Mehr Hoffnungsträger geht nicht

Van der Vaart wehrt sich gegen Messias

SID
Sonntag, 02.09.2012 | 15:06 Uhr
Rafael van der Vaart (M.) absolvierte am Sonntag die erste Trainingseinheit beim Hamburger SV
© spox
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Da war er also. Leibhaftig und in Lebensgröße. Knapp 1.000 Fans pilgerten im Sonntagmorgen zum Trainingsgelände des Hamburger SV, um ihrem Heilsbringer Rafael van der Vaart ganz nah zu sein.

Zunächst entwischte er ihnen noch. Um einen rechtzeitigen Beginn der Einheit nicht zu gefährden und dem Ansturm der Anhänger zu entgehen, nahmen die Profis einen Schleichweg zum Platz. Doch dies war den Fans in diesen Momenten egal. Selbst das 0:2 (0:0) im Nordderby am Vortag war für einige Augenblick vergessen. Allerdings nicht für van der Vaart selbst.

"Natürlich war das enttäuschend", sagte der Rückkehrer nach seinem ersten Training an alter und neuer Wirkungsstätte: "Aber auswärts in Bremen ist es immer schwer." Auf der Tribüne des Weserstadions hatte van der Vaart am Samstag immer wieder die Faust geballt.

Allerdings nicht zum Jubel, sondern eher in der Tasche. Seine neuen Kollegen präsentierten dem 29-Jährigen ein gerüttelt Maß an Abwehrchaos gepaart mit ein wenig Abschlussschwäche. Abgerundet wurde das ganze mit haarsträubenden individuellen Fehlern. Spätestens jetzt dürfte dem Niederländer klar gewesen sein: Er muss retten, was zu retten ist.

"Wir müssen jetzt den Spaß wiederfinden"

Bange ist van der Vaart dennoch nicht. "Die Spieler haben viel Qualität und ich sehe viel Talent. Aber das Selbstvertrauen fehlt. Wir müssen jetzt den Spaß wiederfinden. Ich habe jedenfalls immer Spaß am Fußball", sagte er am Sonntag.

Nach Trainingsende schrieb der Mittelfeldspieler dann doch noch fleißig Autogramme und erfüllte Fotowünsche. Einige Modelle seines Trikots mit der Rückennummer "23" sind in den Fanshops bereits ausverkauft. "Ich bin froh, dass ich wieder hier bin. Die Fans lieben mich und ich liebe die Fans", sagte van der Vaart.

Die Erwartungshaltung bewegt sich im Bereich der Unendlichkeit. Van der Vaart ist dies bewusst. Er wehrt sich nicht dagegen, als "Messias" will er sich aber nicht sehen. "Das ist ein bisschen zu viel. Wir müssen das zusammen machen. Ich alleine kann das nicht. Aber ich bin ein guter Spieler und glaube, dass ich der Mannschaft helfen kann", meinte der Spielmacher.

Auch Trainer Thorsten Fink hatte schon am Vortag gewarnt: "Er kann die Last nicht alleine tragen. Man muss das verteilen. Rafael ist ein guter Fußballer. Darauf muss er sich jetzt trotz des ganzen Hypes konzentrieren."

Es ist eine schwierige Gemengelage, der van der Vaart bis zu seinem Debüt am 16. September beim überraschend stark in die Saison gestarteten Aufsteiger Eintracht Frankfurt ausgesetzt ist. Da sind die Luftschlösser, die mancher im Umfeld des HSV nach der Verpflichtung des Spielmachers schon wieder baut. Doch da ist vor allem die graue Gegenwart, in der es für den Verein auch in den kommenden Wochen wohl nur um den blanken Existenzkampf geht.

"Er wird keine Wunder vollbringen können"

"Wir freuen uns natürlich alle, dass er da ist", sagte Kapitän Heiko Westermann: "Rafael wird uns absolut weiterhelfen. Aber: Er wird keine Wunder vollbringen können." Allein die Mischung aus Magie und Nostalgie, die van der Vaart seit seiner Vertragsunterzeichnung in Hamburg umgibt, wird jedenfalls nicht reichen.

Fakt ist: Als der Niederländer bei seinem ersten HSV-Engagement zwischen 2005 und 2008 ganz Hamburg verzauberte, war die Qualität der meisten seiner Mitspieler eine bessere. Das blieb auch gegen Werder nicht verborgen.

Die als "Heilsbringer-Gehilfen" ebenfalls erst kurz vor Transferende zum Team gestoßenen Petr Jiracek und Milan Badelj zeigten in Bremen zwar gute Ansätze, konnten die Mannschaft aber auch nicht dauerhaft mitreißen. Zumal Badelj bereits zur Pause mit muskulären Problemen in der Kabine bleiben und Jiracek nach einer früh erlittenen Fußprellung 75 Minuten lang auf die Zähne beißen musste. "Die Neuen haben gezeigt, dass sie uns weiterhelfen können", sagte Fink, wusste aber auch, dass es erst mit van der Vaart richtig losgehen kann.

"Ich hoffe, dass wir mit ihm effektiver werden. Das ganze Paket stimmt. Rafael kann Tore schießen und vorbereiten. Und er macht auch mal den Mund auf", sagte der Trainer. In Bremen musste Torhüter Rene Adler mit zahlreichen guten Paraden das phasenweise mögliche Debakel verhindern. "Vielleicht ist es gar nicht schlecht, dass jetzt die Länderspielpause kommt", sagte Fink.

Van der Vaart nicht zu Oranje

Während van der Vaart von Oranje-Trainer Louis van Gaal nicht für den Auftakt der WM-Qualifikation nominiert wurde und auch der verletzte Badelj nicht zur kroatischen Nationalmannschaft reist, muss Jiracek für Tschechien ran. Eine wirkliche Verbesserung der Feinabstimmung scheint unter diese Umständen nur schwierig möglich.

Für Fink ist das offenbar nicht dramatisch. "Ich denke, dass wir schnell in Tritt kommen werden und die Fahrt nach oben geht." Nach unten gibt es derzeit aber auch nicht mehr allzu viel Luft.

Rafael van der Vaart im Steckbrief

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