmal flexibel sein. Ein Ausleihgeschäft ist üblich, diesmal haben wir uns auf ein alternatives Modell geeinigt, indem wir erst Geld erhalten, um eventuell später Geld wieder auszugeben. Die Dortmunder machen das auch ganz gerne, wie am Beispiel Bittencourt und Hannover. Die Vertragsgestaltung ist wirklich egal. Viel entscheidender ist die Überlegung, wie man es schafft, Talenten Einsatzzeit zu garantieren. Wir haben Raphael Holzhauser und Kevin Stöger nach oben gebracht und trotzdem im Sommer verliehen, weil sie in ihrem Stadium der Karriere so viel spielen müssen wie möglich. Deswegen geben wir sie ab und schauen in ein, zwei Jahren, ob sich der Stau auf ihren Positionen aufgelöst hat.

SPOX: Sie sprachen Rani Khedira an. Ist er ähnlich begabt wie sein großer Bruder?

Bobic: Es gibt viele Parallelen. Optisch natürlich, auch vom Laufen, vom Bewegungsmuster. Rani hat bereits ein halbes Jahr bei den Profis trainiert, aber die Belastung nicht so gut verkraftet und kleinere Verletzungen erlitten. Dennoch wird er Spielzeiten erhalten. Was mir gefällt: Rani ist geduldig und wartet auf seine Chance. Sami war auch keiner, der von heute auf morgen durchgestartet ist, sondern er gab sich die Zeit zur Entwicklung.

SPOX: Sie selbst entwickelten sich ebenfalls: Als Spieler galten Sie anfangs als Heißsporn, bevor Sie zu einem in sich ruhenden Veteranen wurden. Als Manager sorgten Sie für einige verbale Aufreger, seit einigen Monaten treten Sie diplomatischer auf. Oder täuscht der Eindruck?

Bobic: Der Eindruck täuscht, ich werde weiterhin einen raushausen, wenn ich es für nötig halte. Das gehört dazu. Wenn mir etwas auf den Keks geht, zeige ich Emotionen. Das ist gut, solange man die Grenzen kennt. Und ohne entsprechende Äußerungen könnte das Internet und der Boulevard zumachen. Und das will doch keiner. (lacht)

SPOX: Erwarten Sie, dass die Bayern mit dem noch intensiveren Wettstreit um die Stammplätze für die Schlagzeilen sorgen werden?

Bobic: Die Frage lautet: Können sich die Bayern erneut so disziplinieren, dass sie eine Saison ohne Nebengeräusche zu Ende bringen? Das war das eigentlich Sensationelle im Vorjahr: Wie es der Mannschaft gelang, die Strömungen von außen und von innen zu ignorieren und sich nicht aufheizen zu lassen. Stattdessen - und das war das Schöne - wurde nur über den Erfolg des deutschen Fußballs geschrieben. Das war rundum positiv. Ich sage es sehr ungern: Aber in der Vorsaison waren mir die Bayern mit Ihrem Auftreten sogar sympathisch.

Fredi Bobic im Steckbrief

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