Sammer: "Scholl und ich haben uns gehasst"

Von Von der Säbener Straße berichtet Fatih Demireli
Mittwoch, 15.08.2012 | 18:00 Uhr
Matthias Sammer mittendrin: Der Sportchef sitzt während den Spielen auf der Bank
© Imago
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Anderthalb Monate ist Matthias Sammer nun schon beim FC Bayern München in Amt und Würden. Zeit, ein erstes Fazit zu ziehen und den Blick auf die Zukunft zu richten. Diese sieht er positiv, weil er dem FC Bayern eine gute Basis bescheinigt. Beim Medien-Tag an der Säbener Straße sprach Sammer im Interview über Begegnungen mit Mehmet Scholl, erklärt, warum Jupp Heynckes sein Papa sein könnte und warum Javi Martinez so interessant ist.

Frage: Matthias Sammer, Sie haben im Trainingslager am Gardasee gesagt, dass Sie ein Schleudertrauma hatten, als Sie beim FC Bayern angefangen haben. Haben Sie inzwischen ausgeschleudert?

Matthias Sammer: (lacht) Ich habe immer von den magischen zehn Tagen gesprochen. Es war nicht nur für mich eine Veränderung, sondern auch für den FC Bayern. Da ist jetzt einer für den Sport zuständig und schaut anders darauf als in der Vergangenheit. Es war ja ganz grundsätzlich für mich, ob Bayern das auch will. Man musste sich natürlich aneinander gewöhnen. Nach zehn Tagen habe ich gemerkt, dass sich die Dinge ordnen und die Orientierung da war. Die Zeit beim DFB war da sehr wichtig, weil ich viele Dinge im theoretischen Bereich lernen konnte. Ich bin sehr glücklich, nun beim FC Bayern zu sein.

Frage: Entsprach die Realität Ihren Erwartungen?

Sammer: In dem Moment, als ich anfing, mich damit zu beschäftigen, hatte ich keine große Erwartungshaltung. Ich habe mich gefragt: Wie gehst du das inhaltlich an? Bei so einer Anfrage entwickeln manche Menschen Freude, andere entwickeln einen Druck und eine gewisse Last.

Frage: Was haben Sie empfunden?

Sammer: Ich habe eher einen gewissen Druck gespürt. Ich wusste, dass ich das erst als positiv empfinden kann, wenn ich den Überblick habe. Beim DFB gab es immer die Aussage, dass ich gehen kann, wann ich will. Für mich gab es nur einen Klub, bei dem ich es machen würde. Als der Anruf von Bayern kam, hatte ich keine Empfindungen, sondern habe darüber nachgedacht, wie ich den Klub mit beeinflussen kann, um erfolgreich zu sein.

Frage: Was war in den ersten Wochen Ihre Hauptaufgabe?

Sammer: Die Frage ist immer: Liegt das Problem an der Basis oder im Detail. Wenn es an der Basis liegen würde, dann müssten wir uns grundsätzliche Sorgen um den Klub machen. Aber an der Basis liegt es nicht, Bayern ist ein Riesen-Klub.

Frage: Also sind es die Details, die Sie penibel unter die Lupe nehmen?

Sammer: Wichtig ist, dass man Dinge nur dann im Detail beurteilen kann, wenn man die Details auch sieht. Mich wundert die Frage, warum ich mir jedes Training anschaue. Ich halte das für selbstverständlich. Ich denke, dass es am Detail liegt und ich soll mir nicht jedes Detail anschauen? Das verstehe ich nicht. Eine Sache ist aber wichtig.

Frage: Welche?

Sammer: Das Detail hängt nicht damit zusammen, dass ich den Trainer in seiner täglichen Arbeit kritisiere. Jupp Heynckes ist mein Partner und er kriegt immer eine Antwort auf eine Frage. Was mich strategisch interessiert, ist das Drumherum im Verein. Wenn ich in kritischen Situationen das Detail nicht mitbekomme, wie soll ich es dann bewerten.

Frage: Wie sieht ein Tagesablauf bei Ihnen aus?

Sammer: Ich gehe ins Büro, setze mich hin und überlege, was getan werden muss. Wie ist die Mannschaft? Wie ist die Struktur? Was muss vorbereitet werden? Ist alles koordiniert? Viele Gespräche müssen vorbereitet werden. Die Nachwuchsarbeit wird vor Weihnachten gar nicht zu erfüllen sein. Ich schreibe mir alles auf und versuche es abzuarbeiten.

Frage: Warum sind Sie der perfekte Mann, das "Mia-san-mia"-Motto, das ja auch auf den Trikots verewigt ist und in letzter Zeit etwas abhanden kam, wieder zu reanimieren?

Sammer: Ich bin ja nicht der perfekte Mann. Ich habe das Motto mitbekommen, es ist wieder klar definiert worden, was auch wichtig ist. Die Definition an sich ist zunächst einmal die Grundlage des Lebens, finde ich. Wir müssen aber einfach dazu kommen, dass wir nicht so viel darüber reden, sondern es nachweisen, beweisen, bearbeiten, erarbeiten und geistig sichtbar machen.

Frage: Jupp Heynckes hat von Prüfungen gesprochen. Was sind das für Prüfungen?

Sammer: Vorab muss ich sagen, dass ich zu Jupp Heynckes ein ausgezeichnetes Verhältnis habe. Ich weiß gar nicht, ob es ihm gefällt, aber vom Menschlichen könnte er mein Papa sein. Die Art und Weise, wie er über Fußball denkt, begeistert mich. Das ist die Grundbasis des Vertrauens, sonst wäre ich nicht gekommen. Jürgen Klinsmann wollte nicht, dass ich zum DFB gehe, aber ich wusste: Ich habe nicht unmittelbar mit ihm zu tun. Hier ist es anders. Wenn Du im Vertrauen zusammenarbeiten willst und der Cheftrainer will nicht, dann wird es nicht funktionieren. Die Basis ist aber gegeben. Die erste Prüfung wird das Spiel in Regensburg sein. Wir müssen bei vielen Prüfungen Geschlossenheit beweisen. Ich sehe keine Ansatzpunkte für Zweifel, dass es mit Heynckes nicht funktionieren könnte.

Frage: Es funktioniert auch mit Mehmet Scholl. Er geht Ihren eingeschlagenen Weg voll mit, wirkt in Gesprächen, die wir mit Ihm führten, begeistert von Ihnen. Wie wichtig ist Ihnen das?

Sammer: Wir haben uns als Spieler gehasst. Er hat das mit seiner großen Klappe natürlich beim ersten Gespräch gleich gesagt: 'Ich hab dich übrigens nie gemocht.' Das waren unsere ersten Begegnungen (lacht). Nachdem seine Karriere gerade einige Monate vorbei war, hat er mir erzählt, dass er irgendwann mal gerne bei Bayern im Nachwuchsbereich arbeiten will. Als Trainer natürlich, er wollte ja immer gleich alles führen. Er hat erzählt, was er dann alles für tolle Dinge machen würde. Ich hab ihn dann gefragt, ob er mir das konkret erklären könnte.

Frage: Das hat ihm sicher nicht gefallen.

Sammer: Er ist dann wieder ungemütlich geworden. Als ich dann noch gesagt habe 'Mach erst einmal eine Lehre. Du bist ein großer Spieler, du hast viel erreicht, aber du willst in einen neuen Spielabschnitt gehen. Jetzt ist erst einmal Lehrzeit', war es zwischen uns ganz aus. Unsere erste Begegnung war nicht von Harmonie geprägt.

Frage: Wie wurde es besser?

Sammer: Es wurde schnell Respekt daraus. Er ist in aller Konsequenz seinen Weg gegangen. Er hat seine Ausbildung gemacht und hat mir damals aus Köln immer SMS geschrieben, obwohl er fix und fertig war. Jetzt ist wieder bei der zweiten Mannschaft. Es ist richtig, dass er nicht sagt, dass er gleich in die Bundesliga muss. Er geht einen richtig guten, bemerkenswerten und interessanten Weg und wir werden uns weiter austauschen. Keine Frage: Ich finde es gut, dass er hier ist. Weil er die Berechtigung mitbringt.

Frage: Finden Sie den Weg von Markus Babbel auch bemerkenswert? Er wird ja immer wieder als möglicher Nachfolger von Jupp Heynckes genannt. Er hat dieses Glänzen in den Augen, wenn er über Bayern spricht.

Sammer: Eigentlich war es mit Markus genauso wie mit Mehmet. Mit Markus hatte ich mich auch ein paar Mal in den Haaren. Er hatte damals die Sondergenehmigung beim VfB Stuttgart. Dann hat ihm die DFL in aller Deutlichkeit gesagt: Du bekommst diese Verlängerung nicht über den Tag X hinaus. Dieses System zwischen DFL und DFB, wo immer wieder jemand anderer die Verantwortung trägt... komisch! So kam dann die DFL zu mir und hat gefragt, ob man da eine Ausnahme machen kann und ich habe eben gesagt: Können wir nicht! Klar, dann war Markus ein bisschen beleidigt. Er geht ebenfalls seinen Weg konsequent.

Frage: Kommt er als Nachfolger in Frage?

Sammer: Jupp Heynckes ist unser Trainer und wir sind überhaupt nicht dazu bereit, darüber nachzudenken beziehungsweise uns zeitlich zu limitieren. Jupp Heynckes macht einen sehr guten Job und ist nach Innen und Außen anerkannt. Jetzt über ein Limit zu sprechen, das geht gar nicht in mein Grundverständnis rein. Das steht bei uns überhaupt nicht auf der Tagesordnung.

Seite 2: Sammer über Jens Lehmann, Javi Martinez und Transferentscheidungen

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