Bremens Neuzugang im Porträt

Theo Gebre Selassie: Mit Grips und Pferdelunge

Von Luca Kraus
Sonntag, 22.07.2012 | 15:55 Uhr
Überzeugte bei der EM: Theodor Gebre Selassie (l.) klärt vor Polens Robert Lewandowski
© Getty
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Bei der Europameisterschaft überzeugte Theodor Gebre Selassie mit starken Auftritten für das tschechische Nationalteam. Nun will der offensivstarke Rechtsverteidiger auch bei Werder Bremen durchstarten. Dabei hatte der Akademikersohn noch vor Kurzem eine exotische Karriere-Alternative im Auge.

An Selbstvertrauen mangelt es Theodor Gebre Selassie nicht. Vor dem Viertelfinale der Europameisterschaft lehnte er sich gegenüber tschechischen Medien weit aus dem Fenster: "Jedes EM-Spiel ist hart, egal gegen wen man spielt. Vielleicht ist es gegen Cristiano Ronaldo ein bisschen schwerer, er ist einer der besten Spieler der Welt", sagte Selassie.

"Aber ich habe keine Angst. Ich habe ihn gegen die Niederlande gesehen, da hat er gut gespielt. Er ist sehr schnell, versucht immer in eins gegen eins Situationen zu kommen und erarbeitet sich viele Chancen. Aber ich finde Messi besser, auch wenn es schwer ist beide zu vergleichen, weil sie unterschiedliche Spieler sind", so der 25-Jährige weiter.

Überzeugende Auftritte bei der Europameisterschaft

Ronaldo sah sich in seinem Ego gekränkt und nahm die Herausforderung an. Der Stürmerstar von Real Madrid lieferte ein starkes Spiel und war stets gefährlich. Seine Leistung krönte er, nachdem er zuvor zwei Mal am Pfosten gescheitert war, in der 79. Spielminute mit dem Tor des Tages. Nach einer Flanke von Joao Moutinho setzte sich der Portugiese gegen Selassie durch und traf per Flugkopfball.

Den direkten Vergleich mit Ronaldo hatte Werder Bremens Neuzugang also verloren, seine dennoch überzeugenden Auftritte bei der Europameisterschaft brachten ihn auf die Wunschliste vieler Vereine: der VfL Wolfsburg, der VfB Stuttgart und einige englische Klubs sollen an ihm interessiert gewesen sein. Selassie entschied sich aber für Bremen, wo er einen Vertrag bis 2016 unterschrieben hat.

Schaaf und Allofs schwärmen

"Die Entscheidung ist genau die Richtige. Werder ist ein Verein mit viel Konstanz und Tradition, der immer hohe Ziele hat. Ich möchte in Bremen an meine erfolgreiche Saison anknüpfen", hat sich Selassie viel vorgenommen. 1,8 Millionen Euro Ablöse war der Mann vom tschechischen Meister Slovan Liberec, der in der kommenden Saison mit Kapitän Clemens Fritz die rechte Seite beackern soll, Werder-Geschäftsführer Klaus Allofs wert.

"Wir sind froh, dass wir Theodor trotz einer Vielzahl an Angeboten von Werder Bremen überzeugen konnten. Er ist ein sehr talentierter Rechtsverteidiger, der unseren guten Eindruck durch seine Leistungen bei der Europameisterschaft bestätigt hat", sagte Manager Klaus Allofs. Auch Trainer Thomas Schaaf lobt seinen neuen Schützling: "Alle konnten sich während der EM von seinen Fähigkeiten überzeugen. Er hat sich vor allem durch seine Einsatz- und Laufbereitschaft sowie seinen Offensivdrang hervorgetan."

Katastrophenschutz und 4. Liga

Der 1,82 Meter große Selassie hat aber noch mehr zu bieten: Schnelligkeit, Athletik und eine Pferdelunge, er kann 90 Minuten lang die Linie hoch und runter rennen. Außerdem bekam der Sohn eines äthiopischen Arztes und einer tschechischen Lehrerin die Intelligenz in die Wiege gelegt und besticht durch eine gute Auffassungsgabe und Spielverständnis.

Diese Fähigkeiten erkannten aber nicht alle seiner bisherigen Trainer. Nach Anlaufschwierigkeiten beim Zweitligisten FC Vysocina Jihlava wurde Selassie an seinen Heimatverein Velke Mezirici (vierte Liga) ausgeliehen und erwog mit dem Fußball aufzuhören und sich in Olmütz auf sein Studium des Katastrophenschutzes zu konzentrieren. "Theo hatte Problem mit seiner Ausdauer und körperlichen Widerstandsfähigkeit", erklärt sein Coach von damals, Milan Boksa, "doch er hat immer zum richtigen Zeitpunkt einen Schritt nach vorne gemacht und zurückgeschlagen, wenn es nötig war."

Zweifacher tschechischer Meister

2007 wechselte Selassie, dessen jüngere Schwester Anna tschechische Handball-Nationalspielerin ist, zu Slavia Prag. Dort konnte er zwar in seiner ersten Saison die Meisterschaft feiern, machte aber nur elf Spiele und wurde an Slovan Liberec verliehen. Auch hier machte der 14-fache Nationalspieler zum richtigen Zeitpunkt einen Schritt nach vorne, sodass der Verein die Kaufoption zog.

In der abgelaufenen Saison feierte Selassie seinen zweiten Titel und hatte dieses Mal einen großen Anteil am Erfolg. Er absolvierte alle 30 Spiele über die volle Länge und brachte es auf, für einen Rechtsverteidiger starke, fünf Tore und sechs Vorlagen. Am 4. Juni 2011 folgte beim 0:0 gegen Peru sein Debüt in der Nationalmannschaft, als er in der Halbzeit eingewechselt wurde. Inzwischen ist er aus dem Kader nicht mehr wegzudenken und hat den Mainzer Zdenek Pospech verdrängt.

Rassistische Beleidigungen

Der erste dunkelhäutige Nationalspieler Tschechiens hatte aber lange Zeit mit rassistischen Beleidigungen zu kämpfen. Das kann er bis heute nicht verstehen: "Ich war nur einmal in Äthiopien, als ich zwei Jahre alt war. Das muss man sich mal vorstellen. Da ist ein Schwarzer der Anführer der mächtigsten Nation der Welt und dann diskutieren Leute darüber, warum ich in der tschechischen Nationalmannschaft spiele."

Durch seine Leistungen hat sich die Lage inzwischen aber deutlich verbessert, sodass er die Situation inzwischen mit Humor nehmen kann: "Ich bin froh, dass ich anders bin. So bin ich wenigstens besser zu sehen. Andererseits ist das auch ein Nachteil, wenn ich mal schlecht spiele."

Mutter: "Er hat sich durch die Schule gelacht"

Überhaupt gilt der Humor als sein Markenzeichen, der 25-Jährige lacht viel und gern.

"Er hat den Vorteil, mit einem sonnigen Gemüt geboren zu sein, was ihm immer geholfen hat, negative Reaktionen zu verdauen. Einer seiner Lehrer hat mal gesagt, dass er sich durch die Schule gelacht hat", sagt seine Mutter Jana, die laut eigener Aussage ein halbes Jahr geweint hat, weil er nicht versuchte den Sport mit der Bildung zu verbinden.

"Wenn ich etwas älter bin, werde ich darüber nachdenken", lenkt ihr Sohn ein. "Mir ist schon klar, dass ich als Profi viel Zeit habe und ich mich eventuell wieder bei einer Universität einschreiben sollte." Immerhin darin hätte er dann Cristiano Ronaldo etwas voraus.

Theodor Gebre Selassie im Steckbrief

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