Liebe auf den zweiten Blick?

Von Daniel Börlein
Freitag, 14.09.2012 | 11:32 Uhr
Felix Magath und Diego (l.) arbeiten in Wolfsburg schon zum zweiten Mal zusammen
© Imago
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Eigentlich schien es für Diego beim VfL Wolfsburg keine Zukunft zu geben. Doch der Brasilianer ist mittlerweile der wichtigste Mann in der Offensive der Niedersachsen. Der 27-Jährige wirkt geläutert und scheint plötzlich mit Felix Magath zu harmonieren - auch, weil ihn ein Traum antreibt.

Es war schon etwas mehr, als der sprichwörtliche Wink mit dem Zaunpfahl. Es war die klare Ansage: Im Moment bist du zwar da - aber nicht mehr lange. Der Adressat dieser Botschaft: Diego Ribas da Cunha, 27, Mittelfeldspieler des VfL Wolfsburg und dort immerhin mit einem Arbeitspapier bis 2014 ausgestattet.

Dass dieser Vertrag allerdings noch lange Bestand haben würde, damit rechnete an diesen Tagen Ende Juli eigentlich niemand. Diego nicht, Wolfsburgs Fans nicht und vor allem auch der VfL nicht.

Und so beorderte der Verein den Brasilianer zwar zum ersten offiziellen Foto-Termin der neuen Saison, ein eigenes Trikot bekam Diego dort allerdings nicht. Stattdessen musste er in einem Dress ohne Name und Rückennummer in die Kameras lächeln.

Kein Auslaufmodell mehr

Gut vier Wochen später, unmittelbar vor dem Start in die neue Spielzeit, lud der VfL nochmals ein zum Foto-Shooting, um nun die komplette Mannschaft samt Neuzugänge und EM-Teilnehmer zu präsentieren. Noch immer mit dabei: Diego. Dieses Mal allerdings im eigenen Trikot. Mit Name und Rückennummer. Diego war inzwischen kein Auslaufmodell mehr.

Coach Felix Magath hatte ihm gar die "10" gegeben. Die Nummer also, die in der Regel den zentralen Figuren einer Mannschaft zukommt. Innerhalb von ein paar Wochen hatte Diego beim VfL einen völlig neuen Status erreicht.

Magath gibt sich selbstkritisch

Er war plötzlich nicht mehr der, den Magath unbedingt loswerden wollte, nachdem die erste Zusammenarbeit der beiden in einem Fiasko (Diegos Flucht am letzten Spieltag der Saison 2010/2011) und anschließender Ausleihe zu Atletico Madrid geendet war.

Er war plötzlich wieder mittendrin. Oder wie Magath es ausdrückte: "Wir wollen nach vorne. Da ist ein Spieler von solcher Qualität nicht verkehrt." Dass er ihn zuvor auch gerne verkauft hätte, es aber schlichtweg keinen Abnehmer gab, der bereit war, die Bedingungen (Ablöse und Diegos Gehalt) zu erfüllen, daraus machte Magath keinen Hehl.

Und dennoch ging er einen Schritt auf Diego zu und gab sich ungewohnt selbstkritisch: "Auch Trainer machen etwas falsch und bekommen eine neue Chance." Seit dieser Erkenntnis hat sich viel geändert für Diego beim VfL.

Diego: "Ich wollte alles alleine machen"

Mittlerweile ist er der wichtigste Mann in der Offensive der Niedersachsen. Magath hat sein System auch auf seine Qualitäten ausgerichtet. "Er muss andere zu ihrer Stärke führen", sagt der VfL-Coach.

Das Vertrauen, das ihm Magath inzwischen entgegen bringt, zahlt Diego bislang zurück. Er gibt nicht mehr den egoistischen Alleinunterhalter, zeigt sich diszipliniert und tanzt nicht aus der Reihe. Stattdessen stellt er in Interviews gerne Mannschaft und Verein in den Vordergrund und ist sich auch auf dem Platz auch für Defensivarbeit nicht mehr zu schade.

"Ich habe den anderen Spielern nicht genug Platz gelassen, ihre Freiheiten nicht entsprechend akzeptiert", sagte Diego in der "Bild am Sonntag" über die Fehler während seines ersten Intermezzos in Wolfsburg. "Immer, wenn es eng wurde, wollte ich alles allein machen. Das war nicht gut für mich und erst recht nicht für die Mannschaft."

In den Mannschaftsrat gewählt

Bei den Kollegen kommt diese, wenn auch verspätete Einsicht gut an. Diego ist beliebt und anerkannt in der Kabine. Vor dem Saisonstart wählte ihn das Team in den Mannschaftsrat. Dass er der Mann für die besonderen Momente sein und sportlich den Unterschied ausmachen kann, wissen ohnehin alle.

Diego selbst weiß zu schätzen, dass er auch von seinen Mitspielern eine zweite Chance bekommen hat. Er nimmt wieder Deutsch-Unterricht, um sich noch besser verständigen zu können und auch für alle zu demonstrieren, dass er den Willen hat, sich zu integrieren.

"Es fühlt sich gut an, wieder das grüne Trikot des VfL zu tragen. Ich bin zu 100 Prozent hier. Mit meinem Körper, meinem Kopf und meinem Herz", sagt er. "Mein erstes Jahr ist hier von den Ergebnissen nicht gut gelaufen, aber das bedeutet nicht, dass ich den Verein nicht mag oder mich hier nicht wohlfühle. Ich habe damals selbst Fehler gemacht und viel aus der Zeit gelernt."

Diego: Verhältnis zu Magath mehr als professionell

Vor allem mit Magath scheinen alle Probleme ausgeräumt. "Der Trainer und ich reden jede Woche. Wir schauen uns in die Augen und sagen uns offen unsere Meinungen - ohne Hintergedanken. Die Gespräche sind ehrlich, sehr klar und von beiden Seiten freundlich", sagt Diego.

"Am Anfang war unser Verhältnis professionell, jetzt ist es mehr als das. Es wird immer intensiver. Wir versuchen beide, die besten Lösungen zu finden. So muss es sein." Es scheint, als hätten da zwei zueinander gefunden. Eine Art Liebe auf den zweiten Blick.

Der Traum von der WM 2014

Ausruhen darf sich Diego darauf allerdings nicht. Magath fordert ihn jeden Tag. Schon nach dem Sieg in Stuttgart am ersten Spieltag erklärte der VfL-Coach: "Er muss noch besser spielen."

Diego nimmt solche Aussagen zur Kenntnis. Er weiß sie inzwischen richtig einzuordnen. Und er weiß, dass er auf Magath vertrauen muss, wenn er seinen großen Traum von der WM 2014 in seiner Heimat doch noch verwirklichen will.

Nach seinem missglückten Abstecher nach Italien zu Juventus Turin und dem unrühmlichen Abgang in seiner ersten Wolfsburger Zeit, schien das Thema Selecao für ihn eigentlich abgehakt. Nun allerdings träumt Diego wieder. "Ich habe immer noch die Hoffnung auf einen Anruf. Bei der WM 2014 in Brasilien auf dem Platz zu stehen, wäre das Größte."

Diego Ribas da Cunha im Steckbrief

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