Uli Hoeneß: König der Bayern

Von Andreas Lehner
Dienstag, 31.07.2012 | 15:15 Uhr
Uli Hoeneß ist seit November 2009 Präsident des FC Bayern München
© Getty
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Der FC Bayern ist eine Weltmarke. Der Klub muss einen Spagat zwischen internationaler Vermarktung und folkloristischer Bindung wagen. Uli Hoeneß verkörpert diese Ausrichtung wie kein Zweiter.

Niederbayern, ein Bierzelt und Uli Hoeneß. Eine Mischung, die deftig-derbe Sprüche und gute Unterhaltung verspricht. Also haben sich schon gut eine Stunde vor Beginn der Veranstaltung knapp 1700 Menschen in der Festhalle des Pichelsteinerfestes in Regen im Bayerischen Wald versammelt.

In der traditionell weiß-blau geschmückten Halle ist an diesem Samstag Rot die dominierende Farbe. Fanklubs aus der Region haben das Zentrum des Saales belagert, ihre Banner aufgehängt und sich Trikots und Kutten übergestreift. Die Bedienungen schleppen mehr Maßkrüge als an einem gewöhnlichen Samstag um diese Uhrzeit zu den Tischen. Es herrscht freudige Erwartung. Aus den Lautsprechern dröhnt deutscher Schlager der langweiligeren Sorte.

Die Fans verehren Uli Hoeneß

Uli Hoeneß lässt sein Publikum nicht lange warten. Er ist pünktlich, überpünktlich sogar. Bayerns Landwirtschaftsminister Helmut Brunner, der den Besuch in Regen arrangierte, empfängt den Präsidenten des FC Bayern München direkt an dessen Dienstwagen. Im Schlepptau rund 100 Fans, die gleich die erste Gelegenheit nutzen wollen, um sich ein Autogramm oder ein Foto zu sichern.

Hoeneß nimmt sich Zeit, erfüllt alle Wünsche und scherzt mit den Fans. Für einige ist der Tag schon jetzt einer der besten in ihrem Leben. Eine Unterschrift, ein Handschlag, eine Berührung von Hoeneß. Man merkt schnell, dass ihn die Menschen hier nicht nur bewundern, sondern verehren. Sie lieben seine Bodenständigkeit und teilen mit ihm die Leidenschaft für den FC Bayern.

Auf dem Weg in die Festhalle muss Hoeneß an einem Essensstand vorbei, an dem es natürlich echte Hoeneß-Würstel in der Semmel gibt. Zwei große Bissen, weitere Autogramme, ein paar Fotos, dann betritt er die Halle.

Wie beim politischen Aschermittwoch

Es ist ein Einmarsch wie man ihn von den Auftritten der bayerischen Politgranden beim Aschermittwoch in Passau kennt. Blasmusik, jubelnde Anhänger auf den Bänken und ein winkender Ehrengast - nur diesmal mit einer Würstelsemmel in der Hand.

Hoeneß ist laut offizieller Ankündigung zu einem sportpolitischen Gespräch geladen. Das wird es nicht. Staatsminister Brunner beginnt den Talk mit einer zehnminütigen Lobhudelei seines Gastes und der Fans im Bayerischen Wald, die seiner Meinung nach selbstverständlich die treuesten der ganzen Welt seien.

Der für das Gespräch vorgesehene Moderator eröffnet mit den Worten: "Jetzt ist er also wirklich da!" Spätestens hier ist klar, dass ein kritisches Gespräch über die Entwicklungen beim FC Bayern im Speziellen sowie im Sport und in der Politik im Allgemeinen nicht möglich sein wird. Der Moderator selbst stellt kaum Fragen und reicht das Wort ans Publikum weiter.

Gestern Peking, heute Regen

Es wird ein Frage-Antwort-Spiel zwischen Hoeneß und den Fans, die Bandbreite reicht von Mario Gomez bis hin zu Ticketproblemen. Standard für einen alten Fahrensmann wie ihn.

Doch genau dafür ist er gekommen. Er will den Menschen zeigen, dass der FC Bayern seine Heimat nicht vergessen hat. Hoeneß war gerade mit der Mannschaft auf einer fünftägigen Reise nach China. Es ging darum, die Marke FC Bayern in Asien weiter zu stärken und Sponsoren zufrieden zu stellen.

Der FC Bayern versucht aktuell den Spagat zwischen internationaler Vermarktung des Vereins und traditionsbewusster Bindung der Basis. Gestern Peking, heute Regen. Der Unterschied könnte größer nicht sein.

Die Veranstalter in Regen hatten Angst, dass Hoeneß seinen Besuch absagen könnte, weil seine Teilnahme an der Asienreise erst kurzfristig beschlossen wurde und der Jetlag hätte die Veranstaltung einen Tag nach der Rückkehr zu einer Tortur machen können. Für ihn war das nie ein Thema.

Uli Hoeneß hat ein Wirtschaftsimperium geschaffen

Hoeneß ist wie geschaffen dafür, die Kluft zwischen den Ansprüchen der weiten Welt und der Region so klein wie möglich zu halten. 1970 kam er als 18-Jähriger zum FC Bayern. Er hat den Klub in mehr als 40 Jahren als Spieler, Manager und Präsident geprägt - und seine Entwicklung vom normalen Fußballverein zur Weltmarke vorangetrieben.

Er hat aus einem Klub mit zwölf Millionen D-Mark Umsatz ein Wirtschaftsunternehmen mit 350 Millionen Euro Umsatz und einem eigenen Stadion gemacht. Er kennt die Zeiten, als vielleicht fünf Rentner beim Training vorbeischauten um Franz Beckenbauer, Gerd Müller und Sepp Maier zu sehen. Heute kommen in Ferienzeiten 5000 Zuschauer auf die Anlage an der Säbener Straße.

Deshalb könne auch nicht jede Trainingseinheit öffentlich sein, erklärt er einem Fan. "Sonst hätten wir nur noch Jahrmarkt. Ein professionelles Arbeiten wäre unmöglich."

FC Bayern will Global Player sein

Es ist ein schmaler Grat auf dem der FC Bayern gerade wandert. Auf der einen Seite will und muss er mit anderen Big Playern der Branche wie Real Madrid, dem FC Barcelona oder Manchester United mithalten, auf der anderen Seite soll er den Bezug zu den kleinen Leuten nicht verlieren.

"Natürlich fahre ich zehnmal lieber in den Bayerischen Wald als nach China", ruft Hoeneß in den Saal und erntet dafür Applaus. "Aber", hebt er an, "aber wir wollen ein Global Player sein und da müssen wir uns auf dem asiatischen Markt positionieren." Für die europäischen Fußballvereine liegt das Geld dort noch auf der Straße. Neben dem FC Bayern war auch VfL Wolfsburg zu PR-Zwecken in China, Spanien und Italien veranstalten in Zukunft ihre Spiele um den nationalen Supercup in Fernost. Manchester United erzielt schon seit Jahren große Teile seines Umsatzes in Asien.

Hoeneß erzählt, wie er und die Bayern am Flughafen von Guangzhou von 3000 Chinesen in Bayern-Trikots empfangen wurden und diese die Klubhymne "Stern des Südens" gesungen haben. Das kommt an.

Uli Hoeneß wirbt um Verständnis

Hoeneß' Auftritt ist ein Werben um Verständnis. Verständnis dafür, dass der FC Bayern nicht ins Trainingslager in den Bayerischen Wald fahren kann, weil die italienische Region Trentino "einen Haufen Geld dafür bezahlt, dass wir dorthin kommen". Verständnis dafür, dass der FC Bayern nach Asien fliegt, um Geld einzunehmen, das man für die internationale Konkurrenzfähigkeit braucht. Schließlich soll irgendwann mal wieder die Champions League gewonnen werden.

Den Fans schmeckt die globale Strategie nicht immer, aber sie glauben und vertrauen ihm. Hoeneß hat in seiner langen Bayernzeit nur selten Fehler gemacht und trotz seiner exponierten Stellung die Nähe zu den Menschen nie verloren, das macht auch dieser Nachmittag deutlich.

Er nimmt jede Frage ernst und beantwortet sie seriös, trotzdem bleibt Platz für humorvolle Momente. Denn auch in Regen versteht Hoeneß manchmal nur Chinesisch. "War das jetzt tiefstes Niederbayerisch oder kommt da noch eine Frage?" Mundart ist Trumpf. Auch als es bei einem Landwirt zunächst um "rammige Kühe" geht, oder ein anderer wissen will, ob Pep Guardiola als Trainer kommt, Hoeneß aber Gladiolen versteht und sich an beschwerliche Zeiten mit Louis van Gaal erinnert fühlt. Hoeneß hat den Saal im Griff und die Lacher auf seiner Seite.

Was kommt nach Uli Hoeneß?

Der Präsident hat seinen Spaß, er fühlt sich auf solchen Veranstaltungen ebenso zu Hause wie auf der großen Bühne, wenn die Top-Sponsoren einladen. Auch als er später mit überdimensionalen Bierflaschen der Hausbrauerei und Geschenkkörben verschiedenster Art eingedeckt wird. Er strahlt, grinst, schwitzt und beißt genussvoll in seine Würstelsemmel.

Die Frage, die sich dabei aber aufdrängt: Wer bedient die folkloristische Nische, wenn Hoeneß sich irgendwann endgültig zurückzieht?

Im November dieses Jahres endet seine erste Amtszeit als Präsident, er wird - sollte nichts Außergewöhnliches passieren - für die nächsten drei Jahre wiedergewählt werden. Aber was kommt dann? Den Vorstandsvorsitzenden Karl-Heinz Rummenigge kann man sich ebenso schwer bei Bratwurst und Bier vorstellen wie den neuen Sport-Vorstand Matthias Sammer.

Klarer Auftrag an die Nachfolger

Doch die Basis verlangt danach. Hoeneß hat schon einen klaren Auftrag formuliert: "Der Klub darf nie vergessen, wo er herkommt." Auch die Spieler würde er gerne öfter auf die Dörfer schicken. "Damit sie sehen, wofür wir das alles machen. Nämlich für euch."

Hoeneß verknüpft sein Schlusswort mit dem Versprechen, dass der FC Bayern in der kommenden Saison im Bayerischen Wald spielen werde. "Und zwar mit der kompletten Mannschaft." Lang andauernde "Uli, Uli"-Sprechchöre beenden seinen Auftritt.

Uli Hoeneß im Steckbrief

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