Mittwoch, 01.08.2012

Nürnbergs Timothy Chandler im Interview

"Jürgen Klinsmann kommt super an"

Timothy Chandler hat vom 1. FC Nürnberg den Sprung in die US-Nationalmannschaft geschafft. Im Interview spricht der 22-jährige Rechtsfuß über ein Karriere-Highlight, Jürgen Klinsmanns Ansprachen, Nürnbergs neue Mannschaft und den Grund, warum er nicht nach Stuttgart ging.

Timothy Chandler: 44 Bundesligaspiele für den Club, 2 Tore
© Imago
Timothy Chandler: 44 Bundesligaspiele für den Club, 2 Tore

SPOX: Herr Chandler, Sie sind wie Ihr Nationalmannschaftskollege Jermaine Jones in Frankfurt groß geworden. Von ihm weiß man, dass er dort einige heftige Dinge erlebt hat. Wie war's bei Ihnen?

Timothy Chandler: Jermaine ist in Bonames aufgewachsen, das ist schon eine ziemlich schlimme Gegend. Man lernt dort immer wieder Leute kennen, die nicht so gut für einen sind. Ich habe immer versucht, mich von solchen Leuten fernzuhalten. Das hat auch relativ gut geklappt. (schmunzelt) Ich bin aber auch erst später nach Franfurt gezogen. Vorher habe ich mit meiner Familie etwas außerhalb von Frankfurt gelebt.

SPOX: Von dort haben Sie mit elf Jahren den Sprung zur Eintracht geschafft. Wie lief das ab: Entdeckt worden oder selbst dort vorgestellt?

SPOX-Redakteur Daniel Börlein traf sich mit Timothy Chandler
SPOX-Redakteur Daniel Börlein traf sich mit Timothy Chandler
© spox

Chandler: Nein, das war auf einem Hallenturnier. Wir hatten eine ganz gute Mannschaft und haben uns für die Bezirksmeisterschaft qualifiziert. Dort hat mich die Eintracht gesehen und gleich zum Probetraining eingeladen. Ich habe dann offenbar überzeugt und bin deshalb dahin gewechselt, ohne lang zu überlegen. Es war ja schon damals mein Traum, irgendwann mal Profi zu werden.

SPOX: Für den Sie als Jugendlicher dann immer die rund 30 Kilometer von Ihrem Heimatort zum Training nach Frankfurt pendeln mussten.

Chandler: Aber nicht mit Bus oder Bahn. Ich hatte großes Glück, denn meine Großeltern sind extra von Bremen zu uns gezogen. Mein Opa wollte das unbedingt miterleben. Er hat mich dann fast jeden Tag zum Training gefahren, hat gewartet und mich dann wieder nach Hause gebracht. Das werde ich ihm nie vergessen. Leider ist er vor zwei Jahren verstorben, ich habe ihm wirklich sehr viel zu verdanken.

SPOX: Inzwischen sind Sie Nationalspieler der USA. War für Sie immer klar, dass Sie mal fürs US-Team spielen werden, wenn sich die Chance ergibt?

Chandler: Ich habe in den Jugend-Nationalteams ja noch für Deutschland gespielt. Doch dann hat die USA einfach angefragt für die A-Mannschaft und ich habe mich dafür entschieden.

SPOX: Sie wurden schon kurz nachdem Sie in der Bundesliga aufgetaucht sind nominiert.

Chandler: Ich hatte da noch keine 10 Bundesliga-Spiele und weiß es deshalb zu schätzen, dass mich die USA sofort eingeladen hat. Als der Nationaltrainer angerufen hat, habe ich natürlich sofort ja gesagt. Und ich habe es bisher nicht bereut. Das erste Länderspiel war dann auch gleich gegen Argentinien...

SPOX: ... mit Lionel Messi.

Chandler: Das war schon Wahnsinn. Zwei Wochen vorher habe ich ihn noch in der Champions League im Fernsehen bewundert und dann spielte ich selbst gegen ihn. Das war ein kleines Karriere-Highlight. Es gibt ein Bild von ihm und mir im Zweikampf - das hängt jetzt bei mir zuhause in der Wohnung.

SPOX: Als jemand, der Messi jetzt hautnah erlebt hat: Was hat er, was alle anderen nicht haben?

Chandler: Er spielt auf einer ganz anderen Ebene, in seiner eigenen Welt. Wie er den Ball behauptet, wie er sich bewegt, wie er seinen kleinen Körper immer wieder einsetzt - er ist schon einfach ein genialer Spieler.

SPOX: Sie haben selbst nie in den Staaten gelebt, sind in Deutschland aufgewachsen und haben immer hier gespielt. Inwiefern sind die USA für Sie trotzdem eine Heimat?

Chandler: Ich muss schon zugeben, dass es noch ein bisschen distanziert ist. Es geht eben in erster Linie um Fußball. Aber ich befasse mich auch mit dem Land, will wissen, was dort zum Beispiel in der Politik los ist. Und ich verfolge gerne die NBA oder jetzt bei Olympia das Dream Team.

SPOX: Jones, Williams, Johnson - Sie sind längst nicht der einzige Deutsch-Amerikaner im US-Team. Dazu kommen noch einige in den U-Mannschaften und natürlich auch Jürgen Klinsmann als Trainer und Ex-Bundesliga-Profis wie Tom Dooley oder Claudio Reyna, die im Verband arbeiten. Woher kommt dieser Deutschland-Boom?

Chandler: Ich denke schon, dass das viel mit Jürgen Klinsmann zusammenhängt. Er schaut sich in ganz Europa nach Spielern um. Und er versucht, auch Sachen aus dem deutschen Fußball im Training einfließen zu lassen. Ich finde diesen Weg gut. Man sieht auch, dass es etwas bringt. Die Fans steigen immer mehr darauf ein.

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SPOX: Wie wichtig ist Jürgen Klinsmann für den amerikanischen Fußball?

Chandler: Er spielt eine wichtige Rolle, für den Verband aber auch für uns Spieler. Er ist eine sehr starke Persönlichkeit. Und er verbindet diese beiden Seiten, die deutsche und die amerikanische, einfach ideal, weil er beide Seiten sehr gut kennt. Die Fans hypen ihn total, er kommt gut bei den Spielern super an. Ich würde sagen, es passt perfekt.

SPOX: In Deutschland verbindet man zwei Dinge mit Klinsmann als Trainer: Zum einen seine Bayern-Zeit, wo es nicht geklappt hat. Zum anderen seine Zeit als Bundestrainer, als er bei der WM 2006 das ganze Land begeisterte. Was zeichnet ihn für Sie aus?

Chandler: Es gibt ja diesen WM-Film "Ein Sommermärchen". Genau so habe ich ihn auch erlebt. Alle sitzen mit hängenden Köpfen da, weil es vielleicht nicht so läuft und er geht von Spieler zu Spieler, klatscht ab, macht die Leute heiß und ist positiv. Er ist jemand, der niemals aufgibt. Das zeichnet ihn aus und imponiert mir.

SPOX: Also: Klinsmann, der Motivator.

Chandler: Klar. Und es ist doch gut, wenn ein Trainer eine Mannschaft motivieren kann. Bei ihm ist das ja nicht alles. Er kann eine Mannschaft sehr gut einstellen, merkt Dinge auch kritisch an - dann aber in einer positiven Art und Weise. Gerade in der Nationalmannschaft, wo man nicht so häufig zusammen kommt, ist das sehr wichtig. Er spricht sehr viel mit uns und ist ein sehr offener Mensch.

SPOX: Ihr Trainer in Nürnberg, Dieter Hecking, gilt als weniger extrovertiert. Es heißt allerdings, er könne Leute in einem persönlichen Gespräch total von etwas überzeugen.

Chandler: Er trifft einfach den richtigen Ton. Gerade mit jungen Spielern, die ihren Weg vielleicht noch nicht so konsequent verfolgen, kann er sehr gut. Er kann durchaus auch streng sein, aber man hat dann eigentlich immer das Gefühl, dass das in dem Fall auch angebracht ist. Und diese Art der Ansprache überzeugt dann einfach.

SPOX: Wie hat er Sie davon überzeugt, beim Club zu bleiben und nicht zum VfB Stuttgart zu wechseln?

Chandler: Wir haben schon ein paar Gespräche geführt. Da war er einfach offen und ehrlich, hat mir seine Sicht der Dinge erklärt. Aber er hat keinen Druck aufgebaut, sondern gesagt: 'Ich lasse dich jetzt in Ruhe, mach dir Gedanken und triff die richtige Entscheidung.' Und das habe ich ja dann auch gemacht. (lacht)

SPOX: Dass ein Club-Spieler ein gut dotiertes Angebot eines Europacup-Teilnehmers abschlägt, hat es lange nicht mehr gegeben. War das auch ein Statement nach außen: Der FCN ist mehr als ein Abstiegskandidat, vielleicht sogar selbst bald ein Kandidat für Europa?

Chandler: Zunächst einmal muss ich sagen, dass mir der Verein einfach sehr ans Herz gewachsen ist. Und ich denke auch, dass ich mit meiner Entscheidung gezeigt habe, dass nicht immer nur das Geld entscheidend ist. Ich glaube einfach, dass der Club auf einem sehr guten Weg ist. Die letzten Jahre haben eine sehr gute Entwicklung erkennen lassen. Deshalb denke ich, dass ich hier richtig bin.

SPOX: Sie haben in Nürnberg die Chance bekommen, in der Bundesliga zu spielen - und sind damit längst nicht der einzige. Woran liegt es, dass es Talente beim Club eher schaffen, als beispielsweise bei einem Klub wie Eintracht Franfurt, wo die Voraussetzungen ähnlich sind?

Chandler: Wenn wir das Beispiel Franfurt hernehmen, muss ich ganz ehrlich sagen: ich weiß es nicht. Ich habe dort ja neun Jahre lang gespielt, aber keine Chance gesehen. Die Leute in Nürnberg haben einfach ein sehr gutes Auge für Talente. Die Beispiele der letzten Jahre geben den Verantwortlichen zumindest Recht, den richtigen Weg eingeschlagen zu haben.

SPOX: Im Sommer haben mit Wollscheid, Didavi, Maroh und Hegeler allerdings wieder einige Spieler den Verein verlassen. Wie stark ist die aktuelle Mannschaft?

Chandler: Ich finde wir haben eine gute Mischung: auf der einen Seite viele junge Spieler, die heiß sind und etwas beweisen wollen, auf der anderen Seite erfahrene Spieler, die die nötige Routine mitbringen. Und wir sind auch ein eingeschworener Haufen, der gerne mal abseits des Platzes was unternimmt.

SPOX: Gute Laune alleine reicht für den Klassenerhalt allerdings wohl eher nicht.

Chandler: Klar, aber schaden kann's auch nicht. Insgesamt denke ich, dass wir eine spielstärkere Mannschaft haben als im letzten Jahr. Das macht mir Hoffnung, dass wir mehr eigenen Ballbesitz haben und so auch mehr Tore machen.

Timothy Chandlers Steckbrief

Interview: Daniel Börlein

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Nach gerade mal neun Liga-Einsätzen spielte er schon gegen Messi. Chandler über ein Karriere-Highlight, Klinsis Ansprachen, den Club und den Grund, warum er nicht zum VfB ging.

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