Endlich angekommen

Von Fatih Demireli / Stefan Rommel
Donnerstag, 06.09.2012 | 22:48 Uhr
Letzte Saison Gegner, jetzt gemeinsam für den FCA: Daniel Baier (r. ) und Andreas Ottl
© Getty
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Daniel Baier galt erst als hoffnungsvolles Talent und dann als gescheitert. Sein zweiter Wechsel nach Augsburg hat den 28-Jährigen reifen lassen. Beim FCA hat er längst seinen Führungsanspruch untermauert.

Seinen Job bei der Europameisterschaft hat er glänzend erfüllt. In Charkow war die Partie der deutschen Nationalmannschaft gegen die Niederlande soeben beendet.

Die deutschen Spieler waren eben noch in der Kurve, das Gros nun auf dem Weg in die Kabine. Mario Gomez musste seine beiden Tore erklären.

Auf Höhe der Eckfahne standen plötzlich Manuel Neuer, Holger Badstuber und Bastian Schweinsteiger hinter der Absperrung und mitten unter den Zuschauern.

Über 200 Profispiele

Schweinsteiger entledigte sich seines Trikots und tauschte es mit seinem Kumpel Daniel Baier. Der war aus München angereist, um Schweinsteiger und die anderen zu unterstützen. An diesem Abend war Daniel Baier ein ganz normaler Fan.

"Ein EM-Spiel, in dem Freunde von einem dabei sind, kommt ja nicht alle Tage vor. Daher haben wir einen spontanen Trip in die Ukraine gemacht" erklärte Baier den Tagesausflug in den Osten der Ukraine.

In seinem anderen Leben ist er Profispieler beim FC Augsburg. 61 Einsätze in der Bundesliga für 1860 München, den VfL Wolfsburg und seit einiger Zeit den FC Augsburg. Dazu noch 145 Spiele in der 2. Liga.

Kurzer Höhenflug, dann die Stagnation

Vor acht Jahren tauchte Baier, dessen Vater Jürgen schon Profi war, im bezahlten Fußball auf. Zusammen mit anderen hoffnungsvollen Talenten beim TSV 1860, wie Benny Lauth oder Marcel Schäfer. Ein paar gute Spiele auf der Zehnerposition und sofort wurden Vergleiche gezogen mit Thomas Häßler, dem letzten großen Regisseur der Löwen.

Nach dem Abstieg der Münchener ging es drei Jahre durch die 2. Liga. Baier setzte sich als Stammspieler fest - in der öffentlichen Wahrnehmung war er aber schnell vom Hoffnungsträger für Deutschland zu einem allenfalls überdurchschnittlichen Zweitligaspieler degradiert worden. Der Höhenflug war vorerst gestoppt.

Ein paar Kilometer weiter machten die ehemaligen Gegenspieler aus der Bayern-Jugend die große Karriere. Schweinsteiger und Philipp Lahm schafften den Sprung von den U-Mannschaften in die A-Nationalmannschaft. Für Baier war die Laufbahn beim DFB nach insgesamt sechs Länderspielen in drei Jugendmannschaften schon wieder vorbei.

Fehleinschätzung Wolfsburg

Baier benötigte einen Neuanfang, bei den Löwen steckte er persönlich und mit dem Klub in einer Sackgasse. Der Wechsel zum VfL Wolfsburg sollte den nötigen Schub verleihen. Die erste Saison war noch ganz ordentlich, danach war aber schnell kein Platz mehr für Baier.

Also wurde er nach Augsburg verliehen, zurück in die 2. Liga. Diesmal sollte sich die angebliche Degradierung aber als der richtige Umweg entpuppen. In Augsburg sammelte Baier sowohl Spielpraxis als auch neues Selbstvertrauen und blieb auch mal wieder über einen längeren Zeitraum ohne Verletzungen.

Obwohl Wolfsburgs Kader aber beinahe aus allen Nähten zu platzen schien, holte der VfL Baier nach dem einjährigen Gastspiel wieder zurück. Der FCA hätte ihn nur zu gerne behalten, also blieb Manager Andreas Rettig hartnäckig mit dem Spieler in Kontakt.

Sechs Monate später, Baier durfte wie kaum anders zu erwarten genau ein Spiel bei den Profis und eins in der Regionalliga für die zweite Mannschaft der Wölfe absolvieren, dann die Rückkehr nach Augsburg. Im Januar 2010 unterschrieb er in Augsburg einen Vertrag über zwei Jahre.

Von der Zehn auf die Sechs

Baier hatte endlich eine neue Heimat gefunden und mit dem FCA auch wieder Erfolg. Dazu stellte er sein eigenes Spiel auch breitgefächert auf.

"Es genügte, Dani nur ins Gesicht zu blicken, und der Schelm höchstpersönlich blitzte hervor. Er verlor aber nie die Balance zwischen Schlitzohrigkeit und Überheblichkeit. Wenn es ihn aber nervte, merkte man es schnell", hatte Sechzigs ehemaliger Jugendleiter Wolfgang Hauner ihn mal beschrieben.

Baiers Spiel war schon immer von großem Witz. In seinen ersten Jahren wurde ihm das als hervorstehendes Merkmal bescheinigt. Dann plötzlich kehrte sich vieles ins Negative: Baier war das schlampige Genie, zu faul und zu zahm für das harte Geschäft. Ein Schöngeist, nicht bereit zu kämpfen.

"Mit Kritik muss man leben und umgehen, wobei es heutzutage oft extrem in beide Richtungen geht. Man wird schnell hochgejubelt, aber auch ebenso schnell abgeschrieben", sagt er zu SPOX. "Ausblenden kann man das nicht, aber ich beurteile meine Leistungen selbstkritisch, um mich zu verbessern."

Unter Jos Luhukay lernte er schnell und viel. Baier rückte auf dem Feld immer etwas weiter zurück, Von der Zehn über die Acht bis zur Sechs. Der wichtige Posten vor der Abwehr.

Wichtiger Spieler beim FCA

Beim neuen Trainer Markus Weinzierl ist er nach dem Abgang von Hajime Hosogai auf der Doppel-Sechs gesetzt, als Antreiber tritt er in die Fußstapfen des ebenfalls abgewanderten Axel Bellinghausen. Gleich beim enttäuschenden Saisonstart gegen Düsseldorf war Baier in einer verkrampften Augsburger Mannschaft der beste Spieler.

Baier hat sich stark entwickelt, glänzt als Stratege ebenso wie als Abräumer, giftig ist er in den Zweikämpfen. Das Spiel komplett vor sich zu haben, liegt ihm besser als die Rolle hinter den Spitzen, auf dem Radar der gegnerischen Mittelfeldreihe.

Daniel Baier ist jetzt 28, seinen Kontrakt in Augsburg hat er vorzeitig um zwei Jahre verlängert. In einer Mannschaft wie der des FCA ist er ein enorm wichtiger Spieler, ist Mitglied im Mannschaftsrat und mittlerweile etabliert in der Bundesliga. Die Träumereien von früher sind längst vorbei.

Endlich mal ein Tor...

Im Prinzip fehlt jetzt nur noch eine Sache. In über 200 Profispielen hat er magere fünf Törchen erzielt. In der Bundesliga noch kein einziges. Es scheint wie der letzte Fleck auf der Weste.

Von den Mitspielern wird er deshalb aufgezogen, die Fragen der Medien nerven langsam. In dieser Saison soll deshalb auch Schluss damit sein.

"Es wird mich sicher mal jemand anschießen", hofft er und verspricht: "Wenn nicht, dann werde ich bei einem Spiel, bei dem ich nicht im Einsatz bin, im Stadion Bratwürste verkaufen."

Das ist Augsburgs Kader

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