"Der Dortmunder Fußball gefällt mir besser"

Von Interview: Haruka Gruber
Sonntag, 03.02.2013 | 11:22 Uhr
Ulf Kirsten und Bernd Schneider standen 2002 im Champions-League-Finale
© Getty
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Sie prägten einst eine Ära bei Bayer Leverkusen und standen für großartige Erfolge, die den Werksklub 2002 sogar ins Champions-League-Finale spülten. Doch Bernd Schneider und Ulf Kirsten sind auch von der aktuellen Mannschaft beeindruckt. Kirsten nennt den Hauptverantwortlichen, Schneider lobt einen Spieler. Vor Bayers Heimspiel gegen Dortmund (17.15 Uhr im LIVE-TICKER) sprechen beide auch über die Tabellensituation.

SPOX: Ihr ehemaliger Mitspieler Carsten Ramelow sieht in Leverkusen den einzig ernstzunehmenden Verfolger des FC Bayern. Sie auch?

Ulf Kirsten: Nein, die Bayern sind zu stark, um ihnen wirklich Konkurrenz zu machen. Da fehlt Leverkusen womöglich die Tiefe auf der Bank, obwohl man diese Saison von größeren Verletzungen verschont wurde. Vielleicht kommt im Sommer ein Umdenken und der Klub investiert auch in die Breite. Dass Leverkusen dennoch so weit oben steht, ist umso höher zu bewerten. Die Mannschaft ist intakt, die Spieler verstehen sich. Ich glaube: Sie können Platz zwei bis vier locker bis zum Saisonende halten.

Bernd Schneider: Da stimme ich Ulf zu: Die Leverkusener treten so stabil auf, dass sie das durchziehen. In der Form hätte ich das nicht erwartet. Ich habe sie schon in den internationalen Plätzen gesehen, aber es ist erstaunlich, wie sie die Ambitionen auf die Champions League Woche für Woche untermauern und souverän in die Europa-League-Zwischenrunde einziehen. Man sieht ganz klar die Handschrift des Trainerteams Hyypiä/Lewandowski.

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Kirsten: Wobei man sagen muss: In dem Konstrukt gehört Sami Hyypiä die klare Nummer eins in der internen Hackordnung. Er ist der Chef und die beiden Co-Trainer, Sascha Lewandowski und Jan-Moritz Lichte, arbeiten ihm sehr gut zu. Diese Aufgabenteilung funktioniert offenbar sehr gut: Hyypiä war selbst ein Weltklassespieler, dem als Trainer natürlich noch die Erfahrung fehlt. Die beiden Co-Trainer hingegen sind seit Jahren in dem Job und können ihn beraten.

SPOX: Bayer ist bekannt für seine attraktive Spielweise. Allerdings setzt die Mannschaft in dieser Saison mehr auf Effizienz und Konterfußball. Wie sehen Sie das?

Schneider: Es stimmt, die Philosophie hat sich verändert und es wird nicht mehr der Hurra-Fußball gespielt, den man sonst von Leverkusen kennt. Wobei ich dieses Umdenken gut finde. Nach dem Saisonstart und den Auswärtsniederlagen in Frankfurt und Dortmund zog das Trainerteam die richtigen Lehren und fand mit den drei Sechsern im Mittelfeld die richtige Aufstellung, um die vielen Großchancen des Gegners zu minimieren. Man merkt, dass die Mannschaft durch diese neue Fokussierung auf die Defensive selbstsicherer geworden ist.

Kirsten: Manchmal ist es besser, kontrollierter und ergebnisorientierter zu spielen, um die bestmöglichen Ergebnisse zu erzielen. Wir haben vor 10, 15 Jahren tollen Fußball geboten, aber uns gelang nie der große Wurf. Trotzdem muss ich zugeben: Mir gefällt der Fußball von Dortmund schon besser. Im Grunde ist es nicht zu vergleichen mit dem, was Leverkusen spielt.

Schneider: Da muss ich einhaken: Ich schaue gerne Leverkusen zu, das macht mir weiterhin großen Spaß. Natürlich ist die Grundausrichtung etwas vorsichtiger, jedoch sind im Dreier-Mittelfeld alle in der Lage, nach vornezustoßen und den sauberen Pass zu spielen, egal ob es Lars Bender, Simon Rolfes, Stefan Reinartz oder Jens Hegeler ist. So kommen immer wieder gelungene Szenen zustande und aufgrund der Vielseitigkeit fällt es dem Gegner schwer, sich einzustellen.

SPOX: Gonzalo Castro verkörpert wie kein anderer diese Vielseitigkeit. Er kam in dieser Saison im Mittelfeld zum Einsatz, fand allerdings als Rechtsaußen seine offenbar ideale Position.

Ulf Kirsten: Gonzo ist ein fantastischer Fußballer, der seine neue Position super angenommen hat. Er erledigt seine Aufgabe sehr ordentlich und hat sogar gelernt, Tore zu schießen, was für ihn eigentlich sehr untypisch ist. Er hätte es verdient, wieder in die Nationalmannschaft berufen zu werden.

Bernd Schneider: 6 Tore und 5 Vorlagen sprechen für sich. Es ist eine klare Entwicklung bei ihm erkennbar. Wir kennen ihn schon lange, damals wurde er als Teenager zu den Profis hochgezogen, um mit uns zu trainieren. Sein Anspruch muss sein, ein fester Teil der Nationalmannschaft zu sein. Es gibt nur wenige, die auf einem so hohen Niveau als Rechtsverteidiger, Linksverteidiger, defensiver Mittelfeldspieler, offensiver Mittelfeldspieler oder wie jetzt als Rechtsaußen spielen können.

SPOX: Bei der Kadernominierung fürs Testspiel in Frankreich fehlte neben Castro mal wieder Stefan Kießling, mit 13 Toren bester deutscher Stürmer der Saison. Verstehen Sie Bundestrainer Jogi Löw?

Schneider: Die Bilanz spricht für ihn, absolut richtig. Er ist ein ganz eigener Spielertyp, der sich für die Mitspieler zerreißt, alles für die Mannschaft gibt, Zweikämpfe sucht, eine unglaubliche Laufbereitschaft mitbringt. Andererseits sehe ich die Klasse in der Nationalmannschaft und wie schwierig es ist, jemanden zu verdrängen: Miroslav Klose, Mario Gomez, selbst Lukas Podolski kann ganz vorne spielen. Ich würde es mir wünschen, dass Kies nominiert wird. Andererseits hängt es davon ab, mit wie vielen echten Stürmern Jogi Löw für die WM 2014 plant.

Kirsten: Ich sehe es etwas anders: Als Außenstehender ist es nicht zu verstehen, dass Kies gar keine Chance mehr bekommt. Er ist aus der Mannschaft nicht wegzudenken, die in der Bundesliga auf Platz zwei liegt. Es ist grandios, was er die gesamte Saison abliefert. Er muss wieder in die Nationalmannschaft, das hätte er sich absolut verdient.

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