Gefährliche Beziehungskrise

Von Stefan Rommel
Montag, 11.02.2013 | 12:00 Uhr
Tristesse vor halbleeren Rängen: Der VfB Stuttgart steckt mal wieder in der Sinnkrise
© Getty
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Nach fünf Niederlagen in Folge brennt es mal wieder beim VfB Stuttgart. Trainer Bruno Labbadia und Sportdirektor Fredi Bobic bekommen die Wankelmütigkeit ihrer Mannschaft einfach nicht in den Griff. Vieles erinnert an frühere Schwächephasen. Es gibt aber einen ganz entscheidenden Unterschied.

Von den vielen unerfreulichen Statistiken, mit denen sich der VfB Stuttgart derzeit rumplagen muss, ist diese die vielleicht bedenklichste: Die Stuttgarter standen noch nie im Verdacht, Mitbegründer nachhaltiger Defensivstrategien zu sein.

1:4! Stuttgart mit Heimdebakel gegen Bremen

Genauso verlässlich wie Stuttgarter Gegentore waren bisher aber auch immer eigene Treffer. Es ist halt immer was los, wenn der VfB ein Spiel bestreitet. Das ist eine schöne Tradition seit dem Wiederaufstieg vor über 30 Jahren.

Derzeit spielt der Verein für Bewegungsspiele aber eine reichlich konfuse Saison. Konfus deshalb, weil mittlerweile niemand mehr so recht weiß, was er mit dieser Stuttgarter Mannschaft anfangen, geschweige denn, wie er sie einschätzen soll.

Das Torverhältnis ist in der Bundesliga immer noch das zweite Ausschlusskriterium nach der Punktausbeute. Am Ende handelt es sich zwar nur um diesen einen imaginären Punkt, der ja streng genommen gar keiner ist.

Wenn aber beim VfB Stuttgart in einer Saison die Zahl der erzielten Treffer deutlich unter der der Gegentore liegt, stimmt etwas gewaltig nicht. Minus 16 Tore weist die Tabelle derzeit aus. Und ob nun die jämmerlichen erzielten 23 oder die bereits kassierten 39 Tore schlimmer sind, sei dahingestellt.

Historische Negativserie

Tatsache ist, dass der VfB die zweitschwächste Abwehr hat und nur vier Mannschaften weniger Tore erzielt haben. Das mündet dann in einer Serie wie seit 25 Jahren nicht mehr. Fünf Niederlagen in Folge sind es schon. Bis auf das Spiel gegen die übermächtigen Bayern allesamt gegen Gegner eingehandelt, die eigentlich in derselben Preiskategorie unterwegs sind wie der VfB - oder sogar darunter.

Also begibt man sich in Stuttgart wieder einmal auf die Suche nach Fehlern. Vordergründig waren dies in den letzten Spielen individuelle Aussetzer, die die Punkte kosteten. Das ist allerdings nur die halbe Wahrheit. Diese Fehler passieren nicht nur aus Unachtsamkeiten oder fahrlässigen Schlampereien.

Sie sind Ausdruck einer gespenstischen Unsicherheit selbst gestandener Spieler. William Kvist ist einer der wichtigen Spieler im Kader, vielleicht ist der Däne der wichtigste Feldspieler, den der VfB hat. Kvist ist in Normalform der einzige Stratege im Team. Derzeit ist er nur ein weiterer Risikofaktor.

Nur Versatzstücke, kein Kollektiv

Sein Fehler gegen Werder Bremen ist ein Sinnbild der Stuttgarter Verhältnisse im Moment. Kvist ist nicht aufmerksam, spürt den nahenden Petersen in seinem Rücken nicht. Es findet sich aber auch kein Kollege, der den Dänen warnt. Mechanismen, die in einer funktionierenden Mannschaft wie von selbst greifen, kann der VfB nicht vorweisen.

"Wir stecken uns bei solchen Dingen gegenseitig an", sagt Bruno Labbadia. Er muss es wissen, er ist der Trainer dieser Mannschaft. Seit über zwei Jahren steht Labbadia der Mannschaft vor. Im Dezember 2010 hat er einen unstrukturierten Haufen übernommen, ganz tief im Keller der Tabelle.

Im Februar 2013 zerbröselt ihm gerade eine Mannschaft in ihre Einzelteile, die ein planvolles Handeln nur in Versatzstücken zeigt, als Komplettpaket aber den eigenen Ansprüchen im Moment nicht im Ansatz entspricht.

Die vollzogenen oder geplanten Zukäufe von Spielern wie Kiko Macheda, Alexandru Maxim oder Sercan Sararer zeigen die Richtung an: Alle drei sind Spieler, die spielerisches Potenzial haben, günstig zu haben und jung sind. Schon bald soll es wieder richtigen Angriffsfußball in Stuttgart geben.

Warten auf Stuttgarter Fehler

Manager Fredi Bobic hat Recht, wenn er auf jeweils starke Phasen seiner Mannschaft zu Beginn beider Halbzeiten gegen Bremen hinweist. Allerdings brachte Stuttgart auch in diesen "Hochphasen" nur das auf den Rasen, was die Mannschaft nun schon seit über einem Jahr gut kann: aggressiv anlaufen, früh nach vorne nachschieben, schnell umschalten.

Resultiert daraus kein Treffer, kann man jedem einzelnen Spieler förmlich beim Grübeln zusehen. Dann folgen klassische Niederlagen wie in Düsseldorf oder gegen Bremen: Niederlagen einer Mannschaft auf der Suche nach sich selbst oder zumindest nach klaren Anhaltspunkten für den Ernstfall.

Weder die Fortuna noch Werder haben ihre Spiele gegen den VfB gewonnen. Stuttgart hat sie beide von sich aus verloren. Es genügt dem Gegner im Moment, auf die unweigerlich kommenden Stuttgarter Fehler zu lauern. Verletzungen, Sperren, Nationalmannschaftsabstellungen, späte Zukäufe von Spielern - das alles sind Mosaiksteinchen eines desaströsen Starts in die Rückrunde.

Alarmierende Zuschauerzahlen

Sie verantworten aber das Kernproblem nicht: Es wird viel geredet von Wegen, die es zu beschreiten gilt. Nur müsste dafür ein starker Mann im Verein auch mal einen klaren Weg definieren. Die Frage ist nicht erst seit gestern, wofür der VfB Stuttgart eigentlich steht. Wie wohl jeder andere Klub auch wünscht sich der VfB eine leidenschaftliche Mannschaft, die im besten Fall schön und erfolgreich Offensivfußball spielt.

Nur mit ein paar Worthülsen aus dem Public-Relations-Bausatz ist aber niemandem geholfen. Hier sind Trainer, Manager, Aufsichtsrat und auch - oder vielleicht in erster Linie - Präsident Gerd E. Mäuser aber in der Pflicht. Der Trend ist gefährlich. Gegen Bremen waren 37.000 Zuschauer gekommen, eine alarmierende Zahl.

Gleichgültigkeit statt Leidenschaft

Eigentlich noch viel schlimmer war aber die Reaktion der Zuschauer auf das 1:4. Nach der Partie reichte es noch nicht einmal mehr für ein Pfeifkonzert. Das mögen manche als gutes Signal werten, dass man dem Team eben noch Zeit lässt.

Vermutlich ist es aber der Tod einer jeden Beziehung zwischen Mannschaft und Fans: Wenn die Leidenschaft der Gleichgültigkeit weicht, zielen alle weiteren Anstrengungen ins Leere.

Das ist es, was den Machern zu denken geben sollte. Das Team und seine Fans laufen aber im Moment nur nebeneinander her. Jetzt vertrauen sie in Stuttgart darauf, dass auch dieses Mal wieder alles gut wird. Mit kritischen Situationen kennt sich der VfB ja aus. "Wir können uns jetzt im Grunde nur selbst da wieder rausholen", sagt Labbadia. "Wir kennen die Situation. Aber das ist wieder ein Kraftakt."

Am Wochenende muss der VfB nach Hoffenheim. Die Fans definieren diese Partie nicht als Derby, der stark alimentierte Nachbar bietet aber trotzdem genügend Reibungspunkte für die Anhänger. Das Hinspiel vergeigte der VfB zu Hause mit 0:3. Man kann in so einer Partie das Feuer neu entfachen. Nur muss das jetzt auch dem Letzten klar geworden sein.

Das ist der VfB Stuttgart

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