Der Geheimnisvolle aus Kerkrade

Von Haruka Gruber
Freitag, 21.09.2012 | 16:55 Uhr
Huub Stevens bestreitet seine zweite Amtszeit auf Schalke
© Getty
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Das Duell gegen den FC Bayern München (Sa., 15.15 Uhr im LIVE-TICKER) ist nicht nur das Topspiel der Bundeliga, sondern auch der ultimative Stresstest für den FC Schalke 04. Um das Team zu reizen und die Lücke auf die Bayern und Dortmund zu schließen, entdeckt Trainer Huub Stevens das alte Ich wieder.
 

Es war eine kurze Spanne des Glücks für jeden Journalisten, der Huub Stevens zum Interview bekam. Wortstark beschrieb Stevens sein Leben: Wie sich die Nahtoderfahrung anfühlte, als er mit acht Jahren fast ertrunken wäre. Wie es ihn als Person veränderte, dass sein Vater früh verstarb. Oder wie er den Jähzorn zu kontrollieren lernte.

Die Bekenntnisse hatten den Zweck, die kurz zuvor erschienene Biografie zu vermarkten - und doch erstaunte Stevens' Bereitschaft, offen über sein Seelenleben zu sprechen und private Fotos aus dem Familienalbum zur Verfügung zu stellen.

"Meine Jugendjahre - so tragisch sie teilweise waren - sind die Basis dafür, dass ich mich im Profigeschäft durchgesetzt habe. Meine Familie war nicht wohlhabend, daher musste ich mich früh auf der Straße durchsetzen. Ich bin fast ertrunken, daher weiß ich, was wirklicher Stress bedeutet. Und nach dem Tod meines Vaters habe ich einen emotionalen Panzer um mich gebaut, der mich beschützt hat", sagte Stevens im SPOX-Interview.

Seit dem Gespräch sind drei Jahre vergangen. Allerdings könnte das auch eine Ewigkeit her sein, derart verschlossen kann sich Stevens mittlerweile wieder geben.

Neue Gelassenheit

Nach der überraschenden Rückkehr auf Schalke vor fast genau einem Jahr zeigte er angesichts des Trubels mit drei verschiedenen Trainern in sechs Monaten die gebotene Milde gegenüber den Spielern und den gleichfalls irritierten Medienvertretern. "Stevens' Gespür für Gelassenheit", titelte im Februar die "Süddeutsche Zeitung" und zitierte Vorstandsmitglied Peter Peters: "Früher stand das Furchteinflößende im Vordergrund."

Spätestens mit dem Start der neuen Saison veränderte Stevens aber sein Wesen - und damit kehrte das Furchteinflößende zurück. Dabei ist Stevens kein reiner Abklatsch des früheren "Knurrer von Kerkrade". Vielmehr gibt er sich rätselhaft und undurchschaubar, was ihn auf viele wiederum noch bedrohlicher wirken lässt.

Bei der Abschlusspressekonferenz vor dem Bundesliga-Topspiel gegen den FC Bayern sprach Stevens erst bereitwillig über all die Verletzungen und Wehklagen im Schalker Kader oder mischte seinen Äußerungen das charmante Jack-Nicholson-Grinsen bei.

Nur um Minuten später bei der Frage, wie schwer es ihm fällt, einen Spieler auf die Bank zu setzen und es ihm mitteilen zu müssen, schlecht gelaunt und mit genervtem Blick zu antworten: "Gar nicht schwierig. Wieso schwierig?"

"Nicht normal, dass er spielt"

Es sind Episoden wie diese, die Stevens' Methode kennzeichnen. Er will sich von niemandem vereinnahmen lassen. Und verweigert sich womöglich deshalb sogar strikt, sich mit seinem Kapitän Benedikt Höwedes zu verbrüdern.

"Letzte Saison konnte Benedikt seine hervorragenden Leistungen nicht bestätigen. Er kam mit dem Druck als Kapitän nicht klar, hatte dazu viel Verletzungspech. Er muss zehn Prozent mehr bringen, damit wir wieder die gewohnte Höwedes-Qualität erleben", sagte Stevens Anfang Juli.

Selbst bei der Verkündung in der Sommer-Vorbereitung, dass weiterhin Höwedes in seinem Amt bleibt, wurde dieser vom Trainer überraschenderweise nicht bestärkt: "Bei mir ist es nicht normal, dass der Kapitän Stammspieler ist. Wenn er verletzt oder außer Form ist, muss ich ihn dann aufstellen...?" Höwedes verbrachte daraufhin die ersten beiden Spieltage komplett auf der Bank und kehrte erst wegen Atsuto Uchidas Formschwäche in die erste Elf zurück.

Torhüterfrage lange offen

Stevens setzt so Reizpunkte nach außen wie nach innen. Das Kalkül ist offensichtlich: Vergangene Saison wurde Schalke zwar Dritter, dies allerdings mit beträchtlichem Abstand zu Dortmund (17 Punkte Rückstand) und Bayern (9). Schalke verlor alle vier Spiele gegen die beiden Konkurrenten bei einer Tordifferenz von 1:8.

"Ich hoffe, dass die jungen Spieler aus den Spielen gelernt haben", sagt Stevens. Sport-Vorstand Horst Heldt ergänzt: "Ich hoffe, dass wir ein anderes Gesicht zeigen."

Und das andere Gesicht verkörpert Stevens: Er will wenn möglich Güte zeigen ("Ich bin zu jedem Spieler ehrlich und fair") - um jedoch das Höchstmögliche zu erreichen, verhält er sich unberechenbar und zwingt so alle anderen, achtsam zu sein. Das betrifft die Medien, aber vor allem auch die Mannschaft.

Beispielweise behielt Stevens bis kurz vor dem Saisonstart für sich, dass Timo Hildebrand von ihm zur Nummer eins ernannt wird, um die drei Torhüter so lange wie möglich einem stressigen Wettstreit zu unterziehen.

Neuer Vertrag?

Stevens, der Geheimnisvolle aus Kerkrade. Stevens, der über seine Zukunft gleichfalls nichts verraten möchte.

Sein Vertrag läuft nach dieser Saison aus, im Sommer 2013 ist Stand heute Schluss. Stevens reagiert gereizt auf Fragen über eine mögliche Verlängerung, im November 2011 verriet er immerhin: "Ich werde es mir nicht antun, mit über 60 Jahren noch Trainer zu sein. Ich plane nur noch zwei, drei Jahre, dann ist Schluss."

Am 29. November 2013 feiert Stevens seinen 60. Geburtstag. Ob als Schalke-Trainer oder nicht, kann man nur schwer prophezeien.

Der Kader des FC Schalke 04 im Überblick

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