Fussball

"Deutschland ist die letzte Enklave"

Von Interview: Haruka Gruber
Max Meyer gelang bei seinem Bundesliga-Debüt für den FC Schalke 04 gleich ein Assist
© imago

Schalke-Juwel Max Meyer ist nicht nur einer der jüngsten Bundesliga-Debütanten aller Zeiten, sondern auch der erste, der das Fußball spielen beim Futsal erlernte. Naim Sassi trainierte Meyer in der Jugend und ist jetzt Futsal-Abteilungsleiter bei Wesel-Lackhausen. Mit SPOX sprach Sassi über die Bedeutung von Futsal in der Ausbildung, die Berührungsängste des DFB und prominente Futsal-Befürworter wie Lionel Messi, Zinedine Zidane oder den neuen Bayern-Trainer Pep Guardiola.

SPOX: Vor einem Monat initiierte der FC Schalke 04 eine große PR-Offensive und inszenierte neben Julian Draxler, Benedikt Höwedes und Joel Matip auch Ihren ehemaligen Schützling Max Meyer als die Gesichter des Vereins. Macht es Sie stolz, dass ein Spieler aus dem so wenig beachteten Futsal so wertgeschätzt wird?

Naim Sassi: Total! Es geht aber nicht nur mir so. In der gesamten Futsal-Szene schlägt Max' Durchbruch riesige Wellen, weil es endlich einer von uns geschafft hat. Mir persönlich bedeutet es natürlich auch sehr viel. Ich kenne Max, seit er als Zehnjähriger beim PSV Wesel-Lackhausen in meine Futsal-Mannschaft kam. Seitdem hat sich eine richtige Freundschaft zur Familie Meyer entwickelt. Ich freue mich unglaublich für ihn.

SPOX: Ist Meyer tatsächlich der erste deutsche Futsal-Spieler, der es in den Profi-Fußball geschafft hat?

Sassi: Ja, definitiv.

SPOX: Schalkes Sportvorstand und Ex-Nationalspieler Horst Heldt sagt im SPOX-Interview: "Max ist jetzt schon technisch so versiert, wie ich es nie gewesen bin." Liegt das am Futsal?

Sassi: Das sagt Max ja selbst. Und es gibt genug prominente Befürworter, die das bestätigen, wie wertvoll Futsal ist: Lionel Messi, Cristiano Ronaldo, Neymar, Zinedine Zidane, Clarence Seedorf, Bebeto, die Reihe lässt sich beliebig fortsetzen. Brasilianer, Spanier, Portugiesen, Niederländer, sie alle sagen, dass Futsal perfekt dafür ist, sich die technischen Grundlagen anzueignen.

SPOX: Von Fabio Cannavaro abgesehen spielten alle Weltfußballer des Jahres seit 1996 in der Jugend Futsal.

Sassi: Und selbst bei Cannavaro kann ich mir vorstellen, dass er sich seine für einen Innenverteidiger sehr gute Technik auch in der Halle beigebracht hat. In Italien haben sie für den Futsal nur einen eigenen Namen: Calcetto. Auch dort ist es nichts Ungewöhnliches, dass die besten Talente regelmäßig in der Halle spielen.

SPOX: Wie sah bei Meyer das Arrangement aus zwischen Fußball und Futsal?

Sassi: Max betrieb zwischen zehn und 14 Jahren beides parallel. Er spielte in der Jugend des MSV Duisburg und kam direkt nach dem Training oder einem Ligaspiel sofort zu uns gefahren, um in der Halle weiterzukicken. Bei uns gab es nur ein Ziel: Habt Spaß und arbeitet an Eurer Technik! Alles, was Max und die anderen Fußballer im Klub-Training nicht machen durften, haben wir ihnen erlaubt. Es klingt vielleicht etwas zu pathetisch: Max war beim Futsal wie ein Papagei aus der Zoohandlung, der für 90 Minuten zurück zum Amazonas gebracht wurde. Jeder spürte, dass er bei uns seine Kreativität ausleben konnte.

SPOX: Wie ein Papagei?

Sassi: In einem Futsal-Spiel hatte er sogar so einen Spaß, dass er beim Dribbling anfing zu trillern und zu pfeifen. Im Fußball wurde ihm ja verboten, zu viel zu dribbeln und den Ball zu lange zu halten, weil man in erster Linie funktionieren muss.

SPOX: Stimmt es, dass Meyer wegen seiner Futsal-Leidenschaft im normalen Fußball-Betrieb gegängelt wurde?

Sassi: Auf jeden Fall. Seinem damaligen Jugendtrainer in Duisburg gefiel das mit dem Futsal überhaupt nicht. Deswegen wurde er manchmal auch nicht aufgestellt, weil er nicht konzentriert genug wäre und diesen komischen Hallenkick macht. Zumal seine Vorstellung von Fußball war, dass jeder Spieler ein Gardemaß mitbringt und alle in Grund und Boden rennt. Ein typisch Ewiggestriger. Genauso ein Trainer einer Westfalen-Auswahl, der sich früher partout weigerte, Max zu berufen. Lustig war, dass er Max vor ein paar Monaten bei einer Gala eine Auszeichnung überreichen musste. Dabei wussten diese Leute nicht einmal, dass es Futsal heißt, sondern nannten es immer "Futzball". Wichtig für uns war es, dass in der damaligen Zeit die Eltern immer hinter uns standen und uns unterstützten und sogar Fahrschichten für Auswärtsspiele übernahmen.

SPOX: Was bringt Futsal?

Sassi: Ganz grundsätzlich gesprochen: Futsal ist die Chance, den gestorbenen Straßenfußball wiederzubeleben. Die Spanier machen es vor: Durch den Futsal gab es den entscheidenden Schritt nach vorne und sie erarbeiten sich einen Vorsprung. Nicht umsonst betonen Andres Iniesta oder Pep Guardiola immer wieder, wie wichtig Futsal für sie ist.

SPOX: Und wieso ist er so wichtig?

Sassi: Im Futsal perfektioniert man die Technik. Ein Spieler hat alle fünf Sekunden den Ball am Fuß und pro Spiel gibt es im Schnitt 70 Torraumszenen. Und durch den sprungreduzierten Ball kann er nicht so leicht wegditschen wie ein normaler Hallen-Filzball. So entwickelt sich ein ganz anderes Ballgefühl und die Spiele sind viel schneller und intensiver. Futsal fördert die Handlungsschnelligkeit, die Präzision und die Fähigkeit, sich gegen mehrere Verteidiger auf engstem Raum durchzusetzen.

SPOX: Können Sie das konkretisieren?

Sassi: Ein Beispiel: Mir sind die Fußball-Tore in der E- und F-Jugend schon zu groß. Deswegen benutzten wir in einer Futsal-Trainingsform umgedrehte Getränkekisten als Tore. Wenn man aus sieben Metern mit der Pieke in einen Kasten präzise trifft, fällt es einem viel leichter, in einem Spiel mit richtigen Toren einen Treffer zu erzielen. Arjen Robbens 2:1 im Champions-League-Finale ist ein klasssicher Futsal-Move. Wie er zum Tor zieht und den Ball einfach ganz leicht anschnibbelt und ihn an Roman Weidenfeller vorbeilegt. Das sind Elemente aus dem Futsal, wo alles auf einem viel engeren Raum stattfinden muss.

SPOX: Was ist mit den Gegenargumenten? Im Futsal wird womöglich die Technik geschult - allerdings werden Taktik und Physis vernachlässigt. Zumal der Ball und der Untergrund anders sind als im normalen Fußball, was die Umstellung erschwert.

Sassi: Das höre ich häufig von Fußball-Trainern, selbst von welchen mit A-Lizenzen. Die Gegenargumente sind für mich ein Zeichen einer verkrusteten Denke. Sie sehen Futsal nicht als Bereicherung in der Fußball-Ausbildung. Der anders beschaffene Ball hilft, ein besseres Gefühl im Fuß zu bekommen. Die Taktik ist ebenfalls perfekt, um sich ein tiefergehendes Spielverständnis anzueignen. Entgegen einiger Vorurteile haben wir in vielen Angriffen durchdefinierte Spielzüge, die teilweise so komplex sind wie im Basketball. Es ist für die jungen Spieler eine Möglichkeit, sich mit Spaß dem Thema Taktik zu nähern. Selbst den Punkt mit der Physis verstehe ich nicht. In der ersten spanischen Futsal-Liga tragen die Spieler sogar Mundschutz. Es heißt zwar, dass Futsal eine körperlose Sportart sein soll, aber es geht zu wie im Basketball. Wer sich im Futsal durchsetzt, ist tough.

Teil II: Futsal in Deutschland? "Die Klubs sind der Schlüssel"

Werbung
Werbung
Werbung
Werbung