Hamburgs neue Kampfmaschine

Von Alexander Maack
Donnerstag, 26.07.2012 | 12:40 Uhr
Artjoms Rudnevs hat's nicht so mit der Treffsicherheit. Für einen Stürmer aber kein Problem.
© Imago
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Als polnischer Toschützenkönig von Lech Posen in die Bundesliga - was Robert Lewandowski vormachte, probiert jetzt auch Artjoms Rudnevs. In seiner Spielweise erinnert der Angreifer an einen Ex-Hamburger. Für den HSV ließ der Lette etliche andere Klubs abblitzen.

Einen Spitznamen hatten ihm die neuen Kollegen schon nach den ersten Trainingseinheiten verpasst. Artjoms Rudnevs wird beim Hamburger SV nur noch "Rudi" gerufen. Die Steilvorlage nahmen die Hamburger Fans gerne auf. Schon beim ersten Testspiel gegen den TSV 1860 Rosenheim (1:1) stimmten die Anhänger lang gezogene "Ruuuuudi"-Rufe - wie früher bei Rudi Völler - an, sobald der lettische Nationalspieler an den Ball kam.

Mit Völler verbindet Rudnevs sonst allerdings nicht viel, meint Frank Arnesen. Der HSV-Manager vergleicht seinen neuen Angreifer vielmehr mit einem Hamburger Publikumsliebling vergangener Tage, wenn er über dessen Spielweise parliert.

"Rudnevs ist ein Typ wie Olic, schießt aber mehr Tore", sagt der Däne. "Artjoms war zuletzt drei Mal in Folge der Topscorer seines Teams. Erst in Ungarn, dann in Polen. Er ist ein eiskalter Knipser, er geht richtig steil und braucht nicht viele Chancen für ein Tor."

Die Vorschusslorbeeren des Managers bestätigt die Statistik: In der vergangenen Ekstraklasa-Saison sicherte sich Rudnevs mit 22 Toren in 29 Spielen die Torjägerkrone, zudem war er in den letzten drei Spielzeiten immer der Topscorer seines Teams.

Aufmerksamkeit durch drei Tore gegen Juventus

Doch wer in Ungarn oder Polen trifft, genießt nicht automatisch die Aufmerksamkeit der breiten Öffentlichkeit. Vielen internationalen Fußball-Fans ist Rudnevs dennoch schon seit 2010 ein Begriff. Damals erzielte er im Europa-League-Spiel gegen Juventus (3:3) alle drei Treffer für Lech Posen und war in aller Munde.

Mit einem Spiel hatte er sich in die Notizblöcke vieler europäischer Klubs geschossen. Und Rudnevs überzeugte auch in der Folge. In erster Linie mit Toren. Der 24-Jährige ist kein begnadeter Dribbler und niemand für Kunststückchen. Rudnevs sucht lieber den schnellen Abschluss und gerne den direkten Weg zum Tor. Unkompliziert, schnörkellos. Und immer mit vollem Körpereinsatz. Wie Olic eben.

Vollstrecker statt Vorbereiter

Doch eines unterscheidet ihn vom Kroaten: Er will in erster Linie Tore machen. Während Olic in der Vergangenheit auch gerne als Vorbereiter glänzte, brachte es Rudnevs in den vergangenen beiden Spielzeiten in Posen auf gerade einmal vier Assists.

In Hamburg hat man ihn allerdings ohnehin fürs Toreschießen verpflichtet. Andere sollen vorbereiten - und Rudnevs vollstrecken. An Treffsicherheit mangelte es den Hanseaten in der vergangenen Spielzeit. Mit nur 35 Toren stellten die Rothosen den zweitschwächsten Angriff der Liga.

Hamburgs erfolgreichster Stürmer war mit sieben Treffern Mladen Petric - dessen Rückennummer 10 Rudnevs übernimmt - mit einem Tor weniger folgte ihm Paolo Guerrero, dessen Wechsel zu Corinthians mittlerweile ebenfalls sicher ist. Rudnevs soll es nun deutlich besser machen.

"Rudi ist eine Kampfmaschine"

Bei seinen neuen Kollegen hat der erste Lette der Bundesliga-Geschichte zumindest schon mal einen guten Eindruck hinterlassen. "Er macht gute Wege, läuft in die Schnittstellen, wenn der Gegner nicht damit rechnet", sagte etwa Tolgay Arslan.

"Er ist ein anderer Spielertyp als Paolo Guerrero oder Mladen Petric. Die Beiden sind fußballerisch besser, während Rudi mehr über den Kampf kommt. Aber genau das brauchen wir. Rudi ist eine Kampfmaschine", so Arslan.

Auf dem Platz funktioniert das bisher zumindest im Training gut: Besonders mit Arslan, Rückkehrer Maximilian Beister und Heung-Min Son versteht sich Rudnevs ausgezeichnet.

Im Klub mit Brumas Bruder

Dass der in Daugavpils geborene Lette überhaupt in Hamburg gelandet ist, darf Frank Arnesen durchaus als Erfolg verbuchen. Der HSV hatte seine Scouts schon in der Hinrunde auf Rudnevs angesetzt und ihm einen Wechsel nach Norddeutschland schmackhaft gemacht.

"In der polnischen Liga haben mir viele Spieler nur Gutes über den HSV erzählt", erklärte Rudnevs nach seinem Wechsel. Dabei dürfte auch HSV-Abwehrspieler Jeffrey Bruma eine Rolle gespielt haben, schließlich spielte dessen Bruder Marciano zusammen mit Rudnevs bei Lech Posen.

Bessere Angebote aus England

Als Anfang Mai Klubs aus England, Italien und Russland ihr Interesse bekundeten, hätte der Transfer nochmal platzen können. "Aber da waren wir uns schon mit ihm klar", sagt Arnesen, dem Rudnevs schon vor drei Jahren in der ungarischen Liga aufgefallen war.

Rudnevs, der neben seiner Profikarriere ein Studium zum Sportlehrer absolvierte, hielt sich an seine Zusage. "Er hätte in England viel mehr verdienen können, aber er wollte zum HSV. Das zeigt mir, dass zu seinen großen Fähigkeiten im Strafraum noch ein Plus in Sachen Charakter kommt", sagte Arnesen, der durch das gestiegene Interesse finanziell drauflegen musste.

Mit 3,5 Millionen Euro Ablösesumme ist Rudnevs bisher der Königstransfer des HSV. Dieser Rolle scheint er sich bewusst: "Vor mir liegt die bisher größte Herausforderung in meiner Karriere. Ich will mich in Hamburg unbedingt durchsetzen. Das geht nur über harte Arbeit. Aber ich bin bereit für harte Arbeit."

Wenig Erfolg in Testspielen

In den bisherigen Testpielen konnte Rudnevs jedoch noch nicht wirklich überzeugen, zu viele Bälle versprangen ihm. Im Trainingslager-Kick gegen eine Tirol-Auswahl traf er zweimal, gegen Holstein Kiel scheiterte er vollkommen freistehend am Torwart Niklas Janusch. "Den macht er sonst im Schlaf", sagte sein Trainer Thorsten Fink anschließend.

Wunderdinge erwartet der HSV-Coach von seinem Neuzugang aber trotzdem nicht. In der Nationalmannschaft wartet Rudnevs noch immer auf den großen Durchbruch (2 Tore in 18 Spielen). Und auch das Beispiel Robert Lewandowski zeigt, dass man Rudnevs Zeit geben muss. Auch der BVB-Stürmer kam als Torschützenkönig aus Polen, tat sich im ersten Jahr nach dem Wechsel aber schwer.

Damit ihm die Eingewöhnung allerdings möglichst schnell gelingt, lernt Rudnevs schon fleißig Deutsch. Für Frau Santa und Tochter Arina will er schon bald eine passende Wohnung gefunden haben. Das Drumherum soll passen, damit es auch sportlich klappt.

Denn zwei Ziele will Rudnevs beim HSV so schnell wie möglich erreichen: "International spielen", und: "Irgendwann hier genau wie in Polen treffen, womöglich sogar noch häufiger." Eines Tages vielleicht ja auch wieder gegen Juventus Turin.

Artjoms Rudnevs im Steckbrief

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