Der Saisonstart des FC Bayern

Keine Spur vom Psycho-Knacks

Von Andreas Lehner
Montag, 03.09.2012 | 18:29 Uhr
Der FC Bayern hat einen starken Saisonstart hingelegt
© spox
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Vize-Bayern 2012, war da was? Der FC Bayern ist mit drei beeindruckenden Siegen in die neue Saison gestartet und hat sich seit Beginn der Vorbereitung neu aufgestellt. Im Fünf-Phasen-Modell ist Phase eins erfolgreich abgeschlossen.

So war das eigentlich nicht geplant mit Javier Martinez. Sportvorstand Matthias Sammer hatte bei der Vorstellung des 40-Millionen-Euro-Neuzugangs von Athletic Bilbao noch versucht, die Erwartungen zu dämpfen und Druck vom seit Sonntag 24-Jährigen zu nehmen.

"Er ist kein Regisseur, kein großer Spielgestalter, keiner, der das große 'Aah' und 'Ooh' im Stadion hervorruft", hatte Spanien-Experte Schuster prophezeit. Sammer ergänzte: "Wir wollen erst am Ende 'Aah' und 'Ooh' machen. Das gespannte Publikum in der erstmals mit 71.000 Zuschauern besetzten Arena wollte sich mit seinen Ausdrücken der Bewunderung aber nicht so lange gedulden.

Als Assistent Peter Hermann die Nummer acht zur Einwechslung rief ging das erste "Aah" durch die Arena. Als Martinez Sekunden nach seiner Einwechslung einen handelsüblichen Flugball aus dem Zentrum auf die rechte Seite zu Thomas Müller spielte, blieb auch das "Ooh" nicht aus.

Freilich war das Spiel zu diesem Zeitpunkt schon entschieden, die Bayern führten mit 6:1, Stuttgarts Vedad Ibisevic war kurz zuvor wegen einer Undiszipliniertheit mit Rot vom Platz geflogen. Die Einwechslung von Martinez für Bastian Schweinsteiger war der letzte Höhepunkt einer ereignisreichen Partie.

Große Einschnitte in Phase eins

Begreift man die Saison des FC Bayern als Fünf-Phasen-Modell, so war die Einwechslung auch der Endpunkt der ersten Phase. Die Bayern haben sich nach der vergangenen Vize-Saison einen neuen Anstrich verpasst, sowohl auf als auch außerhalb des Platzes.

Sammer verantwortet in der neu geschaffenen Stelle des Sportvorstands das "Herzstück" (Karl-Heinz Rummenigge) des Vereins und soll kurzfristig den Erfolg zurückbringen und den Verein langfristig mit konzeptioneller Arbeit für die Zukunft wappnen.

Für die schnelle Rückkehr an die Spitze haben die Bayern auch vor Sammers Verpflichtung schon heftig an ihrem Kader gewerkelt. Mit Dante, Xherdan Shaqiri, Mario Mandzukic, Claudio Pizarro, Tom Starke und Mitchell Weiser wurde das Team relativ zügig in der Breite verstärkt und so die auffälligste Baustelle der abgelaufenen Saison beseitigt.

Heynckes lobt Geist des Teams

Von Spielern, Trainern und Verantwortlichen wurde diese neue Qualität schon mehrfach betont. Laut Trainer Jupp Heynckes hat Arjen Robben am Sonntag sogar freiwillig auf seinen Einsatz verzichtet, "weil wir so viele Topspieler im Kader haben". Da sei es besser, wenn ein hundertprozentig fitter Spieler auflaufen würde als der von einer Erkältung geschwächte Robben.

Diese Begebenheit freue ihn fast noch mehr als der 6:1-Sieg gegen den VfB , erzählte Heynckes auf der Pressekonferenz. "Das spricht für den Geist der Mannschaft und den brauchen wir für den Erfolg." Die neue sportliche Qualität im Kader ist ja nicht nur Luxus für den Trainer, sondern auch Herausforderung. Es gilt, die Stars bei Laune zu halten.

Solange sich die Aufgabenstellung wie jetzt quasi von selbst löst und Spieler wie Mario Gomez, Franck Ribery oder Robben verletzt oder krank fehlen, ist die Gruppe angenehm leicht zu moderieren.

Unverdienter Einsatz von Javi Martinez

Härtefälle sind aber auch jetzt schon auszumachen. Das war auch Heynckes nicht entgangen. Er fand lobende Worte für Shaqiri, Pizarro oder Daniel van Buyten. Alle hätten sich einen Einsatz verdient gehabt, nur einer nicht: Javi Martinez.

Der Spanier hatte nach seinem langwierigen Transfer nur zweimal mit der Mannschaft trainiert und in Bilbao fast nur im läuferischen Bereich gearbeitet.

Unter normalen Umständen hätte ihn Heynckes wohl nicht in den Kader berufen, aber bei diesem Transfer war nichts normal. Also präsentierte Heynckes den Spanier dem Publikum ohne dabei ein großes Risiko einzugehen.

"Bayern kann nur mit Schweinsteiger erfolgreich sein"

Etwas überraschend kam aber der Verzicht auf Shaqiri, der als natürlicher Ersatz für Robben gegolten hatte. Den Vorzug bekam Schweinsteiger, der sein erstes Pflichtspiel in der Startelf seit dem EM-Aus gegen Italien absolvierte und einen guten Eindruck hinterließ.

Heynckes ging sogar soweit, dass er den weiteren Verlauf der Saison an die Gesundheit Schweinsteigers knüpfte: "Das Spiel hat mir gezeigt, dass der FC Bayern nur mit Bastian Schweinsteiger erfolgreich sein kann."

Natürlich brauchte Schweinsteiger Anlaufzeit, war dann aber in Zweikämpfen präsent, hatte bis zu einer Auswechslung die meisten Ballkontakte und erzielte einen Treffer per Kopf. "Ich fühle mich jetzt einen Tick glücklicher", sagte der 28-Jährige. "Ich habe das erste Mal in dieser Woche wieder beschwerdefrei trainieren können seit Februar - dieses Gefühl beflügelt, da tritt man auch anders auf."

Kein Final-Trauma, kein Psycho-Knacks

Schweinsteiger war das Sinnbild des FC Bayern in diesem Sommer. Sein verschossener Elfmeter im Champions-League-Finale, sein fassungsloses Gesicht auf der Bank im Berliner Olympiastadion nach dem verlorenen DFB-Pokalfinale machten das ganze Leid des Klubs deutlich. "Mental down" sei Schweinsteiger gewesen, erzählte Heynckes. Ein Zustand, der auch auf den ganzen Verein übertragbar war.

Über die Saison mit drei zweiten Plätzen wurde das Prädikat "ordentlich" gestülpt. Aber ordentlich ist für das Anspruchsdenken des FC Bayern zu wenig. Die letzte Saison wirkte nach. Nicht ganz unberechtigte Fragen nach einem Final-Trauma oder einem Psycho-Knacks verfolgten das Team während der Vorbereitung.

Die Bayern antworteten mit spektakulären Einkäufen und einem nicht minder spektakulären Saisonauftakt. 13 Tore in drei Spielen gegen Regensburg, Fürth und Stuttgart haben jegliche Zweifel an physischer und psychischer Leistungsfähigkeit weggewischt.

Die von Sammer versprochene Aufbruchsstimmung hat sich nach dem geglückten Martinez-Transfer und den klaren Siegen wieder eingestellt. Die zwischenzeitlichen Misstöne im Fall Mario Gomez, die Verletzungsprobleme und das angeblich angespannte Verhältnis von Heynckes und Sammer sind kein Thema mehr.

Sammer beschwört die Einheit

Die Länderspielpause kommt deshalb einerseits ungelegen, den Schwung würden die Bayern gerne mitnehmen. Andererseits hat Heynckes jetzt zehn Tage die Möglichkeit, Schweinsteiger und Martinez, die nicht zu ihren Nationalmannschaften reisen müssen, körperlich nach vorne zu bringen und gleichzeitig aneinander zu gewöhnen.

Denn trotz der guten Leistungen von Luiz Gustavo in den ersten Saisonspielen, ist klar: Die Zukunft auf der Doppelsechs heißt Schweinsteiger/Martinez. Sammer hat immer wieder betont, dass der Spanier ein Spielertypus sei, den Bayern so noch nicht im Kader hatte.

Heynckes pries Martinez "Autorität und Persönlichkeit". Er soll trotz seiner noch vorhandenen Sprachbarriere die Führungsfiguren um Kapitän Philipp Lahm, Schweinsteiger und Manuel Neuer unterstützen. "Wir brauchen eine klare Hierarchie" sagt Sammer.

Dafür überträgt er sein erfolgreiches DFB-Konzept von Führungsspielern, Teamspielern und Individualisten auf den Klub. "Aber am Ende ist wichtig, immer eine Einheit darzustellen."

Nicht in Zwischenetappen glänzen, Titel einfahren

Die Rollen sind verteilt, der erste Schritt auf dem Weg zu einer erfolgreichen Saison getan, nach der Länderspielpause tritt Bayern in Phase zwei ein. Ein Zeit, die in den letzten Jahren oft zum Krisenherbst wurde. Die Bayern wollen diesmal eine Serie starten und sich Ausrutscher bei Außenseitern vermeiden.

Phase drei ist die Wintervorbereitung, die zuletzt inflationär als die "beste aller Zeiten" bezeichnet wurde. In Phase vier geht es um einen guten Start in die Rückrunde und das Weiterkommen in den K.o.-Runden der Champions League. Nur im Erfolgsfall kommt auch Phase fünf zum Tragen: Der Gewinn von Titeln - und damit die Weiterentwicklung im Vergleich zum Vorjahr.

"Unser tägliches Denken und Handeln muss darauf ausgerichtet sein, dieses Ziel zu erreichen", sagt Sammer. "Und nicht darauf, in Zwischenetappen zu glänzen."

Der Spielplan des FC Bayern

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