Erinnerungen an gestern

Von Stefan Romnmel
Freitag, 22.02.2013 | 18:38 Uhr
1975: Borussias Torjäger Jupp Heynckes verdingt sich als Ballschlepper
© imago
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Das Spiel gegen Werder Bremen (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) wird für Jupp Heynckes zu einem Meilenstein. Der Bayern-Trainer blickt zurück auf eine imposante Karriere, nimmt die Aufgeregtheiten um seine Person aber gewohnt gelassen zur Kenntnis.

Am Tag vor dem großen Tag präsentierte sich Jupp Heynckes ziemlich lässig. Wie er bei der abschließenden Pressekonferenz vor dem Spiel gegen Werder Bremen auf dem Podium saß, mit einem poppigen Kapuzenpulli des Ausrüsters im Kontrast zu seiner ansonsten reifen Erscheinung.

Wie zum Beweis dafür, dass er Vergangenheit und Gegenwart des deutschen Fußballs verkörpert wie sonst wohl kein Zweiter.

Inoffizieller Rekordhalter

Josef Heynckes, den alle Welt Jupp nennt, wird am Samstag das 1000. Bundesligaspiel seiner Karriere bestreiten. In über vier Jahrzehnten hat Heynckes die Partikel zu diesem Gesamtkunstwerk gesammelt und diese imposante Zahl geschaffen. Vom ersten Auftritt am 14. August 1965 beim 1:1 gegen Borussia Neunkirchen bis heute.

"Eigentlich bin ich ja schon Rekordhalter, nimmt man meine 302 Spiele auf der Bank im Ausland noch dazu", witzelte Heynckes in Anspielung auf Otto Rehhagels 1031 Einsätze als Spieler und Trainer in der deutschen Eliteklasse.

Heynckes war, anders als Rehhagel, schließlich auch neun Jahre in Spanien und Portugal tätig.

Aussicht auf neue Rekorde

Heynckes ist der Beweis dafür, dass in einem enorm beschleunigten Geschäft auch der Spagat zwischen Erfahrung und Aufbruch gelingen kann. Heynckes hat ungeheure Meriten vorzuweisen, er hat als Spieler und Trainer nahezu alles gewonnen. Ein Dutzend Titel sind notiert, dazu kommen persönliche Titel wie der zweimalige Gewinn der Torjägerkanone.

Und im Moment ist Heynckes dabei, der nicht eben unspektakulären Geschichte des FC Bayern ein paar neue Episoden hinzuzufügen. Die beste Saison aller Zeiten ist es derzeit, mit der Aussicht auf das erste Triple der Vereinsgeschichte am Saisonende.

Das ist es, was ihn um- und antreibt. Der Trubel um seine Person interessiert ihn eher nebensächlich. Sein Jubiläum beschäftige ihn nicht so viel, sagt Heynckes. Vielmehr "bereite ich mich seit Mittwoch schon auf den kommenden Gegner vor". Seine Auftritte in der Öffentlichkeit haben immer etwas Unaufgeregtes, er hat sich das im Laufe der vielen Jahre angeeignet.

Highlights und Enttäuschungen

Und so bleibt er auch trotz mehrmaliger Nachfrage und der Gewissheit von 15 Punkten Vorsprung auf den "Verfolger" Borussia Dortmund sachlich-nüchtern in seinen Ausführungen. Auch das musste er lernen, sogar in dieser überaus erfolgreichen Spielzeit bisher.

Matthias Sammer war im Sommer für die Medien der neue Anziehungspunkt, vor wenigen Wochen rückte die Verpflichtung von Josep Guardiola in den Fokus. Beide Male schien Heynckes in der Wahrnehmung nur noch auf Platz zwei. Gestört hat ihn das, bis auf eine Reiberei mit Sammer nach dem Hinspiel gegen Bremen, nicht.

Dafür hat er zu viel erlebt in den letzten vier Jahrzehnten. "Positives, wie Negatives. Viele Highlights, aber auch Enttäuschungen", wie er am Freitag nochmals betonte. Er hat auch schwierige Zeiten durchleben müssen. Den Rauswurf einst in München, von dem Uli Hoeneß bis heute noch sagt, es sei der größte Fehler seiner Laufbahn gewesen.

Oder die Demission bei Eintracht Frankfurt, wo sich Heynckes erst mit den Stars, später dann mit den Fans und den Verantwortlichen angelegt hat. Oder in Madrid: Unmittelbar nach dem Gewinn der Champions League musste Heynckes gehen.

Erstes Monatsgehalt: 160 D-Mark

Im Rückblick bleiben aber vor allen Dingen die schönen Momente in Erinnerung. Die Meisterschaften, die Titel, klar. Besonders aber die ersten Jahre bei Borussia Mönchengladbach. Der Aufstieg in die Bundesliga, die Fohlen-Elf. "Wir waren eine unbekannte Mannschaft damals und blutjung. Das waren Spaß, Freude, Emotionen, einfach traumhaft", sagt Heynckes.

160 Deutsche Mark verdiente er damals im Monat, das normale Gehalt für einen Lizenzspieler. Vielleicht war es auch deshalb eine so unbeschwerte Zeit.

"Ich wollte immer Profi werden, schon als kleiner Junge habe ich davon geträumt. Und dann habe ich später wirklich in großen Mannschaften gespielt." Die erste deutsche Meisterschaft mit der Borussia vergesse er nie, "wir waren damals in Deutschland in aller Munde."

Ehrung vor der Partie

Den Bogen in die Gegenwart zu schlagen fällt ihm leicht. Heynckes hat mit 67 Jahren zwar schon ein fortgeschrittenes Alter erreicht. In der Sache ist er aber jung geblieben. Er hat sich angepasst, geht mit den Trends, ohne diese blind zu überbewerten.

Mit "Powerpoint statt Edding" gestalten sich die Mannschaftbesprechungen bei den Bayern. Die Spieler heute würden gewissenhafter und intensiver arbeiten als die seiner Generation. Die Vorbereitung auf den jeweiligen Gegner sei aufwändig und zeitintensiv, sagt Heynckes. Aber vor allen Dingen: perfekt.

So wie früher, als sein Mentor Hennes Weisweiler noch das Sagen hatte, wäre das heute gar nicht mehr möglich. "Als ich Spieler war, haben uns immer zwei, drei Journalisten im Mannschaftsbus begleitet", erinnert sich Heynckes.

"Die saßen beim Essen dabei, waren mit Weisweiler unterwegs. Wenn die alles geschrieben hätten, was sie mitbekommen haben, hätten sie dafür den Pulitzer-Preis bekommen."

Am Samstag wird er unmittelbar vor der Partie gegen Werder geehrt werden. "Er hat es sich verdient, dass wir ihn da auch mal besonders feiern", sagt Vorstandsboss Karl-Heinz Rummenigge.

In München neigt sich Heynckes' Zeit dem Ende entgegen. Wehmütig wird er deshalb aber (noch) nicht. Im Gegenteil: Er hoffe, dass "noch viele Spiele dazukommen werden." Rehhagel auch offiziell einzuholen, den Rekord weiter auszubauen - das kann ja auch nicht schaden.

Das ist der FC Bayern München

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