"Dortmund und Doll - das passte nicht"

Von Interview: Christoph Köckeis
Donnerstag, 11.07.2013 | 21:11 Uhr
Thomas Doll hat bei der Suche nach einem neuen Engagement keine Eile
© getty
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Ruhig wurde es um Thomas Doll: Der arbeitsuchende 47-Jährige lässt Bedacht walten. Nach Stationen bei Borussia Dortmund, dem Hamburger SV und im Ausland gedenkt er, sportlich sesshaft zu werden. Der nächste Schritt mag gut überlegt sein. SPOX traf Doll bei "Sport & Talk aus dem Hangar 7" von "ServusTV". Im Interview reflektiert er über die DDR, ein "zu jugendliches" Image, Wutreden mit Kult-Faktor, siezenden Mitspieler sowie türkische Tea-Partys.

SPOX: Herr Doll, bei der Recherche stieß ich auf das Gerücht, Sie hätten als Aktiver bei Lazio Rom die Prämien gespendet...

Thomas Doll: Ich beteiligte mich bestimmt an Aktionen für den guten Zweck. Zu sagen, ich verzichtete auf alles, soweit hänge ich mich nicht aus dem Fenster. Für mich war jedoch nie entscheidend, es öffentlichkeitswirksam zu tun. Noch heute helfe ich Menschen, die weniger Chancen hatten, denen das Glück nicht so hold war. Ich sehe mich an solchen Tagen nicht als Promi, Nationalspieler oder Profi.

SPOX: Bodenständigkeit: Ein beinahe ausgestorbenes Gut im millionenschweren Fußball. Inwiefern ist dies auf Ihre Jugendtage zurückzuführen?

Doll: Ich wurde so erzogen, übernahm lange eine Patenschaft für schwerbehinderte Kinder. In Rom besuchten wir oftmals Kliniken: Dort wurden die Kleinen am Herzen operiert. Damit in Berührung zu kommen, als Vater einer Tochter, regt die Gedanken an.

SPOX: Ihre Familie sah sich einst mit den Unwägbarkeiten der DDR konfrontiert.

Doll: Mein Vater war Politiker, Chef von Malchins Rat des Kreises. Dadurch pflegte er Kontakte in den Westen. Irgendwann bekam er ein BRD-Paket, jemand schwärzte ihn bei der Geschäftsleitung an. Drei Tage vor Weihnachten verlor er seinen Job. Eine schwierige Zeit für die Familie. Ich durfte ein halbes Jahr nicht ins kapitalistische Ausland reisen. So konnte ich etwa an einem bekannten Jugendturnier in Groningen nicht teilnehmen.

SPOX: Der Mauerfall kurbelte Ihre Karriere an: Sie wuchsen beim Hamburger SV zur festen Größe. 2004 erreichte Sie ein Hilferuf: Sie sollten die Nordlichter vor dem Abstieg retten. Nicht die besten Voraussetzungen für einen aufstrebenden Trainer, oder?

Doll: Der Verein wuchs mir sehr ans Herz. Ich war Spieler in den Anfangsjahren und am Ende meiner Karriere, danach Nachwuchstrainer. Plötzlich eröffnete sich diese Chance: Zum damaligen Zeitpunkt machte ich bei den Amateuren gute Arbeit, hatte knapp ein Jahr den Fußball-Lehrer. Da überlegte ich keine Sekunde. Wenn die Resultate nicht stimmen, hagelt es nun mal Kritik. Darauf war ich gefasst. Ich hätte es mir nie verziehen, dem Herzensverein abzusagen.

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SPOX: Die Euphorie schwappte über die Hansestadt, sie wurden zum Heilsbringer stilisiert. Es ging steil bergauf - zu steil?

Doll: Viele junge Trainer sind überaus erfolgreich. Die Mannschaft war gut besetzt, wir arbeiteten uns nach oben. UI-Cup, UEFA-Cup und Champions League. Wir verdienten uns bundesweit Anerkennung. Dagegen wehrten wir uns nicht. Wie sooft wuchsen ob der Leistungen die Begehrlichkeiten. Stützen verließen den Verein, das Team brach auseinander.

SPOX: In dieser kurzlebigen Zeit wurde ein Baum zu Ihrer Konstante.

Doll: Ach, die Eiche auf meinem Grundstück. Jeden Tag bewunderte ich sie, wenn ich aus der Garage fuhr. Sie stand da, egal ob es gedonnert oder geblitzt, geregnet oder geschneit hat. Man muss fest verwurzelt sein, darf sich von äußeren Einflüssen nicht beeindrucken lassen, um in unruhigem Gewässer seinen Mann zu stehen. Genau jene Mentalität wollte ich auf meine Jungs übertragen. Für mich, der sich auf dem Schleudersitz befand, war das wichtig.

SPOX: Nach der Entlassung beim HSV stürzten Sie sich in das Abenteuer Borussia Dortmund. Wieder als Krisenmanager, mitten in der Konsolidierungsphase. Was fanden Sie damals vor?

Doll: Als ich kam, lag der Verein am Boden. Im Umfeld herrschte Trauerstimmung. Wir starteten eine Serie. Die Spieler glaubten an sich, verinnerlichten das System. Wir beschlossen die Saison auf einem UI-Cup-Platz. Danach fanden Spieler ihre Form nicht, einige hatten ihren Zenit überschritten.

SPOX: Ein Teufelskreis...

Doll: Ja, wir schlugen uns in der unteren Tabellenhälfte herum, sind aber ins Pokal-Finale eingezogen. Letztlich passte es nicht. Es waren keine Fortschritte erkennbar. Nachdem ich ein halbes Jahr zuvor den Vertrag verlängerte, kamen Hans-Joachim Watzke und ich zum übereinstimmenden Entschluss, es sei besser, getrennte Wege zu gehen. Dortmund startete den Neuanfang, kämpfte sich nach oben.

SPOX: Zu zwei Meistertiteln und in das Champions-League-Finale. Blicken Sie neidisch zurück?

Doll: Neidisch würde ich nicht sagen: Ich finde es großartig, welche Talente hervorkamen. Die Götzes, die Kagawas, die Reus'. Dortmund agiert wie Bayern München auf technisch und taktisch höchstem Niveau. Ich hoffe nur, sie lassen Robert Lewandowski nicht ziehen. Er ist der beste Stürmer Europas. Sein Verbleib wäre ein Zeichen. Ansonsten könnte sich auch bald Mats Hummels mit dem Abschied beschäftigen. Trotzdem begeistert mich die Euphorie. Was dort entstand, war nicht absehbar.

Teil 2: Doll über die legendäre Wutrede

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