Einmal Hölle und zurück

Von Thomas Jahn
Donnerstag, 11.10.2012 | 12:05 Uhr
Rene Adler absolvierte bislang zehn Spiele für die deutsche Nationalmannschaft
© Getty
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Erst Höhenflug, dann Absturz: Rene Adler geriet in der Nationalmannschaft und bei Bayer Leverkusen durch Verletzungspech ins Hintertreffen und durchlief eine Zeit voller Rückschläge. Beim HSV wagte der 27-Jährige den Neuanfang und feierte nun ein eindrucksvolles Comeback. Sogar die WM 2014 scheint möglich.

Minutenlang hallten die "Reeeeene Adler"-Sprechchöre durch das Stadion. Das Publikum ließ den Keeper für eine herausragende Leistung hochleben, seine Mitspieler eilten kollektiv herbei, um den Matchwinner zu beglückwünschen. In den vorausgegangenen 90 Minuten hatte Adler gleich drei "Unhaltbare" des Gegners abgewehrt und sein Team so zu einem schmeichelhaften 1:0-Sieg geführt - Adler, einmal mehr der Mann des Tages.

Und doch ist es wohl nur mit der kolossalen Macht des Zufalls im Fußball zu erklären, dass der 27-Jährige beim besagten Spiel gegen Hannover 96 im Tor des Hamburger SV stand. Denn: Hätte es eben dieser Zufall gut mit Adler gemeint, dann hätte ihn der Weg womöglich nach Manchester, Madrid oder München geführt.

Gute zwei Jahre zuvor, kurz vor der WM 2010 in Südafrika, steht Adler auf dem vorläufigen Zenit seiner Karriere und wird von Bundestrainer Joachim Löw als Nummer eins für das Tor der Nationalmannschaft deklariert - auch dank des Zufalls, der es zunächst nur gut mit ihm meinte.

Dem Aufstieg folgt der Absturz

Eine Rot-Sperre des damaligen Bayer-Stammkeepers Hans-Jörg Butt bescherte ihm 2007 die Chance, sich im Klub in den Vordergrund zu spielen. Robert Enkes Verletzung verhalf ihm 2008 schließlich zu seinem grandiosen Länderspieldebüt gegen Russland, welches ihn schließlich an Enke und Tim Wiese vorbeiziehen ließ.

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Doch vor dem Turnier in Afrika fand Adlers kometenhafter Aufstieg dann ein vorläufiges Ende: Der Keeper erlitt eine Rippenverletzung, musste die WM sausen lassen und Platz für einen gewissen Manuel Neuer machen - der Rest ist bekannt.

Ein ähnliches Schicksal ereilte Adler im Jahr 2011 dann auch noch auf Vereinsebene: Der Bayer-Keeper musste sich einer komplizierten Patellasehnen-OP unterziehen, fiel monatelang aus und verlor so sein großes Standing in der Werkself. Wie Neuer in der Nationalelf nutzte sein Klub-Vertreter Bernd Leno die Chance und verdrängte den verletzten Stammkeeper. Für Adler blieb nicht viel mehr als Mitleid.

"Verletzte Spieler sind oftmals tote Spieler. Fußball ist oft einfach ungerecht und schnellebig - da zählt nicht, was du erreicht hast und wo du mal standest, sondern es zählt nur, wie du momentan spielst", meint Adler.

Adler: "Musste ziemlich viel Dreck fressen"

"Das war schon eine extrem schwierige Zeit", sagte Adler im "Aktuellen Sportstudio" über die Phase, in der er sich täglich bis zu acht Stunden in der Reha quält, kaum noch in den Schlagzeilen stattfindet und ansehen muss, wie Leno eine Top-Leistung nach der anderen bringt. Adler weiter: "Ich musste ziemlich viel Dreck fressen. Das ist so, wenn man ganz unten liegt und sich dann wieder aufrappelt."

Zusammen mit seinem jüngeren Bruder Rico lebt Adler zu diesem Zeitpunkt in einer WG in Köln. Eine Konstellation, die dem Ex-Nationalkeeper viel Halt in seiner schwersten Zeit gibt: "Er war neben meiner Freundin Ansprechpartner Nummer eins und musste mich in Phasen ertragen, wo ich oft gejammert und mich selbst bemitleidet habe. Die beiden haben mich getragen, wenn ich mal nicht weiter gehen wollte oder es einen Rückschlag gab."

Adler kommt während seiner Leidenszeit ins Grübeln und sucht bereits nach Alternativen zum Fußball: "Ich habe erkannt, dass es nicht so weitergehen kann und es gefährlich ist, wenn das Leben nur auf einer Säule basiert. Denn wenn diese wegzubrechen droht, dann stürzt man tief."

BWL-Studium als Alternative

Die Konsequenz: Adler plant ein BWL-Studium neben der Fußballkarriere, eine Absicherung gegen die Willkür des Zufalls, von der er schon selbst profitierte, ihr aber auch selbst doppelt zum Opfer fiel.

"Der Fußball ist eine gute Ausgangsbasis, er schafft viele Connections und bringt das nötige Startkapital mit. Doch all das bringt ja nichts, wenn du auf den Kopf gefallen bist", so Adler: "Die Zeit nach der Fußball-Laufbahn ist weitaus länger als die Zeit als Profi. Und da kann ich auch nicht nur den Rasen mähen - da muss ich produktiv sein."

Der Keeper betrachtet die neue Herausforderung als produktiven Ausgleich zum täglichen Wahnsinn des Fußballgeschäfts: "Ich habe das oft bei frisch gebackenen Vätern miterlebt, dass sie plötzlich vernünftiger, konzentrierter und ausgeglichener waren. Playstation, Cafes und stumpfes Fernsehen nach dem Training ist nicht mein Ding."

Es scheint, als sei der Keeper während seiner Leidenszeit gereift. Mehr Gelassenheit, weniger Ehrgeiz lautet Adlers Rezept nach der langen Zwangspause. Auch sein Bruder, den er inzwischen mit einem Tattoo auf dem Arm verewigt hat, bescheinigt ihm eine neue mentale Stärke.

Zusammenarbeit mit Sportpsychologin

Diese hat er nach seinem Wechsel zum HSV auch auf dem Platz eindrucksvoll unter Beweis gestellt. Bei seinem neuen Klub überzeugt Adler bislang auf ganzer Linie. Adler wirkt als Ruhepol auf die nicht immer sattelfeste Abwehrreihe ein, vereitelt Großchance um Großchance und hat den Hanseaten schon so manchen Punkt gerettet.

"Der beste Adler aller Zeiten", heißt es in der Presselandschaft, "Dittsche" preiste ihn jüngst als "Torwart-Titan" und auch Teamkollege Rafael van der Vaart stimmt ins Loblied ein: "Wir haben einen geilen Torwart." Adler ist wieder in aller Munde.

Und tatsächlich scheint der Keeper auch sportlich einen Schritt nach vorne gemacht zu haben. Egal, ob bei Spielen mit nur wenigen Aktionen wie dem gegen Fürth oder an arbeitsreichen Tagen wie gegen Hannover: Adler ist derzeit auf den Punkt da. Trotz des neuen Hypes bewahrt der ruhige Sachse sein Understatement: "Ich fand das nicht so schlimm, das ist mein Job."

Mit einer eigenen Sportpsychologin bereitet er sich inzwischen mental auf jede Partie vor und sammelt die Erkenntnisse akribisch in seinem Notizbuch. "Weil ich sehe, dass es mich voran bringt", erklärt der Keeper: "Ich weiß, was ich in der Woche brauche, um am Wochenende fit zu sein. Es ist eben wichtig, dass man am Wochenende funktioniert."

Comeback im DFB-Team?

Angesichts der bislang erbrachten Leistungen überrascht es kaum, dass offen über eine mögliche Rückkehr in die Nationalmannschaft spekuliert wird.

Zumal Neuers Hintermänner Ron-Robert Zieler und Marc-Andre ter Stegen ihren bärenstarken Leistungen aus dem Vorjahr derzeit noch hinterherlaufen und noch nicht über ein vergleichbares Profil verfügen. Adler verkörpert das, was man einen kompletten Torhüter nennt.

Auch wenn es für den Kader gegen Irland und Schweden noch nicht gereicht hat: Der aktuell stabile und souveräne Adler darf sich durchaus Chancen auf eine zukünftige Nominierung ausrechnen. Bleibt er konstant, wird Bundestrainer Joachim Löw mittelfristig nicht an ihm vorbei kommen.

"Mich freut es sehr, dass Rene Adler mit diesen herausragenden Leistungen zurückgefunden hat. Er hat nie den Glauben an seine Fähigkeiten verloren und hat hart gearbeitet, auch wenn es für ihn eine schwere Zeit war", sagt Löw. Zwar sehe er derzeit "keinen Grund, etwas an dieser Konstellation zu ändern" - jedoch zähle am Ende vor einem Turnier immer die Gesamtleistung.

"Ich traue ihm den Sprung zu, keine Frage", versichert Löw. Vielleicht bekommt Adler, der bislang zehnmal für die DFB-Elf auflie, also doch seine WM. Wenn es der Zufall so will.

Rene Adler im Steckbrief

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