Dortmunds Manager Michael Zorc im Interview

"BVB CL-Favorit? Das ist Mumpitz"

Von Interview: Jochen Tittmar
Mittwoch, 19.12.2012 | 13:08 Uhr
Dortmunder Erfolgsgespann: Michael Zorc (l.) und Geschäftsführer Hans-Joachim Watzke
© Getty
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In der abgelaufenen Bundesliga-Hinrunde hat Borussia Dortmund ein paar unnötige Punkte abgegeben. Die schwere Aufgabe in der Champions-League-Gruppenphase wurde jedoch sensationell gut gelöst. Im Interview zieht BVB-Sportdirektor Michael Zorc ein Fazit und spricht zudem über das einstige Interesse an Erik Lamela, Celtic Glasgow als Achtelfinalgegner in der Königsklasse und die Aussichten im Verhandlungspoker mit Robert Lewandowski.

SPOX: Herr Zorc, Anfang des Jahres haben Sie nach langer Zeit mal wieder einen zweistelligen Millionenbetrag für einen Transfer in die Hand genommen. Wie war's denn für Sie als Manager, im Werben um Marco Reus entscheidend mitmischen zu können?

Michael Zorc: Es war schon ein gutes Gefühl, diese Idee zu entwickeln, voranzutreiben und den Transfer am Ende auch tatsächlich realisieren zu können. Marco hätte ja zu vielen der besten Klubs in Europa gehen können. Dass er sich für uns entschieden hat, hat mich persönlich sehr gefreut und uns als Verein wiederum darin bestätigt, dass wir einen solchen Transfer auch stemmen können. Rückblickend betrachtet haben wir mit ihm alles richtig gemacht.

SPOX: 2011 überlegte man, den nun beim AS Rom spielenden Erik Lamela für eine ähnlich hohe Ablösesumme zu verpflichten. Man entschied sich jedoch dagegen, da es zu viele Unwägbarkeiten gab. Waren diese Unwägbarkeiten nur deshalb zu viel, weil sie bei der Persönlichkeit von Reus nicht beinhaltet waren?

Zorc: Da spielte auch unsere eigene Entwicklung mit hinein. Der Transfer von Lamela wäre in dieser Größenordnung damals womöglich noch etwas zu früh gekommen. Unsere wirtschaftliche Situation hat sich ja seitdem deutlich zum Positiven verändert. Die Voraussetzungen vor dem Reus-Transfer waren andere, weil wir wussten, dass wir diese 17,1 Millionen Euro Ablöse problemlos bezahlen können.

SPOX: Wie konkret sah denn damals Ihre Recherche in Sachen Lamela aus, wie eng war der Kontakt und wie weit die interne Diskussion?

Zorc: Wir haben ihn beobachtet und rein sportlich als sehr interessant bewertet. So fing es an. Dann wurden auch die entsprechenden Gespräche geführt, aber eben nicht finalisiert.

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SPOX: Seit Juli gehört Reus nun dem Dortmunder Kader an. Wie fällt Ihr sportliches Fazit seitdem aus?

Zorc: In der Champions League haben wir die Erwartungen übererfüllt, überragende Spiele abgeliefert und sowohl durch die Art und Weise als auch durch die Ergebnisse in ganz Europa auf uns aufmerksam gemacht. In der Liga stehen wir aktuell auf einem Platz (Rang drei, d. Red.), der unser Saisonziel - die direkte Champions League-Qualifikation - garantieren würde. Dennoch haben wir das Gefühl, dass wir mehrere Punkte liegen gelassen haben. Insgesamt war die Bundesliga-Hinrunde zwar nicht überragend, aber sie war in Ordnung.

SPOX: Ist das Abschneiden in der Bundesliga den glanzvollen Auftritten in der Königsklasse geschuldet?

Zorc: Vielleicht ein wenig. Aber nicht wegen der hohen körperlichen Belastung, sondern eher aufgrund der gestiegenen Aufmerksamkeit, die natürlich auch die Gruppenauslosung mit sich brachte. Ich denke, davon kann sich keiner frei machen, auch wir als Verantwortliche nicht. Wenn man gegen Manchester City und Real Madrid spielt, beschäftigt man sich nicht nur 90 Minuten lang mit solchen Partien. Das sind ja fast schon Länderspiele (lacht).

SPOX: Hans-Joachim Watzke meinte kürzlich, dass die Spieler im Vorjahr teilweise zu touristisch an die Champions League herangegangen seien. Teilen Sie seinen Eindruck?

Zorc: Es hat mitunter vielleicht so angemutet. Fakt ist aber: In der Champions League spielen Erfahrungswerte eine ganz entscheidende Rolle. Deshalb haben wir ganz bewusst auf unsere Mannschaft gesetzt. Im Sommer gab es ja auch Ratschläge, wir sollten doch besser Erfahrung einkaufen, um nicht zu floppen. Wir waren aber vollkommen davon überzeugt, dass dies ohnehin nicht passieren würde. Schauen Sie sich die Interviews vom Anfang der Saison an: Wir waren sicher, uns besser zu präsentieren.

SPOX: Auch noch nach der Auslosung?

Zorc: Da hatte ich natürlich ein, zwei Tage lang ein Grummeln im Magen und war nicht unbedingt sofort sicher, dass wir souverän Gruppenerster werden würden. Viel wichtiger war uns jedoch, diese negativen Erfahrungen aus dem Vorjahr und sogar aus der Saison in der Europa League bewusst mitgenommen zu haben, um uns auch dadurch zu verbessern.

SPOX: Ist die Entwicklung der Mannschaft auf internationalem Parkett so etwas wie das heimliche Saisonziel?

Zorc: Natürlich war es ein Saisonziel, international zu überwintern. Das haben wir auch noch nach der Auslosung so verkündet. Es ist aber nicht unser Hauptsaisonziel. Die Bundesliga wird immer unser wichtigster Wettbewerb sein. Das werden wir in der Rückrunde auch untermauern.

SPOX: Anders ausgedrückt: Wie wichtig war es für das Selbstverständnis des Vereins, das brach liegende internationale Renommee wieder mit Leben zu füllen?

Zorc: Es ist viel wichtiger, dass wir uns in den nächsten Jahren nachhaltig auf dieser Plattform bewegen und etablieren. Das ist unsere Herausforderung. Wir nehmen diese aktuelle Aufmerksamkeit natürlich gerne mit. Wir haben seit vier Wochen englische Journalisten im Dreitagesrhythmus bei uns im Haus, die in den Interviews dann komplett überrascht sind, wie das alles trotz des vergleichsweise bescheidenen Budgets überhaupt passieren konnte.

SPOX: Das Ausscheiden im vergangenen Jahr wurde meist auf eine gewisse Naivität zurückgeführt. Können Sie bitte einmal ausführen, was damit gemeint ist?

Zorc: Dafür braucht es gar keine detaillierte Erklärung. Wir hätten viele der Spiele haushoch gewinnen können. Sie wurden aber deutlich verloren. Wir haben in diesem Wettbewerb schlicht und ergreifend zu viele Fehler gemacht. Es heißt zwar, dass die Fehler in der Champions League schneller bestraft werden, aber die Böcke, die wir teilweise geschossen haben, würde auch eine Mannschaft aus dem Tabellenkeller der Bundesliga ausnutzen.

SPOX: Worin bestanden die Fehler?

Zorc: Vielleicht hatten wir unterbewusst keine einheitliche Herangehensweise. Der eine Spieler hat sich möglicherweise gedacht: 'Wir zeigen denen jetzt mal, wie Fußball gespielt wird.' Und der andere war eventuell zu sehr beeindruckt. Erfahrungswerte sind das A und O. Nur so entwickelt sich eine Mannschaft weiter. Und unser Team hat die Qualität, sich mit den Besten messen zu können.

SPOX: Nach dem Ausscheiden hieß es, der BVB habe Deutschland international blamiert. Nun scheint der BVB ein Geheimfavorit auf den CL-Sieg zu sein. Nerven Sie diese Extreme?

Zorc: Ich bin viel zu lange dabei, als dass mich so etwas noch ernsthaft nerven würde. Nur so viel: Ich halte beide Aussagen für Mumpitz.

SPOX: Wer wäre denn Ihr Wunschgegner fürs Achtelfinale? Die Fans wollen alle gegen Celtic Glasgow spielen.

Zorc: Da kann ich unsere Anhänger verstehen. Über Celtic würde auch ich mich sicherlich nicht beklagen. Das ist ein Traditionsverein durch und durch.

SPOX: Kommen wir zur Bundesliga: Im Derby gegen Schalke plagten den BVB Verletzungsprobleme, die Besetzung der Bank war nur wenig prominent. Beim FC Bayern saßen am selben Spieltag Javi Martinez oder Xherdan Shaqiri draußen. Gibt es Optimierungsbedarf auf den Kader-Plätzen 12 bis 18?

Zorc: Dazu möchte ich nur sagen, dass diese Spieler bei den Bayern nicht auf der Bank säßen, wenn vier ihrer Leistungsträger ausfallen würden. Wenn man ein mehr als doppelt so hohes Budget zur Verfügung hat, muss es ja auch so sein, dass man in der Breite anders aufgestellt ist.

SPOX: Auch Felipe Santana saß damals auf der Bank. Er kam bislang auf fünf Startelfeinsätze in allen Pflichtspielen. Verlässt er den BVB am Saisonende?

Zorc: Es ist so: Wenn er nicht auf eine adäquate Anzahl von Einsätzen kommt, kann er den Verein nach der Saison verlassen. Das haben wir ihm zugesichert. Daher werden wir mit ihm im Frühjahr darüber sprechen.

SPOX: Nimmt man 2013 und 2014 zusammen, laufen insgesamt 13 Spielerverträge aus. Wie organisieren Sie sich als Manager, um für jeden Spieler und Berater genug Zeit für Gespräche zu finden?

Zorc: Es mag nach außen hin vielleicht so aussehen, dass man dafür nur schwer Zeit findet. In Wirklichkeit gibt es aber genügend Gelegenheiten, die einzelnen Gespräche auch zu den jeweils richtigen Zeitpunkten zu führen - trotz der Spiele, die alle drei Tage stattfinden. Unser Fokus liegt seit längerer Zeit darauf, den Kader in seiner Hauptstruktur zusammen zu halten. Das ist unser erklärtes Ziel und ich bin sehr zuversichtlich, dass wir es erreichen werden. Zeitlich werde ich das schon hinbekommen (lacht).

SPOX: Sollten im Falle von Robert Lewandowski die Gespräche am Ende ergeben, dass er keinen neuen Vertrag unterschreibt, muss dann nicht die wirtschaftliche Vernunft greifen, indem man wie bei Shinji Kagawa lieber eine hohe Ablösesumme einstreicht als ihn ablösefrei gehen zu lassen?

Zorc: Wir sehen uns momentan nicht unter Zeitdruck. Es ist jetzt Dezember, und der Vertrag endet im Juni 2014. Wir werden diese Frage natürlich zusammen erörtern, wenn es soweit sein sollte. Mehr gibt es dazu aktuell nicht zu sagen.

SPOX: In der Vergangenheit gab es immer wieder Reibereien zwischen dem BVB und den Beratern von Lewandowski. Gibt es noch die nötigen Voraussetzungen für eine zielführende Gesprächsgrundlage?

Zorc: Natürlich. Wir saßen nach den letzten Irritationen auch schon wieder zusammen und haben Gespräche geführt. Mit Robert haben wir sowieso keinerlei Probleme. Daran wird es nicht scheitern.

Ein Leben lang BVB: Michael Zorc im Steckbrief

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